Geschrieben am 1. April 2021 von für Crimemag, CrimeMag April 2021

non fiction, kurz

Joachim Feldmann (JF), Alf Mayer (AM), Hazel Rosenstrauch (HR), Jan Christian Schmidt (jcs) und Thomas Wörtche (TW) über:

Casey Cep: Grimme Stunden
Lutz Göllner: Ganoven, Mörder, Panzerknacker. Wahre Verbrechen aus der Berliner Unterwelt
Norbert Mappes-Niediek: Europas geteilter Himmel
Christian Steiger: Cars and Crimes
Sacha Szabo (Hg.): Bubble Gum Studies. Der Kaugummi als Kulturträger
Siegfried Tesche: Motorlegenden: James Dean
Johannes Willms: Der Mythos Napoleon

Bloody Berlin

(TW) Der überaus geschätzte Kollege und CrimeMag-Mitarbeiter Lutz Göllner hat mit Ganoven, Mörder, Panzerknacker eine vergnügliche Variante eines ansonsten nicht so vergnüglichen Genres verfasst: True Crime. Das liegt an Göllners Fähigkeit, flott und elegant zu erzählen, und es liegt vielleicht auch ein bisschen daran, dass man sich in ollen Kamellen manchmal richtig wohlfühlt. Vergessen wir mal die üblichen Plattitüden des Vorworts von Andreas Conrad, dass zum Beispiel die „Kriminalitätsgeschichte eng mit der Politik verknüpft ist“ (echt, jetzt?) oder „gleichsam der dunkle Spiegel der Stadtgeschichte“, mon dieu, vermutlich meint er, dass Kriminalitätsgeschichte Stadtgeschichte ist. Aber nu …

Göllner lässt die üblichen Skandale vorbeidefilieren – der erste „Medienprozess“ um Theodor Berger, 1904, der Serialkiller Carl Großmann (Informationsdefizite der Polizeibehörden), dann natürlich die Brüder Sass, Paul Orgozow, der S-Bahn-Mörder, die Gladow-Bande, immerhin den Fall Benno Ohnesorg, den Göllner selbstverständlich in seine Verbrechenschronik aufnimmt, bis hin zu den aufsehenerregenden Fällen, die irgendwie in der eigenen Biographie aufgeschienen sind: Das Mykonos-Massaker, an dem wir (meine damalige Frau und das Ehepaar Adcock, remember Kim, Tom?) nur haarscharf vorbeigeschrammt sind, der lustige Kaufhauserpresser „Dagobert“, den ein paar Polizisten, die ich damals kannte, und die damit befasst waren, gar nicht lustig fanden, au contraire, bis hin zu der immer noch unglaublichen Geschichte von Christin R.,  die mich heute noch Lübars mit anderen Augen sehen lässt oder der Auftragsmord an dem Georgier Selimchan Changoschwili, nur einen Steinwurf von einer von mir häufig frequentierten Buchhandlung entfernt.  Was aber nur sagt, dass Verbrechen genauso zur Stadt gehören, wie andere Events auch.  Von wegen Unterwelt. 

All das kompiliert Göllner mit beträchtlichem tongue-in-cheek-Humor, einem feinen Sinn für Groteskes und Bizarres und der coolen Haltung des Berliners, dem nichts, aber auch gar nicht Menschliches fremd ist. Einfach ein schönes Bändchen. 

Lutz Göllner: Ganoven, Mörder, Panzerknacker. Wahre Verbrechen aus der Berliner Unterwelt. Verlag Der Tagesspiegel, Berlin 2020, 183 Seiten, 18,90 Euro.

Man muss die Jahrestage feiern, wie sie fallen

(HR) Nun ist Napoleon 200 Jahre tot, das konnte sich Johannes Willms nicht entgehen lassen. Er hat bereits 2005 ein – preisgekröntes – 800 Seiten dickes Buch über den Kaiser der Franzosen, den Weltgeist zu Pferde oder doch bösen Usurpator geschrieben. Man sollte es kennen oder zumindest viel über die verschiedenen Phasen der Französische Revolution, den Aufstieg Bonapartes und die Interessen der Könige und Fürsten wissen, denn in den ersten Kapiteln erliegt Willms der Faszination seines Materials, in den kenntnisreichen Details über den Italienfeldzug, die Zustände im Konvent, das Desaster in Ägypten und die Vorgeschichte des 1. Konsuls und späteren Kaisers, geht man leicht unter.

