Geschrieben am 1. Juni 2021 von für Crimemag, CrimeMag Juni 2021

Peter Münder: Dark Tourism

Jenseits der Instagram-Idylle

Der „Dark Tourism“ als dissonanter Mix aus Erinnerungskultur, Voyeurismus und Informationsbedürfnis

In seiner umfassenden „Dark Tourism“-Studie geht der Tourismus-Forscher Albrecht Steinecke auf das breite Spektrum  ein, das vom Genozid-, Schlachtfeld-und  KZ-Tourismus bis zur Slum-, Friedhofs- und Gefängnis-Exkursion reicht.  Neben den ökonomischen Auswirkungen der Besichtigung von Besuchermagneten wie dem September-11-Memorial in New York, der KZ-Gedenkstätte Auschwitz oder dem Peace Memorial in Hiroshima geht die Studie auch den Motiven der „Dark Tourists“ nach, die Karl Kraus in seiner berühmten „Fackel“-Polemik von 1921 ja als Dumpfbacken-Voyeure beschimpfte, die ihren Schlachtfeld-Voyeurismus  nach dem 1. Weltkrieg bei einer „Kaffeefahrt zur Hölle“ befriedigen wollten. – Von Peter Münder 

Das Amsterdamer Anne-Frank-Haus verzeichnete vor der Lockdown-Phase jährlich 1,2 Millionen Besucher und befand sich damit auf der Liste beliebter Sehenswürdigkeiten an dritter Stelle. nach dem Rijksmuseum und dem Van- Gogh-Museum. Der Pariser Friedhof  Pere Lachaise mit den Grabstellen berühmter Künstler und Autoren wurde von 3,5 Millionen Menschen besichtigt, während die deutschen KZ-Gedenkstätten 2,5 Millionen Besucher verzeichneten. Allein 900.000 Touristen  finden sich jährlich in der KZ-Gedenkstätte Dachau ein. 

Ähnlich hohe Besucherzahlen registrieren Memorials wie das New Yorker National September Eleven Memorial oder das USS Arizona Memorial auf Hawaii, wo das US-Schlachtschiff Arizona am 7.Dezember 1941 von der japanischen Luftwaffe angegriffen wurde und 1.777  Besatzungsmitglieder starben. Die über dem Schiffsrumpf erbaute Gedenkstätte wird jährlich von 1,8 Millionen Touristen besichtigt.

Keine Frage: Dieser Dark Tourism ist in den letzten Jahren immer populärer geworden – doch woran liegt das? Und lässt sich das „Düstere“ dieses dissonanten Tourismus präzise definieren? Schließich zählen Experten auch Grusel-Attraktionen, Slums in Asien, Schlachtfelder, berüchtigte Gefängnisse und Genozid-Zonen zu den populären Attraktionen des Dark Tourism.

Albrecht Steinecke, inzwischen emeritierter Professor der Uni Paderborn und ehemaliger  Geschäftsführer des Europäischen  Tourismus-Instituts, hat mehrere Bücher und Studien über alle relevanten Aspekte des Tourismus verfasst (Film-Tourismus, Kreuzfahrt-Tourismus, Destinationsmanagement, Parks und Gärten etc.) und bereits 2012 zusammen mit Heinz-Dieter Quack einen Band über Dark Tourism („Faszination des Schreckens“/ Univ. Paderborn) vorgelegt. 

