Geschrieben am 1. Dezember 2021 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2021

Peter Münder: 2000 Seiten Deutschland

Eintauchen in Bilderbuch-Dimensionen mit prickelndem Tiefgang

Drei Bände, vierzehn Kilogramm, zweitausend Seiten, sechstausend Abbildungen: Die gigantischen Kölner Könemann-Bände zur deutschen Kultur und Landschaft sind perfekte Crossover zwischen Lexikon, Geschichtsatlas, Bildband und Reiseführer durch 63 Regionen – Von Peter Münder.

Im Hamburg-Teil des 1.Bandes gibt es neben Exkursen über Hafen, Reeperbahn, Udo Lindenberg, Helmut Schmidt, Brahms, die Flutkatastrophe und Blankenese auch die Testfrage, die wohl von den meisten auswärtigen Besuchern und Hamburgern nur selten richtig beantwortet wird: „Weißt du denn auch, wo das älteste Gebäude Hamburgs steht?“ Es ist der Leuchtturm auf der kleinen Insel Neuwerk bei Cuxhaven, gehört zum Nationalpark Wattenmeer und seit rund 600 Jahren zu Hamburg. Das alles habe ich nicht gewusst; aber nach der Lektüre dieser grandios bebilderten Bände fand ich diese Testfragen so interessant, dass ich im umfangreichen Register nach Stichworten suchte, die in den Bänden behandelt und beantwortet wurden. 

Vor einem Trip nach Jena und Leipzig  lieferte Band 2 (Deutschland Mitte) dann  ausführliche Angaben zu den sieben Wundern Jenas, der beeindruckenden Tradition der Uni und ihrer berühmten „Luftschiffer des Geistes“ (Hegel, Schelling, Fichte,  Schiller), zu Zeiss, dem 145 Meter hohen „Jentower“ sowie  zu Schillers Gartenhaus, in dem Goethe oft zu Besuch war: Der schöne Kultur- und Landschafts-Atlas ist also auch ein idealer Reiseführer, aus dessen üppig illustrierten Infos  und Verweisen zu weiterführenden  Aspekten man ergiebigen Honig  saugen kann. 

Ein perfektioniertes Total-Immersion Prinzip dominiert in diesen spektakulären drei Bänden, denn mit umfangreichen Biographie-Kästen über Künstler, Politiker, Komponisten, Chemiker, Dichter, Sportler, Schauspieler, Berliner Köpfe (Knut der Bär gehört auch dazu!) oder in Chroniken zu Medienstädten wie Hamburg, Köln oder Babelsberg werden gesellschaftspolitische  Entwicklungsprozesse im weiteren Kontext dargestellt: Die „Spiegel“-Affäre mit Fotos vom verhafteten Rudolf Augstein nochmal Revue passieren zu lassen oder die peinliche „Stern“-Panne mitsamt dem pompös aufgeblasenen Rummel um gefälschte Tagebücher einer analphabetischen Dumpfbacke, das ist in diesen Fake-News-Zeiten doch ganz erhellend. 

Die überwältigenden Naturbilder, anrührenden Tier-Impressionen (Panda-Bär bei der Wäsche im Frankfurter Zoo,  kauziger Wiedehopf, spielende Jungpferde ), die Prachtbauten und strahlenden Schlösser suggerieren vielleicht einen Hang zur Idealisierung einer schönen heilen Welt; doch die Rückblicke auf  zwei Weltkriege und Konflikte während der Weimarer Republik, auf brutale NS-Exzesse, KZs, Judenverfolgung und die gnadenlose Jagd auf die Münchener Widerstandsgruppe um Sophie Scholl illustrieren einen gleichermaßen auf  historisch-realistische politische Ereignisse fixierten Blickwinkel der Autoren. Auch die Exkurse über die  DDR-Vergangenheit – Mauerbau und Fluchtgeschichten,  Wendezeit – werden ausführlich dargestellt.

Den Hang zum vollständigen Bild zeigt auch ein chronologisch arrangierter Überblick über deutsche Sportler: Vom ersten deutschen Schach-Weltmeister Emanuel Lasker (1868-1941) über den Boxer Max Schmeling bis zum Radrennfahrer Jan Ulrich, dem Basketballer Dirk  Nowitzki, bis hin zu Steffi Graf und Angelique Kerber reichen diese Kurzporträts. Daneben werden noch berühmte Olympia-Sportler vorgestellt. Extrem umfassend ist hier auch der Kulturbegriff erfasst: Die Industrie-Kultur zwischen Ruhrgebiet, Bayern und Baden-Württemberg wird ausführlich gewürdigt – mit Exkursen über die Entwicklung der Automobile von Benz, Daimler und Opel bis zu Porsche. Keine Frage: Wir sind hier auf einer großen, abenteuerlichen Forschungsreise, die für  uns viele Überraschungen bereit hält. Wenn etwa im Abschnitt über Leipzig die Passagenstadt, der mit einem neuartigen Konzept  operierende Zoo und deutsche Komponisten erörtert werden,  findet man im Kapitel „Musik-Stadt“ eine einfühlsame Analyse und Würdigung zu JS Bach, die auch einen Teil der Johannespassion-Partitur und eine Kupferstich-Reproduktion des Bachhauses enthält. Und im Begleittext zur modernen Bach-Rezeption fehlt nicht der Hinweis, dass „neben den unzähligen klassischen Aufführungen in den Konzertsälen und Kirchen der Welt Anspielungen, Zitate und Adaptionen auch im Jazz oder in der Rock- und Popmusik von Nina Simone, Dave Brubeck oder Keith Jarrett über Paul McCartney, Jethro Tull, Procol Harum bis zu Deep Purple“ den Einfluss Bachs auf nachfolgende Musiker-Generationen illustrieren. Natürlich wird auch die Entwicklung des deutschen Films und der Pop-Musik behandelt.

Für Freunde kulinarischer Freuden gibt es  Rezepte für Spezialitäten aus verschiedenen Regionen, für Historiker  einen umfassenden Überblick über wichtige Phasen deutscher Geschichte. 

Eine in allen Beiträgen demonstrierte Aversion gegenüber Klischees oder Binsenweisheiten sorgt beim Leser für viele Aha-Erlebnisse und überraschende Erkenntnisse. So versteckt sich etwa im Osnabrück-Kapitel ein einfühlsames Remarque-Kurzporträt, in dem der Autor von „Im Westen nichts Neues“  porträtiert wird. Die Nazi-Repressalien gegen ihn sowie seine Exilzeit werden skizziert und inspirieren  so zur  vertiefenden Remarque-Lektüre.  

Es sind die diese faktenreichen und mit kaum bekannten Details angereicherten  Chroniken und Biographien, die zu überraschenden Aha-Erlebnissen führen. Sie werden so prickelnd und faszinierend präsentiert, dass sie zur weiteren Beschäftigung mit dem erörterten Thema einladen.

Die überwältigende, begeisternde Informationsfülle dieser Bände ist noch angereichert mit großartigen Fotos, die den Total-Immersion-Effekt zu einer Art Kino-Erlebnis steigern.  urz und gut:  Diese Bände dürften die ultimativen Höhepunkte für Bibliophile darstellen – auf jeden Fall ergeben sie das perfekte Weihnachtsgeschenk. 

Thomas Hauffe, Detlev Arens, Daniel Kiecol, Katja Sassmannshausen: Deutschland – Kultur und Landschaft. Könemann Verlag, Köln 2021. 3 Bände, über 2000 Seiten, 4000 Artikel, 6000 Abbildungen, 99 Euro. Verlagsinformationen hier und siehe auch hier.

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