Am besten beginnen der Leser, die Leserin oder die Lesenden mit dem 3. Kapitel, überschrieben “Messias der Revolution”. Wie der Titel sagt, geht es primär um einen Mythos, an dem schon Bonaparte selbst früh gearbeitet hat, wie der Autor kommentierend und interpretierend hervorhebt. Bereits am Anfang seiner Laufbahn ist er “entschlossen, sich von der Vormundschaft des Direktoriums zu emanzipieren”, war er primär an Ruhm und Alleinherrschaft  interessiert, sein Ruhm basiert auf seinem “propagandistischen Genie”, er ist “großsprecherisch”, ehrgeizig, ein gewiefter Taktiker mit ausgeprägtem Machtinstinkt, der lügt, übertreibt und seine Misserfolge beschönigt, mit “geradezu diabolischer Rafinesse” plant er seinen Aufstieg und eine diktatorischen Herrschaft.

Von den Errungenschaften der Revolution und der Bedrohung der Republik durch Royalisten aller Länder ist kaum die Rede, ebenso wenig über Gesetze und Maßnahmen, die das Ende des französischen Feudalismus auch noch nach seiner Niederlage und trotz Restauration mit sich brachten. Es geht um Aufstieg und Fall und Mystifizierung des – immer noch in Deutschland und Frankreich sehr unterschiedlich bewerteten – “Helden”.

Was ist nur in Willms gefahren, dass diesmal, stärker als noch im vorigen Buch, der Held so schlecht wegkommt? Etliche Thesen und Belege standen schon in der Biographie von 2005 und werden hier zugespitzt, sodass ein konturiertes “Deutungsmuster” für den größenwahnsinnigen Aufsteiger entsteht – inklusive Bogen zum Heute. Abwertende Adjektive, missgünstige Interpretationen, Schlachtendetails, Zitatmontagen und Vermutungen steigern sich bis zu Vergleichen mit Vichy. Womit wir wieder beim 200 Jahre alten Streit darüber sind, ob Napoleon die Revolution vollendet hat oder vor allem ein despotischer Bösewicht war.

Johannes Willms: Der Mythos Napoleon. Verheißung – Verbannung – Verklärung. Klett-Cotta, Stuttgart 2020. 384 Seiten, zahlr. Abb., 26 Euro.

Üppig illustriert

(AM) „Die Chronik des Automobils ist nicht komplett ohne die Achsen des Bösen“, heißt es launig im Vorwort von Cars and Crimes aus der Reihe Motorlegenden. Der Journalist Christian Steiger lässt es im weiteren Verlauf des üppig illustrierten Buches noch öfter krachen. Sein Buch ist ein vergnüglich-informativer Beitrag zur Sozial- und Kriminalgeschichte des Automobils, und wie es sich für ein Erzeugnis des Motorbuch Verlags gehört, wartet jedes der zwölf, je einem Kriminalfall gewidmeten Kapitel auch mit dem technischen Steckbrief der zum Einsatz gekommenen Fahrzeuge auf. Al Capone etwa war oft in einem Cadillac Town Sedan unterwegs, der Entführer des Lindbergh-Babys fuhr einen Dodge Six Sedan. Die Geschichte von Bonnie & Clyde endete auf dem Highway 154 bei Bienville Parish in Louisiana am 23. Mai 1934 um 9.15 morgens. Fünf Polizisten nehmen ihren hellgrauen Ford V8 730er Sedan unter Feuer, schießen ihre Magazine leer: 167 Kugeln prasseln auf Gefährt und Insassen ein. Regisseur Arthur Penn zeigte die Szene 1967 in einer Zeitlupen-Sequenz, die Filmgeschichte schrieb. Nur dass bei ihm Bonnie Parker im stehenden Ford V8 stirbt, in Wirklichkeit wurde das fahrende Auto unter Beschuss genommen.
Acht der zwölf ungemein üppig dokumentierten Kriminalfälle haben sich in Deutschland ereignet, so etwa der Mannheimer Postraub von 1949 in der Innenstadt. „Geld her, isch zähl bis drei!“: Zwei bewaffnete Passanten überfallen im Quadrat L 12 nahe am Hauptpostamt ein zum Halten gezwungenes Postauto, das gerade einen Geldsack mit 160.000 frischen D-Mark zur nahen Landeszentralbank bringen will, und brausen mit einem Ford V8 Baujahr 1948 davon. Damals ist das wahnsinnig viel Geld, die Währungsreform mit 40 Mark Kopfgeld liegt noch kein Jahr zurück. Eine verdeckte Ermittlerin, die Kriminalassistentin Inge Lothmann, kann die Täter stellen. Sie gehören zu einer Bande von „Autobahnspringern“, die in der frühen Nachkriegszeit die Fernstraßen des Rhein-Neckar-Gebietes unsicher machen.
Ein Opel Rekord 1954 spielt eine Rolle bei den Liebespaarmorden von Hannover, in der Mordsache Müller, Kaiserslautern, ist es ein roter Borgward Hansa 1800 L2. Zwei Mal dreht sich alles um einen Opel Kapitän, mit Rosemarie Nitribitt verbunden bleibt der Mercedes 190 SL, der damals den Gegenwert eines Wohnhauses kostete. 45.862 km hatte Rosemaries SL nach nur eineinhalb Jahren an ihrem Todestag auf dem Tacho.

