Geschrieben am 1. Oktober 2021 von für Crimemag, CrimeMag Oktober 2021

Sonja Hartl: Paula Hawkins „Wer das Feuer entfacht – Keine Tat ist je vergessen“

Paula Hawkins‘ „Wer das Feuer entfacht“ ist ein seltsames Buch. Das beginnt schon beim Titel. Tatsächlich ist die deutschsprachige Version „Wer das Feuer entfacht“ ganz stimmig: Es geht um die Frage, wer Donald Sutherland auf seinem Hausboot erstochen hat – und die Ursprünge dieser Tat reichen weit zurück. Dieser Mord entfacht also nicht das Feuer, sondern ist Endpunkt einer längeren Entwicklung, die nun nach und nach aufgedröselt wird. Aber genau deshalb passt der englischsprachige Titel „A Slow Burning“ fast noch besser: denn dieses Buch ist tatsächlich ein Slow Burner, bei dem man einige Geduld aufbringen muss.

Im Mittelpunkt stehen vier Frauen, aus verschiedenen Gründen und unterschiedlich schwer traumatisiert, alle mit direkten oder indirekten Verbindungen zu dem toten Donald Sutherland: Laura hatte mit ihm kurz vor seinem Tod einen One-Night-Stand und hat seit einem Autounfall als Kind unkontrollierte Wutanfälle. Das Verhältnis zu den Eltern ist – nett ausgedrückt – gestört, sie ist weitgehend allein und überfordert in dieser Welt. Aber es gibt noch die 80-jährige Irene. Laura geht für die einsame und gelegentlich verwirrte ältere Frau einkaufen, Irene wiederum mag Laura und will ihr helfen. Außerdem lebte Irene neben der alkoholkranken Angela, der Mutter des toten Donald, die aber vor kurzem ebenfalls ums Leben gekommen ist. Dann gibt es noch Angelas Schwester Carla – Tante von Donald –, die kurz vor der Tat auf Donalds Hausboot war. Und Donalds Nachbarin Miriam, die die Leiche gefunden und Lauras Schlüssel vom Tatort mitgenommen hat. Sie ist auf die Familie Sutherland nicht gut zu sprechen, insbesondere hasst sie Carlas Ex-Mann Theo.

Leider sind nicht alle Figuren gleichermaßen überzeugend – die beste Figur von allen ist fraglos Irene –, auch sind sie alle aus verschiedenen Gründen unzuverlässig: Laura aufgrund ihrer Erkrankung, Irene aufgrund ihrer Einsamkeit sowie gelegentlichen Flüssigkeitsmangels, Carla aufgrund von Trauer und Miriam aufgrund ihrer Vergangenheit. Ihre Verwirrung dient manchmal nur dazu zu dienen, die Enthüllung offensichtlicher Geheimnisse zu verzögen und überträgt sich gelegentlich auf die Handlung, die dann einige seltsame Sprünge macht – noch unterstützt durch klare Fehler. Beispielsweise wird in einem Satz statt Theo der Name Donald verwendet, der aber ja eben schon tot ist. Auch greift Hawkins mit diesen Figuren so viele Aspekte auf, dass es fast so wirkt als sollten alle möglichen Traumatisierungen von Frauen abgehandelt werden.

Diese seltsame Oberflächlichkeit zeigt sich noch an anderer Stelle sehr deutlich. „Wer das Feuer entfacht“ beginnt mit folgendem Absatz:

„Blutbesudelt taumelt das Mädchen in die Schwärze. Ihre Kleidung ist zerrissen, hängt ihr in Fetzen vom Leib und entblößt blasse Haut. Einen Schuh hat sie verloren, der Fuß blutet. Alles tut weh, doch der Schmerz hat jede Bedeutung verloren, ist überblendet von tieferem Leid.“

Als im darauffolgenden Satz dann noch ihr Atem mit dem „Hecheln eines Fuchses“ vergleichen wird, dachte ich wirklich, das halte ich nicht aus, ich werde dieses Buch abbrechen. Tatsächlich aber stellt sich dann auf der nächsten Seite heraus, dass diese Passagen aus einem anderen Buch stammen, das Irene gerade liest und mit der Bemerkung „Was für ein Stuss“ zuklappt. Das ist eine großartige Finte, auf die ich sehr gerne hineingefallen bin, ein witziger Verweis auf schlechte Kriminalliteratur, auf die Bücher, in denen das brutale Ableben von Frauen in fürchterliche Sprache und ausgelutschten Bildern geschildert wird. Möglicherweise steckt sogar ein Hauch Selbstironie in diesem Anfang. Immerhin wurde Paula Hawkins‘ Romanen ja auch so allerhand vorgeworfen. (Und es hat ebenfalls etwas, dass dieser Anfang auf der Verlagsseite als Leseprobe zitiert wird.)

