Geschrieben am 3. Oktober 2022 von für Crimemag, CrimeMag Oktober 2022

Peter Münder liest „Beutezeit“

Antons ultimative Herausforderung: Als Einzelkämpfer in Kasachstan einen Stahlkonzern aufbauen 

Nach seinen Moskauer Jahren als Rohstoffhändler zur Zeit des kollabierenden Sowjet-Systems von Jelzin und Konsorten schickt Norris von Schirach seinen „blassen“ Helden Anton nun nach Kasachstan, wo ihm der exotische Hedonismus und das üppige  Moskauer Kulturleben fehlt. Ein mit brutalen Täuschungsmanövern und raffinierten Intrigen vertrautes  einheimisches junges Team unterstützt ihn trotz aller konfliktreichen Probleme – auch wenn das rustikale Geschäftsgebaren in Almata so brutal  ist wie im Wilden Westen. Anton will sich  jedoch von plumpen Gewaltexzessen distanzieren und die Steppendeppen gelegentlich mit abgeklärter Attitüde beeindrucken, obwohl er sich unter der Hand einheimische Firmen aneignet, was nur mit dem Segen der einheimischen Bürokraten geht. Er verzichtet auch trotz einer explosiven Gefahrenlage  auf Bodyguards, obwohl die bewaffneten Gangster  hier frei schalten und walten können. Aber Antons Mantra lautet: „Leben heißt kämpfen und kämpfen ist das Gegenteil von Langeweile.“ – Von Peter Münder 

„Vor mir liegt eine zerlegte Glock 17. In diesen tristen Momenten diese halbautomatische Waffe zu reinigen, hilft mir. Ihre Präzision und Magazinkapazität verhalten sich zur Makarow eurer Sicherheitskräfte wie ein Audi S8 zu einem Lada. Du ahnst es bereits, es handelt sich um eine weitere Drohung. Ich stecke in dieser zähen Sinnkrise. Dich zu töten würde sie sofort beenden. Nach nichts sehne ich mich mehr, als endlich etwas Sinnvolles mit meinem Leben anzufangen.“ (Norris von Schirach: „Beutezeit“ / Anton zu einem kasachischen Bürokraten)

Als er von einem New Yorker Headhunter für das Kasachstan-Projekt angeworben wurde, konnte Anton nicht erfahren, wer im Hintergrund die  vierhundert Millionen Dollar für diesen geplanten Stahlkonzern investieren würde. Die anonyme Private Equity-Truppe im Hintergrund wollte innerhalb von sieben Jahren in Almaty mit diesem gigantischen Projekt den asiatischen Markt aufrollen und chinesischen Firmen den Kampf ansagen.  Wer würde Anton eigentlich Beistand leisten, wenn er während dieser notgedrungen illegalen Firmenübernahmen, Bilanzfälschungen, Unterschlagungen, juristischen Querelen und Festnahmen Probleme zu bewältigen hätte? Wie würde die heimische US-Zentrale ihn unterstützen? „Sie sind auf sich allein gestellt“, lautet die Antwort, „wir mögen es Low Profile, die Aktien der kasachischen Firma sollen von einer Off-Shore-Firma auf den British Virgin Islands gehalten werden.“ Da hört man sie fast knistern, die  prickelnde Faszination, die Anton da inhaliert – das ist natürlich, ähnlich wie schon im russischen Thriller „Blasse Helden“, in dem Anton seine Rohstoff-Deals selbst einfädeln und arrangieren musste, ganz nach seinem Geschmack. Andererseits will er dieses  verrückte Pokerspiel ohne Regeln und ohne irgendein bekanntes Know How auch nicht allzu unbedarft über die Runden bringen. Er würde gern mit einem hübschen Aktienpaket als Trost für diese auf sieben Jahre veranschlagte  Mission in einem „STAN“-Land beteiligt sein – gemeint sind neben Kasachstan die Nachbarstaaten Usbekistan, Turkmenistan etc. – also Länder mit dem Status einer Bananenrepublik. Man einigt sich schließlich auf ein Fünftel der Anteile. Damit wäre Anton in einer ähnlichen Situation wie im „Endspiel“ von „Blasse Helden“, als er die kollektive Korruption und den staatlichen Ausplünderungsfeldzug nicht länger mitmachen wollte und Moskau fluchtartig verließ. Aber verleiten die ungehobelten Geschäftspraktiken in der kasachischen Steppe nicht schneller  zu überfallartigen Raubzügen als in Moskau, wo Anton sich ja meistens mit hochkarätig besetzten Konzerten und Opern sowie charmanten Damen über die Niederungen bolschewistischer Grobheiten und eruptiver  Umbruchphasen hinweg tröstete?  Suggeriert „Beutezeit“ also, dass hier auch das „Blasse Helden“-Motto gilt: „Greift zu, ihr Möchtegern-Kapitalisten und bedient Euch in diesem verrotteten Selbstbedienungsladen“?

