Geschrieben am 1. Juni 2022 von für Crimemag, CrimeMag Juni 2022

Mississippi revisited – Rolf Barkowski beim 19. Juke Joint Festival vor Ort

Mississippi revisited

Bericht vom 19th Juke Joint Festival in Clarksdale, Mississippi (21.-24. April 2022)

Endlich zurück! Zurück in Mississippi. Über zwei Jahre gab es für den Bluesliebhaber aus Europa wegen Covid keine Chance, ein Bluesfestival in den USA zu besuchen.

Das Juke Joint Festival in Clarksdale (ca. 120 Km südlich von Memphis) sollte also der beste Versuch sein auszuprobieren, ob eine Rückkehr zum normalen Festival Alltag möglich ist.

Doch am Anfang steht der aktuelle Covidtest. Ein Tag vor der Abreise. Zähneklappern angesagt.

Was, wenn der Test positiv ist? Reise ade und die ganze Kohle weg. 

Alles geht gut. Negativ – so ein schönes Wort!

Im Flieger nach Charlotte herrscht noch strenge Maskenpflicht. Nach Ankunft und beim Weiterflug die Maske nur noch `optional`. Im Klartext: maximal 10% aller Menschen sind mit Maske unterwegs – das gleich gilt für das Festival. Wie auch immer. Nicht nur Blues total erwartet uns, sondern auch der ultimative Covidtest. Es wird geküsst und geknuddelt. „Welcome back my friends (to the show that never ends…“); „wie schön, dass ihr wieder da seid….“

Auf ins Geschehen. Dem Besuch des Juke Joint Festivals steht nichts mehr im Weg. 

Das viertägige Festival findet jedes Jahr Ende April in Clarksdale statt. Bereits zum neunzehnten mal. Kostenlos! Nur für die Abendveranstaltungen muss ein Armband für 20 Dollar gekauft werden.

Über 16 Außenbühnen für die Auftritte am Tag und 22 Indoor Bühnen für die Abend- bzw. Nacht- Veranstaltungen erwarten den Besucher. Mehr als 100 Blues Acts!

Dazu 29 Grad und strahlender Sonnenschein an allen vier Tage. Besser geht es nicht.

Tag 1, Donnerstag: 

Toller Kick Off Event im New Roxy, einem ehemaligen Kino. Nach Sean`Bad`Apple steht der Großneffe der Blueslegende Muddy Waters Keith`Prince of the Delta Blus`Johnson auf der Bühne. Begleitet von seiner Band und dem großartigen Harmonikaspieler Jock Webb an seiner Seite stimmt der junge Musiker mit einem mitreißenden `Hoochie Coochie Man` ebenso wie mit seinen langsamen Bluesnummern das Publikum auf die nächsten Tage ein.

Tag 2, Freitag:

Schon ab Mittag volles Programm auf allen Bühnen und die Qual der Wahl beginnt.

Jesse Cotton Stone, mittlerweile in Clarksdale zu Hause, tobt sich mit Deak Harp vor dessen Harmonika Shop aus. Energie pur. `Hell Country Blues` so nennt Jesse seinen ureigenen Mix aus Hill Country- und Delta -Blues, aus Soul, Funk und Psychedelic Rock & Roll.

Einer der Höhepunkte des Tages : der Auftritt von Cadillac John Nolden begleitet von Bill Abel. 

Am 12. April 95 Jahre alt geworden, legt Cadillac einen einstündigen Auftritt vom Besten vor. Sein mit brüchiger Stimme und  Harmonikaspiel vorgetragenes `Smokestack Lightning` – ein Highlight. 

Die Belgierin Ghalia Volt, die während der Pandemie ihre `One Woman Show` entwickelt hat, zeigt am Schlagzeug und Gitarre, dass sie mittlerweile in ihrer neuen Heimat, im Delta angekommen ist. Rauh und groovy ihre Songs.

Eric Deaton und Kenny Brown begleiten mit einem akustischen Set die Eröffnung einer Fotoausstellung in der Orange Door Gallery. Hill Country Blues live zu den Fotos der Väter des Hill Country – Junior Kimbrough und R.L. Burnside – an der Wand.

Duwayne Burnside bringt mit seiner Band am frühen Abend das Bluesberry Cafe zum Kochen. 
Gleichzeitig stellt Lightnin` Malcolm im New Roxy seine neue CD `Turn Up On Loud` vor. 
Terry `Big T` Williams spielt im überfüllten Club Red`s. Wohin zuerst? Der Bluesliebhaber muss sich entscheiden.

Zurück zum Bluesberry: Robert Kimbrough SR. auf der Bühne. Duwayne begleitet ihn am Bass. Robert spielt viele Stücke seiner letzten CD `Pain Won`t Stop`. Ruhiger, stiller Blues, Sprechgesang mit großer Eindringlichkeit.

Carlos Elliot Jr. und Bobby Gentilo beenden den Abend – nun beginnt die Blues Party endgültig.

Auf der anderen Straßenseite, kurz vor Mitternacht im Plattenladen The Den: Kenny Brown an der akustischen Gitarre, an der Harmonika Deak Harp. Die Musiker in bester Spiellaune.