Christian Steiger: Cars and Crimes. Reihe Motorlegenden. Motorbuch Verlag, Stuttgart 2021. 256 Seiten, viele Illustrationen, 29,90 Euro.

Einleuchtend erklärt

(JF) Konstantinopel im Jahre 1054. Am Hofe des oströmischen Kaisers ist eine Delegation zu Gast. Im Auftrag von Papst Leo IX. verhandeln die Kardinäle Humbert von Silva Candida und Friedrich von Lothringen mit dem byzantinischen Patriarchen Michael Kerulliaros. Es geht darum, die Einheit der christlichen Kirche wieder herzustellen. Doch die Gespräche scheitern, die Verhandlungsteilnehmer exkommunizieren sich gegenseitig, und 1054 geht als das Jahr des „großen Morgenländischen Schismas“ in die Geschichte ein. Doch schon diese Bezeichnung ist einseitig, suggeriert sie doch, dass sich die Ostkirche von Rom abgespalten habe. Aus byzantinischer Sicht stellt sich die Angelegenheit genau umgekehrt dar. Schuld am Schisma trägt jeweils der andere. So beschwert sich Patriarch Michael beim Kaiser, die römische Delegation sei zu bestimmend aufgetreten. Und das mit vollem Recht, wird sich Kardinal Humbert gedacht haben, schließlich wähnt sich die römische Kirche im Besitz der Wahrheit. Ein Kompromiss, wie ihn Byzanz wahrscheinlich akzeptiert hätte,ist unmöglich.

Der Journalist Norbert Mappes-Niediek erzählt diese Geschichte einer gescheiterten diplomatischen Mission, als ob sie sich gestern und nicht vor fast 1.000 Jahren zugetragen hätte. Und das aus gutem Grund, illustriert sie doch perfekt die zentrale These seines neuen Buches Europas geteilter Himmel. Warum der Osten den Westen nicht versteht. Jene Konstellationen, die damals zur Kirchenspaltung führten, hätten sich nämlich nicht nur erhalten, sondern „sogar verfestigt und immer wieder verjüngt“. Und dafür kann Mappes-Niediek, der seit vielen Jahren für deutschsprachige Medien aus Südosteuropa berichtet, allerhand Beweismaterial vorlegen. Besonders anschaulich wird seine Argumentation, wenn er die „nachbarschaftlichen Nationen“ des Westens den östlichen „Familiennationen“ gegenüberstellt. Verlangten die einen Anpassung an „Werte, Sitten und Gebräuche des Landes“, interessiere man sich dort, wo schon seit jeher unterschiedliche Ethnien und Religionsgemeinschaften nebeneinander leben, kaum für die „Eigenheiten, Gebräuche und Umgangsformen“ von Zuwanderern. Der Autor weiß natürlich, dass bildliche Darstellungen dieser Art nicht immer passgenau sind, aber gerade deshalb gelingt es ihm, einleuchtend zu formulieren.

Angesichts der Verwerfungen, denen die  Europäische Union und ihre Nachbarstaaten momentan ausgesetzt sind, ist dies ein Buch zur rechten Zeit. Dass seine Lektüre nicht nur erhellend, sondern auch sehr unterhaltsam ist, sollte niemanden vom Erwerb abhalten.

Norbert Mappes-Niediek: Europas geteilter Himmel. Warum der Westen den Osten nicht versteht. Ch. Links Verlag, Berlin 2021. 297 Seiten, 22 Euro.