Ihm geht es nicht um die Entdeckung neuer Reiseführer-Attraktionen, sondern um den Wandel des Kultur-Begriffs, den er aus der Perspektive eines Soziologen analysiert. Seine historischen Rückblicke – etwa auf den Katastrophen-Tourismus in Pompeji, den Schlachtfeld-Tourismus in Verdun, die australischen Strafgefangenen-Lager, den ehemaligen Nelson-Mandela-Kerker Robben Island in Kapstadt oder den „Schindler-Tourismus“ in Krakau sind ebenso von einem Hang zur statistischen Präzison geprägt  wie auch von seinem Faible für historische Entwicklungen und den gesellschaftlichen Wandel. Vor allem aber stellt er kritische Aspekte zur Diskussion und lässt sich mit oberflächlichen Mainstream-Vorurteilen nicht abspeisen: Das plumpe „So sind sie eben, diese Dark Tourism-Voyeuristen“ könne laut  Steinecke in den meisten Fällen widerlegt werden: So hatte es zwar in New Orleans  2006 kurz  nach dem verheerenden Hurrikan „Katrina“ Busfahrten durch besonders verwüstete Stadtteile gegeben, was bisher von vielen  Tourismus-Experten  als ein sicheres Indiz für den unter Dark Tourism-Anhängern stark verbreiteten, angeblich sensationslüsternen  Katastrophen-Tourismus gewertet wurde. Doch laut etlicher Fallstudien, so Steinecke, habe bei der Mehrzahl der Besucher dunkler Attraktionen der „ernsthafte Wunsch nach einer intensiven Auseinandersetzung mit den schrecklichen Ereignissen“ bestanden. Und viele hätten an den „dunklen“ Erinnerungsorten „existentielle und kathartische Erfahrungen“ mit Einfluss auf ihr weiteres Leben gehabt. 

Um präzise Definitionen des Dark Tourism-Label kommt man offenbar nicht herum: Wie weitere Studien feststellen, verstehen sich die Interessenten von „dunklen“ Attraktionen keineswegs als Touristen: Sie möchten sich vielmehr abgrenzen  vom oberflächlichen unreflektierten Gruppen-Konsum billiger Show-Effekte oder einer längst bekannten niveaulosen Mickey-Mouse-Symbolik. Familienangehörige gefallener Soldaten etwa wollen auf Soldatenfriedhöfen daher immer als Pilger oder Wallfahrer  gelten und nicht als Touristen mit dubiosen Reiseabsichten. 

Was bei der Beschäftigung mit  „dunklen“ Sehenswürdigkeiten oft im Mittelpunkt  steht, ist der Vorwurf von „Verkitschung“, Kommerzialisierung und Trivialisierung: Massive Kritik in dieser Hinsicht richtet sich besonders gegen das New Yorker Nine Eleven-Museum, in dem sich viele Besucher völlig deplatziert fühlen, weil im dichten Gedränge des Souvenir  Shops nur noch  die  hemdsärmelige Profitmaximierung  der Shop-Betreiber dominiert und offenbar kein Gedanke mehr an die  umgekommenen Opfer verschwendet wird.

Im ausführlichen Interview mit dem Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, Professor Jörg Skriebeleit, werden Aspekte zum praktischen Umgang mit multimedialen Techniken, rechtsradikalen Besuchern oder fairen Arbeitsbedingungen in den KZ-Gedenkstätten beleuchtet, die bisher kaum diskutiert wurden: Kann eine Augmented Reality wie etwa ein Hologramm angesichts  immer weniger noch lebender Zeitzeugen die Intensität und Wahrhaftigkeit von Holocaust-Überlebenden ersetzen? Skriebeleits skeptisch-kritische Antwort ist eindeutig: „Kein Medium kann das reale Gegenüber eines lebenden Menschen ersetzen… nichts ersetzt die authentischen Orte, deswegen fahren die Menschen dorthin, sie erwarten Haptik und Nähe. Alles andere sind Hilfskonstruktionen.“