Anton als moderater Beutezeit-Reformer?

Antons Langzeitstrategie ist auf die Übernahme von halbwegs profitabel operierenden Firmen fokussiert  oder auf den Ausbau von maroden Unternehmen, die man umstrukturieren kann. Im verrotteten kasachischen System bestehen sowieso nur  Aussichten für halbwegs profitable Geschäfte im Stahlsektor, weil China einen unersättlichen Hunger nach Stahl hat und vor allem die kasachische Firma Kazmet diese Gier der Chinesen  streckenweise bedienen kann. Mit seinem kleinen Team von ehrgeizigen Juristinnen und dem jungen Russen Boris, der sich als Antons Fahrer hocharbeitet zum Mann fürs Grobe und sämtliche  knallharten Probleme lösen kann, hat er zum Glück einheimische dynamische Unterstützer – sonst wäre seine Lage völlig aussichtslos. 

Boris und Xenia, Alisha, Anara und Mira sorgen für Antons Weiterbildung hinsichtlich der Themen Korruption, Betrug, juristische Winkelzüge, Gefängnisaufenthalt und Waffenbesitz. Aber sie sorgen auch für seine gute Laune, auch wenn die bürokratischen Amtsgeier über ihnen kreisen, um Antons Strategie zu durchkreuzen. Da klappt es dann mal eben nicht mit dem von Anton unter der Hand übermittelten Tender für ein Werk, weil die offiziellen Wirtschaftsbosse selbst einschreiten und abkassieren wollen. So what, sagt sich Anton: Seine  Dollars schwimmen eh Richtung Offshore und morgen ist auch noch ein Tag.

Experimentierfreudig präsentiert uns Norris von Schirach sein Zeit-Empfinden: Hier ziehen die Monate und Jahre ins Land, dann wird beiläufig erwähnt, dass Anton nun schon seit Jahren seine Kenntnisse für den Erwerb einheimischer Unternehmen erweitert und verfeinert hat. Um den Schwung für eine überraschende Plot-Dynamik aufrecht zu erhalten oder sogar mit Gangster-Effekten und Killer-Brutalität zu steigern, streut er Szenen ein, die selbst abgebrühte tschetschenische Schlächter einschüchtern dürften und Drehbuchschreiber begeistern werden. 

Die nachdenklichen, meditativen Phasen, die man als Leser von „Blasse Helden“ erwartet, gibt es hier auch – da erlebt man Anton etwa als Bergsteiger auf Viertausendern in der abgelegenen kasachischen Steppe auf der Suche nach inniger Abgeklärtheit, wobei er sich sogar für längere Zeit von seinen aufreibenden Geschäften verabschiedet hat. Seine Affären mit den faszinierenden, intelligenten Frauen, die ihn in die Tricks und Täuschungsmanöver kasachischer Bürokratie einführen, sind raffiniert entwickelt und mit ironisch eingefärbten Dialogen und Ausflügen in die Welt gieriger Plutokraten und exaltierter Snobs angereichert. 

Dieser Mix aus kasachischer Kleptokraten-Szenerie, kombiniert mit  Thriller-Episoden aus dem Gangster-Milieu und dem Eintauchen  in Dimensionen einer extremen Zocker-Mentalität ist jedenfalls ebenso einmalig wie hochkarätig. 

Übrigens lebt der Autor nicht in Australien, wie man munkelte, als er für  „Blasse Helden“ sein Pseudonym Arthur Isarin benutzte, sondern in Rumänien. 

Peter Münder

Norris von Schirach: Beutezeit. Penguin Verlag, München 2022. Hardcover, 352 Seiten, 24 Euro. – Der Roman Blasse Helden ist jetzt im September 2022 als Taschenbuch erschienen.

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