Geschrieben am 1. September 2022 von für Crimemag, CrimeMag September 2022

Moritz Hürtgen „Der Boulevard des Schreckens“

Absurd und treffsicher

Eine Rezension von Frank Schorneck

Martin Kreutzer, mit Ende 20 Volontär einer überregionalen Berliner Tageszeitung, nimmt den Mund ziemlich voll, als er sich in einer Redaktionssitzung, in der Volontäre traditionell die Klappe zu halten haben, zu Wort meldet und ein exklusives Interview mit dem allseits gefeierten Performancekünstler und Festivalkurator Lukas Moretti verspricht. Denn Moretti lehnt Interviews mit dem in seinen Augen reaktionären Blatt seit jeher ab, Kreutzer aber verweist darauf, dass er mit Moretti gemeinsam studiert habe und auf diesem persönlichen Kontakt aufbauen könne. Dass sich während des „gemeinsamen“ Studiums die Wege der beiden allerhöchstens peripher gekreuzt haben, verschweigt er sicherheitshalber. So erhält er den Auftrag, allerdings mit dem klaren Hinweis, dass seine Karriere an dieser Stelle beendet sei, sollte er mit leeren Händen zurückkehren. 

Im Umfeld des „Beschwörungen“-Festivals in München gelingt Kreutzer nach mehreren Anläufen tatsächlich ein Treffen mit Moretti, doch zum Interview kommt es nicht. In seiner Verzweiflung beschließt Kreutzer, ein Interview zu fälschen. In derselben Nacht, in der das Fake-Interview in die Berliner Redaktion geschickt wird, wird Moretti in der Nähe seines Heimatortes von einem Zug erfasst. Unvermittelt wird der Journalist, der das letzte Interview mit Moretti geführt hat, in die bayerische Provinz geschickt, um den Todesumständen des Künstlers auf die Spur zu kommen.

Moritz Hürtgen, Jahrgang 1989, ist seit Anfang 2019 Chefredakteur des Satiremagazins Titanic. Der Einstieg in seinen Debütroman erfüllt jegliche Erwartungen, die man an eine satirische Medienbetrachtung in Romanform stellen könnte. Er arbeitet mit bekannten Klischees und Versatzstücken. Von der Karikatur einer Redaktionssitzung samt koksendem Chefredakteur bis hin zu den Einblicken hinter die Kulissen des „Beschwörungen“-Festivals, die „Hurz!“-Qualitäten aufweisen, liefert Hürtgen zwar wenig Überraschendes ab, das aber in einem durchaus gelungenen Tonfall. Doch mit dem Eintreffen des Volontärs und vermeintlich investigativen Journalisten in Kirching erfährt der Roman zunächst kaum merklich einen Bruch, wandelt sich von der Mediensatire zu einem Kriminalroman mit Mystery-Anleihen.

Kirching ist ein geteilter Ort, im traditionellen, dörflich geprägten Altkirching blickt mehr als nur skeptisch nach Neukirching, wo es auch Hochhäuser gibt und „Fremde“ wohnen. Zunächst kaum merkbar, dann immer heftiger, verschieben sich die Realitätsebenen. Es kommt zu geheimnisvollen und bizarren Todesfällen. Vieles deutet auf übernatürliche Phänomene hin, während eine sich bildende Bürgerwehr in Altkirching eine islamistische Gefahr aus Neukirching wittert. Und kann Kreutzer überhaupt seinen Sinnen trauen?

Hürtgens Romandebüt trumpft mit absurdem Humor auf, mit Wendungen, die sich nicht darum scheren, ob sie schlüssig sind. Es will mehr sein als die Satire auf den Medienbetrieb und auf Phänomene unserer Zeit, als die er vom Verlag bezeichnet wird. Als Krimi mit Akte X-Flair weiß er aber ebenfalls nur bedingt zu überzeugen. Mit Witz und Drive steuert er immer wahnwitziger auf eine Auflösung zu, die man möglicherweise für genial halten kann. Man kann sie aber auch als sehr halbgare und unbefriedigende Schlusspointe lesen, mit der es sich der Autor letztendlich doch sehr leicht macht, sich aus dem Gewirr an Handlungssträngen und Geheimnissen zu befreien. Der Weg dahin allerdings ist ein großer Spaß, randvoll mit treffsicheren Karikaturen aus Journalismus, Kunstszene, Politik oder Stammtisch.

Frank Schorneck 

Moritz Hürtgen: Der Boulevard des Schreckens. Verlag Antje Kunstmann, München 2022. 304 Seiten, 24 Euro.

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