Geschrieben am 3. Oktober 2022 von für Crimemag, CrimeMag Oktober 2022

Robert Rescue: Eine Kurzgeschichte mit Putin und Uri Geller

Auf Biegen und Brechen  

Mit schnellem Schritt und vorgestrecktem Handy eilt Außenminister Lawrow an dem 120 Meter langen Tisch vorbei, bis er an der Kopfseite ankommt. „Wir sind im Arsch, Durchlaucht. Der Angriff auf die Ukraine ist vorbei, die Befreiung der Ukraine von den Ukrainern ist gescheitert. Der Westen hat seine ultimative Waffe eingesetzt.“

Zar Wladimir nimmt das Smartphone und liest.

„Ich dachte, der wäre längst tot. Wo haben die den denn ausgegraben?“

„Sie haben ihn aus der Hölle herbeibeschworen.“ Außenminister Lawrow ist außer sich. „Es ist das Ende, wir sind verloren.“

„Und was will der ausgerechnet mit Schottland? Niemand interessiert sich für Schottland, nicht mal ich.“

Es sind unruhige Zeiten und in solchen Phasen rufen die Menschen nach Superhelden, die alle Probleme lösen können. Leider verfügt die Menschheit über keinen Superman, Hulk oder Captain America. Die Einzigen, die infrage kommen, sind Braveheart MacConnor, der bei den Highland-Games in Schottland seit Jahren den Rekord im Baumstammwerfen hält, der kroatische Wunderheiler Braco, der einfach nur schaut und die Leute damit zwingt, was Vernünftiges zu tun und der Clown Beppo, der im Zirkus Schwappdiwapp zwischen Hamburg und Stuttgart tourt und Witze erzählt, die richtig gut sind und auf die kein Comedian jemals kommen würde. Und es gibt noch Uri Geller, der unglaubliche Löffelbieger. Früher war er damit ein Star, gebannt sahen die Fernsehzuschauer ihm dabei zu, wie er mit seinen mentalen Kräften Omas Erbbesteck unbrauchbar machte und eroberte damit ihre Herzen. Während die anderen genannten Superhelden noch recht gut im Geschäft sind, ist Uri Geller für viele nur noch eine Erinnerung an samstägliche Fernsehabende mit dem Programm der Öffentlich-Rechtlichen.

Jetzt aber ist er zurück auf der Bühne des Weltgeschehens und zwar mit einer Warnung an Wladimir Putin. Er droht den Einsatz seiner Superheldenkräfte an, will sogar die theoretischen Löffelbiege-Fähigkeiten aller Menschen bündeln und somit die Gefahr eines Atomkrieges bannen. Er wisse, so Geller, dass es „Gerüchte und Berichte“ gebe, nachdem Putin den Einsatz strategischer Atomwaffen erwäge. Die Luft knistert regelrecht, endlich stellt sich dem russischen Aggressor jemand entgegen, der mehr auf dem Kasten hat, als in Aussicht zu stellen, Waffen oder Munition zu liefern. 

Er habe gehört, Marinestützpunkte an der schottischen Westküste seien besonders bedroht und spätestens ab dem Punkt wird der hoffnungsvolle Leser von Uri Gellers Twitterbotschaft misstrauisch. Wie, zur Hölle, kommt er auf Marinestützpunkte an der schottischen Westküste? 

Schließlich zählt der Schutz der Zivilbevölkerung, der Schutz von Kultureinrichtungen, die Erhaltung des öffentlichen Nahverkehrs, der Weiterbetrieb von Hollywood und Netflix mehr als irgendwelche Marinestützpunkte in Schottland.

Des Rätsels Lösung: Uri Geller gehört eine kleine, unbewohnte Insel namens „Lamb Island“, die er im Übrigen zu einem eigenen Land samt Staatsbürgerschaft, Flagge, Hymne und Verfassung erklärt hat. Einige andere Umstände, die Gellers außerordentliches Interesse an dieser Insel und Schottland generell erklären, wie der Glaube an eine historisch ägyptisch-schottische Verbindung durch die Reise der Halbschwester des Pharaonen Tutanchamun, Scota, nach eben dorthin und der Glaube, es befände sich ein Schatz auf der Insel, den er durch eine Kristallkugel, die Albert Einstein gehört hat, lokalisiert haben will, und der Umstand, dass der Kauf der Insel durch die Hürde erschwert wurde, dass er mittels Telekinese 1996 ein Fußballspiel zwischen England und Schottland zu Ungunsten Schottlands manipuliert hat, würden jetzt nur verwirren. 