Rasante Lektüre

(AM) Jetzt im Februar wäre er 90 geworden. Aber für kaum einen anderen als für ihn galt jener Satz aus dem Nicholas-Ray-Film „Knock on Any Door“ (mit Humphrey Bogart): „Lebe schnell, stirb jung und hinterlasse eine gutaussehende Leiche.“ James Dean wurde nur 24 Jahre alt – und mit nur drei Filmen zu einem Mythos. In der Reihe Motorlegenden zeichnet Siegfried Tesche jetzt sein Leben nach und macht auf 240 Buchseiten und mit vielen, teils erstaunlichen Abbildungen klar, wie sehr dieser Schauspieler den Rausch der Geschwindigkeit liebte und wie eng er mit der Geschichte von Porsche in den USA verbunden ist. Zusätzlich gibt es Porträts von zwei Porsche-Mitarbeitern, dem Techniker Herbert Linge und dem Mechaniker Rolf Wüthrich sowie ein Interview mit Dennis Hopper, dazu viele seltene Archivfunde.
Sieben Tage nach dem Drehende von „Giganten“ kollidierte James Dean am 30. September 1955 mit seinem neuen silberfarbenen Porsche 550 Spyder nahe dem kalifornischen Cholame auf der Route 466 an der Kreuzung der Highways 41 und 46 mit einem schwarzweißen Ford Tudor Custom. Der motorbegeisterte Siegfried Tesche, der letztes Jahr ein Buch über James Bond und seine Autos vorlegte (meine Besprechung hier), beschreibt die Tage und Stunden vor dem Unfall minutiös, bietet so manches verblüffende Recherchedetail. Und er blättert uns James Deans Leben auf. Streng genommen, geht es in dem Buch „nur“ um 24 Jahre, aber sie haben es in sich. Es war jene Zeit, in der sich unser ganzes Leben beschleunigte. Das Buch macht das eindringlich klar. 

Siegfried Tesche: Motorlegenden: James Dean. Motorbuch Verlag, Stuttgart 2021. 240 Seiten, viele Illustrationen, 29,90 Euro.

Ein Buch über ein Buch, das nie erschienen ist

(jcs) Unter dem schönen Title Grimme Stunden erscheint im Ullstein Verlag ein interessantes Werk der jungen US-Autorin Casey Cep. Sechs Morde, ein Prediger und Harper Lees letzter Roman heisst es weiter im Untertitel. Worum geht’s? Im Jahre 1960 feierte die Schriftstellerin Harper Lee mit ihrem Debüt-Roman „Wer die Nachtigall stört“ einen weltweiten Erfolg. Das Buch verkaufte sich Bombe, wurde von der Kritik gelobt, mit renommierten Preisen bedacht und erfolgreich mit Starbesetzung verfilmt. Dann wurde es still um die weltberühmte Autorin Harper Lee. Sie zog sich aus der Öffentlichkeit zurück und kämpfte mit einer andauernden Schreibblockade und einem starken Drang zu alkoholhaltigen Getränken. 1978 tauchte Harper Lee auf dem Radarschirm wieder auf: Ein berüchtigter Prediger aus Alabama soll binnen mehrerer Jahre zwei Ehefrauen und drei weitere nahestehende Verwandte getötet und deren Lebensversicherungen kassiert haben. Der Reverend war mehrmals vor Gericht gestellt, aber immer wieder freigelassen worden. Auf der Beerdigung des letzten Opfers schließlich wurde der Prediger vor knapp dreihundert Zeugen von einem trauernden Angehörigen erschossen. 

Harper Lee war von dem Fall des Mehrfachmörders wie elektrisiert. Sie verfolgte den Prozess gegen den Rächer seines letzten Opfers und soll in der Gegend von Alexander City mit nahezu jedem Menschen gesprochen haben, der auch nur entfernt im Zusammenhang mit dem Prediger stand – mit Angehörigen der Opfer, mit Polizisten, Journalisten und Zeugen. Aus der Fülle ihres Materials wollte Lee einen True-Crime-Roman nach dem Bilde des berühmten Capote-Buches „In Cold Blood“ (1966) formen. Haper Lee war seit Kindheitstagen mit Capote befreundet und hatte als studierte Juristin Capote für dieses Buch zugearbeitet. Obgleich die Autorin viel Zeit, Mühe und auch Geld in ihr Projekt mit dem Arbeitstitel „The Reverend“ investierte und schon Star-Schauspieler für eine Filmversion zu begeistern versuchte, wurde es doch allmählich wieder mäusestill um die Schriftstellerin. Ein Buch über den mordenden Reverend erschien nie – bis zu ihrem Tod im Februar 2016 blieb „Wer die Nachtigall stört“ Harper Lees einziges Buch. 

Wie Harper Lee auf den Spuren des mordenden Reverend ist die Autorin Casey Cep auf Harper Lees Wegen durch Alabama gereist und hat nach mehreren Jahrzehnten ihre Spuren gesichert. Entstanden ist ein Buch über einen echten Kriminalfall – und ein Buch über ein Buch, das nie erschienen ist – über eine Autorin, die in tiefes Schweigen versunken ist. Schon diese Brechung verspricht höchste Spannung – und Auflösung, denn vielleicht ist Casey Cep eben das Buch geglückt, das Harper Lee hatte schreiben wollen.

Casey Cep: Grimme Stunden. Sechs Morde, ein Prediger und Harper Lees letzter Roman (Furious Hours:  Murder, Fraud, and the Last Trial of Harper Lee, 2019). Deutsch von Claudia Wenner. Ullstein Verlag, Berlin 2021. 480 Seiten, Hardcover, 24 Euro.

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