Geschrieben am 1. August 2021 von für Crimemag, CrimeMag August 2021

„Paul“ – ein Fotobuch über Paul McCartney

Was backstage passierte …

„Ohne Paul war ein Bild von den Beatles kein Bild von den Beatles. Er war der Magnet, er war derjenige, den man ansah, derjenige, der die Stimmung der Situation transportierte.“ Das sagt der in Glasgow geborene Harry Benson, der wie kein anderer Fotograf an die Band und an ihre Mitglieder herankam und sie auch in privaten Momenten ablichten durfte. Der gerade erschienene monumentale XL-Band „Paul“ aus dem Hause Taschen  – auf 600 Exemplare limitiert und  zudem in zwei Art-Editionen erhältlich– gibt davon schönstes Zeugnis. 2013 gab es bei Taschen bereits „The Beatles on the Road“, jetzt liegt der Fokus auf Paul McCartney, der nächstes Jahr 80 Jahre alt sein wird.

Der Satz von Harry Benson gilt zum Beispiel auch für die Aufnahmen von der Kissenschlacht: Ohne Paul wären es vier junge Männer mit Kissen. „Aber er stellt sich hin und gibt dem Bild seine Stimmung. Er ist ein intelligenter Mann, der seine Arbeit ernst nimmt, und er schien von allen vieren am besten mit dem Ruhm zurechtzukommen, begrüßte Fans, schrieb Autogramme und ließ sich nicht unterkriegen.“ Bensons Lieblingsporträts von Paul aus der Beatles-Zeit sind die im Zug aus „A Hard Day’s Night“. Sie zeigen einen in sich gekehrten jungen Paul, private Momente abseits der Beatlemania. Ich finde besonders das Bild mit der Kaffeetasse ikonografisch.

Die zweite wichtige Benson-Bildstrecke aus dieser Zeit zeigt John und Paul einträchtig am Klavier beim Komponieren im Hotel George V in Paris. Es gibt nur sehr wenige Fotos von ihnen, die sie zusammen beim Schreiben neuer Songs zeigen. Benson war einfach im Hintergrund und fotografierte – während sie ihrer Arbeit als großartigste Songschreiber aller Zeiten nachgingen. 
Wie nahe Harry Benson an den Beatle Paul herankam sieht man auch in einer für „Vanity Fair“ entstandenen Fotostrecke vom Anfang der 90er-Jahre in Südengland, in der Nähe von Pauls Farm in Peasmarsh. Benson sollte Bilder vom zurückgezogenen Leben der Familie liefern. Also kam ihm die Idee, sie in freier Landschaft zu fotografieren. McCartneys Frau Linda, selbst Fotografin, war dabei sehr hilfreich (und kollegial). So kam es zu der Aufnahme mit Lindas Lieblings-Appaloosa-Hengst im Vordergrund und Paul, der sich von hinten nähert.

Das Live- und Backstagematerial im Buch stammt von der Tour „Wings Over America“. Das letzte Mal, dass Paul mit den Beatles in den USA aufgetreten war, lag damals zehn Jahre zurück. Benson fotografierte bei vier Konzerten, konzentrierte sich mal auf die Musiker, mal auf das Publikum, mal auf das, was backstage passierte. 

Bensons Fotos sind unspektakulär, stellen die Arbeit, die darin steckt, nicht aus. Sein erstes Foto in der Glasgower „Evening Times“ erschien, als er 16 Jahre alt war. 1952 arbeitete er bereits für die größte Wochenzeitung in Schottland, dann ging es nach London. Seit Dwight D. Eisenhower hat er jeden amerikanischen Präsidenten fotografiert und ist neben Robert Kennedy gestanden, als dieser ermordet wurde. 2009 schlug ihn Königin Elisabeth zum Ritter 2009 (eines seiner Bücher, ebenfalls bei Taschen, enthält seine Porträts von ihr). Zwölf Preise verlieh ihm allein die National Press Photographer Association, zweimal wurde er als deren „Zeitschriftenfotograf des Jahres“ geehrt.

Meisterlicher geht es nicht. Und mehr Paul als in diesem Buch geht nicht.

Harry Benson, Reuel Golden: Paul. Collector’s Edition von 600 Exemplaren (No. 101-700), jeweils nummeriert und von Harry Benson signiert. Verlag Taschen, Köln 2021. Mehrsprachige Ausgabe: Deutsch, Englisch, Französisch. Hardcover, in einer Acrylbox, Format 26,9 x 37,3 cm, Gewicht 6 kg. 172 Seiten, 600 Euro.Verlagsinformationen.

Ebenfalls erhältlich: zwei von Harry Benson signierte und limitierte Art Editionen. No. 1–50 mit dem Print A Hard Day’s Night, 1964; Art Edition No. 51–100 mit dem Print Wings Backstage, 1976.

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