In einem Interview mit dem Qualitätsmedium VICE sorgt sich Geller um die möglichen 200000 Opfer, die ein Angriff auf Schottland haben könnte (hat Schottland so wenig Einwohner?) und fürchtet sich vor der atomaren Wolke, die nach dem Untergang Schottlands über den Atlantik in Richtung USA weht. Einfach schrecklich. Sowohl die Zukunftsaussicht als auch das Interview mit VICE.

Wie nun will der israelische Mentalist Putin in die Knie zwingen? Ganz einfach. Uri Geller will jedes einzelne Molekül seiner Mindpower dazu verwenden, die Atomraketen umzulenken und nach Russland zurückzuschicken.

Und damit diese Magie ihre maximale Effektivität erreicht, sollen alle Menschen mithelfen. Dazu muss sich jeder einzelne nur fünf Sekunden am Tag ein strahlendes Energiefeld vorstellen. Wenn also jeder mitmacht, entsteht ein riesiger Schirm am Himmel und schützt die westliche Welt. Putin, nimm das!

Für den unwahrscheinlichen Fall, dass Putin nicht vor Ehrfurcht erstarrt vor Gellers Mindpower, lässt dieser durchblicken, dass es noch „Kräfte“ gebe, die „weit, weit größer“ seien, als der Russe es sich vorstellen könne. 

Sollte es also nicht klappen, alle Menschen für den Schutzschirm zu mobilisieren, weil sie unkonzentriert an so Sachen denken wie Essen kochen, Sex oder das Fernsehprogramm, dann muss Geller die „weit, weit größeren Kräfte“ einsetzen und ich will gar nicht wissen, was dann passiert.

Liest man sich Uri Gellers Wikipedia-Eintrag durch, quält sich durch das Interview mit VICE und krönt das ganze mit dem Rest, was über ihn im Internet steht, kommt man zu dem Schluss, dass Geller einige Löffel zu viel im Leben verbogen hat.

Aber den Mentalisten lässt ein solcher Vorwurf kalt. Ihm ist bewusst, dass über ihn kontrovers berichtet wird, aber solange diese Neider seiner Fähigkeiten wenigstens seinen Namen korrekt buchstabieren können, ist ihm die Kritik egal. Aber wehe, einer scheitert daran, dann wird aus demjenigen der Suppenlöffel von Oma Inge von 1903. Geller ist davon überzeugt, dass Putin an übernatürliche Kräfte glaubt und deshalb seine Warnung ernst genommen hat. Im VICE-Interview deutet er an, dass er auf seine Mahnung hin einen Brief aus dem Kreml erhalten habe, aber über den Inhalt nicht sprechen dürfe.

Es steht zu vermuten, dass Putin himself auf ein Papier im Format DIN A00 (darunter macht er es nicht) einen Stinkefinger gezeichnet und diese „Antwort“ mit einer Ausscheidung versiegelt hat.

Sollte es aber unwahrscheinlicherweise doch so sein, dass Putin um Gnade gefleht und jeden Gedanken an einen Atomkrieg verworfen hat, dann werde ich nächstes Jahr zu Uri Gellers Museum nach Tel Aviv pilgern und mich vor dem 16 Meter langen Suppenlöffel aus Kupfer vor der Eingangstür in den Staub werfen und, im Namen aller Zweifelnden, um Vergebung bitten.

Ich schwöre.

Robert Rescue bei CrimeMagZu seiner Webseite mit Terminen, Veröffentlichungen etc. geht es hier, einen einschlägigen Beitrag von ihm finden Sie in der Anthologie „Berlin Noir“ und beim Talk Noir im Neuköllner Froschkönig ist er regelmässig unser Stargast.

Im Herbst 2020 Corona zum Trotz erschienen: Robert Rescue: Das Leben hält mich wach. Berlins müdester Lesebühnenautor trotzt dem alltäglichen Wahnsinn mit Humor. Edition MundWerk, Berlin 2020. 146 Seiten, 12 Euro.

Robert Rescue bei uns hier. Beispiele:
September 2022: Die Generalmobilmachung
Juli 2022: Im Berlin Dungeon
Juni 2022: Abends bei Reddit
Mai 2022: Energie sparen
April 2022: Leben ohne Feind
März 2022: Wenig Raum für Ekstase
Februar 2022: Der Kälte-Gottesdienst
Dezember 2021: Sind doch nur Kinder
November 2021: Geht mit Gott, aber geht
Oktober 2021: Keine Zeit zu sterben
September 2021: Bote aus vergangener Zeit
August 2021: Eine Kurzgeschichte mit Wetter

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