Posted On 15. Mai 2017 By In Comic, Crimemag With 1547 Views

Primärtext: Comics als politischer Akt

Comics machen ist immer ein politischer Akt

Kleine Dankesrede, auch für den Comic als politisches Medium

preisAm 5. Mai 2017 erhielt Tina Brenneisen für ihr Comicbuchprojekt Das Licht, das Schatten leert den Comicbuchpreis der Berthold Leibinger StiftungIhre beeindruckende Dankesrede nutzte sie, um über Comics als politischen Akt und Marktdiktate als Zensurinstanz zu sprechen. Wir danken Tina Brenneisen für die freundliche Erlaubnis, ihre Rede hier zu veröffentlichen.

Vielen Dank. Ich danken Ihnen, dass Sie das Medium Comic unterstützen. Das ist nicht selbstverständlich, und man kann es gar nicht oft genug betonen. Vielleicht ist Ihnen das vorher nicht bewusst gewesen, aber Sie unterstützen damit auch einen politischen Akt. Denn Comics zu machen, ganz unabhängig vom Thema, das Sie darin bearbeiten, ist immer ein politischer Akt.

Ich kenne wohl keine andere Tätigkeit, die so ineffizient und unwirtschaftlich wäre, wie das Comicherstellen. Als Zeichner sitzen Sie Monate, gar Jahre an einer Geschichte, es sei denn Sie heißen Nicolas Mahler und haben sich clevererweise die Kurzform geschnappt. In dieser Zeit verdienen Sie kein Geld. Als Verleger von Comics haben Sie die höchsten Produktionskosten in der Branche. Die Auflagen in diesem Bereich sind vernachlässigend klein, die Bücher trotzdem Romangröße, oft noch dazu bunt, das treibt die Druckpreise immens in die Höhe.

Und dann treffen Sie auf eine überschaubare Leserschaft, die so einen Comic innerhalb einer Stunde einfach so wegschnurpst. Jeder vernünftige Mensch würde also sagen: Volkswirtschaftlich ist der Comic bad, really bad. Total desaster.

Aus diesem Grund ist es immer ein politischer Akt, wenn Sie entscheiden, trotz allem Comics zu machen. Sie sind der Bartleby der Buchbranche. Denn Sie verweigern sich einem bestimmten System und einer bestimmten Denke. Sie sind derjenige, der sagt: Ich würde es vorziehen, es nicht zu tun.

tinaSicher ist es Ihnen auch schon aufgefallen, dass im globalisierten Kapitalismus manchmal etwas Seltsames entsteht, etwas scheinbar Paradoxes, etwas, das man eine Art kommunistische Ästhetik nennen könnte, wenn der Begriff nicht selbst ein Widerspruch wäre.

Es passiert mit Filmen, es passiert mit der Literatur, es passiert mit den Städten. Wo immer Sie hinkommen, alles beginnt mit der Zeit gleich auszusehen. Ganz offensichtlich gibt es Momente in diesem System, die eine gewisse Gleichförmigkeit begünstigen. Zensur kann nicht der Grund dafür sein. Niemand hält Sie davon ab, andere Geschichten zu erzählen. Aber der Markt selbst und die Idee, wie dieser Markt funktionieren, scheinen eine gewichtige Zensur darzustellen.

Eine dieser Ideen ist, dass wir wissen, was Menschen lesen wollen und besonders, was wir ihnen zumuten können. Das scheint in den Augen von Marketingleuten nicht besonders viel zu sein. Denn wie sonst lassen sich die unzähligen Geschichten auf dem Markt erklären, die so stark mit Unterhaltung versüßt und mit Spannung versalzen sind, dass man ihren Grundgeschmack oder ihren Autor nicht mehr wiedererkennt.

Und auch aus diesem Grund danke ich Ihnen. Ich danke Ihnen, dass Sie eine Geschichte unterstützen, die es allein aufgrund ihrer schwer verdaulichen Thematik wahrscheinlich nicht auf diesem Markt geben wird. Eine Geschichte, die den Tod nicht ausklammert, sondern dahin zurückholt, wo er hingehört, nämlich mitten ins Leben, mitten in unsere Gesellschaft.

Mir jedenfalls macht das Mut, Mut, weiter zu machen, weiterhin auch Geschichten zu erzählen, die ich für wichtig halte, die mir etwas bedeuten, auch wenn sie keinen großen Absatz versprechen, weil sie zu schwer, zu kompliziert, zu unsexy, zu uncool oder zu politisch sind. Es macht mir Mut, weiter Comics zu machen, auch wenn ich weiß, es wird schwer werden.

Wie Sie vielleicht wissen, ist Bartleby an seiner Verweigerungshaltung zu Grunde gegangen. Er stirbt in der Geschichte von Herman Melville. Ich hoffe sehr, dass Menschen mit einer Haltung – und da schließe ich nicht nur Bartlebys Verweigerungshaltung ein-, in dieser Gesellschaft nicht alle untergehen werden, denn ich fürchte, wir brauchen sie im Moment mehr denn je.

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Blick in das neue, noch nicht veröffentlichte Werk

Ich danke ganz herzlich Stefanie Stegmann, Stephanie Hoffmann und Erwin Krottenthaler vom Literaturhaus und Dagmar Korintenberg von der Raumagentur, die diese wunderbare Ausstellung hier auf die Beine gestellt haben. Es war mir eine große Freude, euch kennenzulernen. Ihr habt euch so viel Mühe gegeben, wart so behutsam und geistreich, und ich finde, es hat sich sehr gelohnt. Ich bin jedenfalls sehr berührt und finde es toll.

Und am allermeisten danke ich… meinen Freunden und meinem Freund, dem Fritzemann, den wohl mutigsten und besten Gefährten, den man sich vorstellen kann.

Tina Brenneisen

Tina Brenneisen, 1977 in Dresden geboren, studierte Psychologie und Philosophie an der TU Dresden und der FU Berlin. Sie arbeitet unter dem Pseudonym PoinT als Comiczeichnerin und Karikaturistin in Berlin und ist Gründerin der Parallelallee, einem kleinen, unabhängigen Verlag für Comics und illustrierte Literatur.

 Für DAS LICHT, DAS SCHATTEN LEERT, erhielt sie 2017 den Comicbuchpreis der Berthold Leibinger Stiftung. Der Preis wird jährlich vergeben und ist dotiert mit 15.000 Euro für die Fertigstellung eines Comicbuchprojekts. Zu Brenneisens Eingabe schrieb Juror Dr. Thomas von Steinaecker: „Die Fallhöhe bei diesem Thema ist gewaltig. In Das Licht, das Schatten leert verarbeitet die Autorin eine Totgeburt. Sie tut dies mit einer Schonungslosigkeit gegenüber sich selbst, die zunächst schockiert. Der anschließende Versuch, zurück in die Normalität zu finden, gestaltet sich dann ebenso quälend wie auch überraschend witzig in seinem Erfindungsreichtum …“

 Links:

Blog Parallelallee.

Parallelallee

Berthold Leibinger Stiftung.

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