Jedoch geht es um mehr als einen gelungenen Einstieg – wie ohnehin oftmals sehr kleine gute Ideen zu sehr ausgewalzt oder mit Bedeutung überhöht werden. Die zitiert Passage stammt aus einem Buch mit dem Titel „Nur eine kam nach Haus“, aus dem im Folgenden immer wieder Ausschnitte zu lesen sind. Es wurde von Carlas Ehemann Theo – natürlich unter weiblichem Pseudonym – geschrieben, der damit einen Bestseller gelandet hat. Die Reaktionen auf Theo, auf das Buch sind amüsant. Tatsächlich aber geht die Handlung dieses Romans auf Miriams Leben zurück. Theo hat in seinem Buch den Ablauf und die Handlung an einigen Passagen verändert. Deshalb steckt hinter ihrem Plagiatsvorwurf auch noch mehr als bloße Stehlen ihrer Geschichte.

Dieser Handlungsstrang reißt die aktuelle Frage an, wer wer wessen Geschichte erzählt. Darüber hinaus wird Theo Misogynie vorgeworfen – völlig zu Recht, hat er doch die Version erzählt, in der das Leid von Frauen ausgeschlachtet wird, sie aber durchaus eine Art Mitschuld tragen und es am Ende zu einer scheinbar befriedigenden Rache kommt. Auch das wäre anknüpfungsfähig an den Diskurs über Gewalt gegen Frauen. Ein Diskurs, der gerade mit Hinblick auf die Domestic Thriller geführt werden sollte, zu denen Hawkins‘ Bücher gerechnet werden. Aber richtig eintauchen will „Wer das Feuer entfacht“ darin nicht.

Und genau so verhält es sich mit jedem dieser angerissenen Themen und Lebensgeschichten: Man erfährt etwas über die Frauen, die alle auf ihre Weise anstrengend sind – was ja durchaus wohltuend ist, aber mittlerweile schon zum Standard gehört. Jedoch geht es dann immer wieder um dieses vermeintliche Rätsel der Ermordung. „Nur ein Hellseher könnte das Ende dieses Buches vorhersehen“ wird auf dem Rückumschlag die New York Times zitiert. Äh, nein. Schon mit diesem Zitat tut man diesem Buch keinen Gefallen. Natürlich evoziert es nicht zufällig Gedanken an Hawkins „A Girl on a train“, jedoch ist das Ende dieses Buches schlichtweg nicht überraschend. Also, keines der beiden, man könnte auch sagen: drei Enden, die es hat.

Vielleicht ist daher die größte Seltsamkeit, dass in diesem Buch mehr als zwei Bücher stecken. Die Ideen und angerissenen Themen hätten für mindestens fünf Titel gereicht. Vielleicht wäre dann der Raum gewesen, an den entscheidenden Stellen weiterzugehen. Oftmals bricht die Erzählung ab, wenn es gerade schmerzhaft wird, wenn es gerade über das hinausgeht, was man kennt, was man weiß, was man schon häufiger gelesen hat. Aber das ist kein bewusstes Abbrechen, um auf eine Lücke zu setzen. Vielmehr ist es, als würde dieses Buch immer nur kurz an der Oberfläche kratzen, aber sobald sich ein Sprung entwickelt, zurückschrecken. (Offenbar färbt der Anfang dieses Buches ab, ich bin sehr kurz davor, als Schlusssatz Leonhard Cohens meistzitierte Songzeile zu zitieren.) Das ist schade. Denn so fügt sich am Ende alles ein wenig zu gut und zu einfach zusammen. Es bleibt ein schales Gefühl zurück, als sei hier etwas nicht zu Ende gedacht, als sei auch hier wieder abgebrochen worden mit dem Kratzen. Letztlich sind diese vermeintlich überraschenden Wendungen nämlich Taten, die nur als schockierend angesehen werden, weil sie von Frauen verübt werden. Aber gerade die Autorinnen des Domestic Thriller haben bereits sehr oft von ihnen erzählt.

Paula Hawkins: Wer das Feuer entfacht – Keine Tat ist je vergessen (A Slow Fire Burning, 2021). Übersetzt von Christoph Göhler. Blanvalet, München 2021. 416 Seiten, Hardcover, 20 Euro.

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