Schöne Dreckige Slum-Welt im Film

Nach der Premiere des indischen Blockbusters „Slumdog Millionaire“ 2008 verdreifachte sich die Zahl der Slum-Besucher in Dharavi (Mumbai), so dass inzwischen das Taj Mahal in Agra erst an dritter Stelle der TripAdvisor-Liste „Beliebteste Urlaubserlebnisse in Indien“ steht und die Slum-Touren die Nr. 1 sind. Steckt hinter dieser Klassifizierung der blanke Zynismus? Nicht umsonst spricht Steinecke im Slumtourismus-Kapitel von „Armutspornographie“ – denn wie kann es angehen, eine Slum-Tour als beliebtes Urlaubserlebnis einzuordnen? Hier schimmert die Ambivalenz einer Grauzone durch, in der sich die Besucher offenbar hilflos fühlen und ihre Slum-Tour eher ratlos einordnen, weil es mit den Guides keine echten Dialoge gibt und die Führer  sich vor allem auf das Vermitteln von  banalen Schönwetter-News kaprizieren. Das zeigt sich auch bei südafrikanischen Township und brasilianischen Favela-Touren: Es gibt zwar ethisch-moralische Zweifel an der Vertretbarkeit dieser Ausflüge – aber letztlich befürworten dann über siebzig Prozent der Touristen dieses Eintauchen in eine von Armut und Entbehrung geprägte Slum-Kultur. Steinecke stellt aber klar, dass die Rolle der Guides – nicht nur im indischen Slum – die gesellschaftspolitisch verheerende Situation geradezu verklärt und ein „Arm aber Glücklich“-Narratv präsentiert, das Ausbeutung, ungebremste Bodenspekulation und Gentrifikation völlig ausblendet. 

Eine Landkarte Kambodschas aus 300 menschlichen Schädeln im Tuol Sleng Genocide Museum, Phnom Pen

 Genozid-Tourismus

Das asiatische Pendent einer „Kaffeefahrt zur Hölle“, die einen komfortablen „all inclusive“-Trip über die Schlachtfelder bietet, dürfte heutzutage das kambodschanische Tuol Sleng Genocide Museum in Phnom Penh liefern. Hier wurden während des Regimes der Roten Khmer (1975-1979) bis zu 14.000 Häftlinge eingekerkert, die gefoltert und ermordet wurden. Während der Khmer-Herrschaft starben in Kambodscha ca. zwei Millionen Menschen – ein Viertel der Gesamtbevölkerung. Es gibt inzwischen einen staatlich geförderten Genozid-Tourismus, von dem angeblich auch die verarmte Bevölkerung profitieren soll. Das ist angesichts der überwältigenden  amtlich abgesegneten Korruption jedoch stark zu bezweifeln. Die lange diskutierten Pläne für einen Rote-Khmer-Themenpark, eine Art Killing-Fields im Disneyland-Stil, sind immerhin wieder vom Tisch. Nun besuchen zwei Millionen Touristen jährlich das Genozid-Museum.

Ob die Motivation der Musemsbesucher in einem historisch basierten Erkenntnis-Interesse oder einer primitiven Sensationsgier liegt, ist unklar. Im Kontext des Aufbaus eines Kigali-Genocide Memorial in Ruanda verweist Steinecke auf ein mustergültiges Verfahren, mit dem dort über die historischen Hintergründe des Völkermords  in Ruanda informiert wird  und allgemeine Fragen wie Gerechtigkeit, Reue und Gewalt angesprochen werden.  

Weitere  Aspekte des „Dark Tourism“ wie Nuklearunfälle und Tschernobyl-Touren, Gruselerlebniswelten, Geister-Touren u.a. werden in diesem faszinierenden Band auch noch ausführlich angesprochen. Albrecht Steinecke demonstriert jedenfalls mit beeindruckender  Souveränität, wie man dieses „dunkle“ Kapitel des internationalen Tourismus extrem erhellend präsentieren und analysieren kann – und mit dem 22 Seiten starken Literaturverzeichnis sowie all den informativen Fotos und Illustrationen das ultimative Kompendium zum Thema Dark Tourism liefert. 

Peter Münder

Albrecht Steinecke: Dark Tourism. Reisen zu den Orten des Leids, des Schreckens und des Todes. UVK Verlag, München 2021, 222 Seiten, 29 Euro.