Es wird spät.Weit bis nach 1:00 Uhr in der Nacht.

Spätestens bei diesen Auftritten wird das ganz Besondere des Festivals deutlich. Jeder spielt mit jedem. Immer neue Kombinationen bei den Auftritten der Musiker, die es nur hier gibt und die jeden Auftritt zu einem einmaligen Erlebnis werden lassen. Auf der Bühne jammen die Musiker ohne Ende. Das Publikum kommt aus dem Staunen nicht raus.

Tag 3, Samstag:

Wie immer der Höhepunkt des Festivals. Die Straßen sind gesperrt und gefüllt mit Verkaufsständen aller Art. Vom original Festival Shirt bis zum geschnitzten Crossroads-Schild – alles wird angeboten.

Blues von jeder Bühne. Die höchste Bluesdichte auf der Welt an diesem Tag.

Von Pat Thomas zu Little Willie Farmer weiter zu Johnie B. & `Queen` Iretta Sanders und Anthony `Big A` Sherrod. 

Der Besucher sieht eine Newcomerin (!), die 79 Jahre alte Miss Australia `Honebee` Jones, die Schwester von Paul Wine Jones. Im letzten Jahr aufgetaucht  in den Clubs rund um Clarksdale. Ein Soloauftritt. Nur ihre Stimme und Gitarre. Traditionals im Stil von Jesse Mae Hamphill und Coverversionen alter Bluesnummern – the real deal Blues.

Die Hill Country Fraktion vertritt R.L Boyce, heute begleitet von Jock Webb`s  HarmoniKa und Lightnin`Malcolm an der Gitarre.

Memphissippi Sounds, Bill Abel, Jesse Cotton Stone, Libby Rae Watson im Abstand von 100 Metern. Auf den Abendbühnen die Wahl zwischen Kingfish, Rip Lee Pryor, Jimmy `Duck` Holmes, Jimbo Mathus, Super Chikan – um nur einige zu nennen.

Tag 4, Sonntag:

Für alle die noch Kondition haben: das Free Cat Head Mini Blues Festival mit der Chance Musiker zu hören, deren Auftritt man verpasst hat.

Dieses Mal dabei:

Anthony `Big a` Sherrod, The Reverend Peyton`s Big Damn Band, Sean `Bad` Apple, Terry `Big T` Williams , Lucious Spiller.

Für mich das Highlight an diesem Nachmittag: Kirk Flecher mit dem „Überraschungsgast“  Charlie Musselwhite!

Der Tag geht zu Ende und unglaublich, wen und was man mal wieder verpasst hat. 

Das große Drama dieses Festivals. Jede Menge Auftritte zur gleichen Zeit. Trotz Dauerlauf von Bühne zu Bühne…. alles geht leider nicht. Schon irre diese Fülle der Auftritte. Ich kenne kein anderes Festival mit einem solch riesigen Angebot.

Resüme: Ein tolles Festival, in dieser Dichte und mit den unterschiedlichen Auftritten der Musiker in den Bands wohl einmalig.  Ein großartiger Überblick über die aktuelle Bluesszene im Delta. Ein Festival, das getragen wird von dem unbändigen Spaß der Musiker ebenso wie von der Begeisterung der Besucher. 

Schön zu sehen, dass alle Musiker gesund durch die Pandemie gekommen sind und überlebt haben (geschäftlich). Groß die Hoffnung, dass der Alltag wieder zurückkehrt. Die Vorfreude auf den 20ten (!) Juke Joint in 2023 ist jetzt schon riesig.

Hinzu kommt: Den Covid-Dauerstreß-Test bestanden! Der mitgebrachte Schnelltest negativ, der Test zuhause ebenfalls. War`s das mit Covid? Wohl nicht. Aber kein Gedanke mehr daran im Moment. Zulange hat Covid das Denken und Handeln regiert. Ab jetzt wird reagiert!

Entschuldigung für die Aufzählung der vielen Bluesmusiker. Ich denke, den meisten sagen viele Namen nichts. Es lohnt sich allerdings den einen oder anderen Künstler zu googeln, auf YouTube anzuschauen, sich die eine oder andere CD zu kaufen. Es gibt eine Menge zu entdecken. 

Wer kannte vor 5 Jahren Christone `Kingfish` Ingram? Groß geworden in der Blues Klasse des Delta Blues Museum’s Arts and Education Program gehört der heute 23jährige zu den gefragten Stars auf den Bluesfestivalbühnen weltweit.

Mit fünf Blues Music Awards war er der erfolgreichster Künstler im Jahr 2020.

Kenny Brown und Eric Deaton dürften spätestens seid ihrer erfolgreichen Mitarbeit auf dem letzten Black Keys Album `Delta Kream` den Musikliebhabern bekannt sein. Aufgewachsen in der Mississippi Hill Country Tradition tragen die  langjährigen Begleiter von R.L.Burnside und Junior Kimbrough einen großen Teil zum Riesenerfolg des Albums bei.

Ganz viele große wie ganz viele kleine Namen – alles dabei beim Juke Joint Festival.

Hier kann man sie treffen, sie hören – alles live. Take your chance!

Rolf Barkowski