Geschrieben am 30. Januar 2010 von für Crimemag, Kolumnen und Themen

Milo Rau: Die letzten Tage der Ceausescus

Penetrante Bilder

Am 25. Dezember 1989, um 14:50 Uhr wurden Nicolae und Elena Ceausescu ohne weitere Formalitäten nach einer Farce von Gerichtsverfahren auf dem Hof einer Kaserne im rumänischen Tagorviste erschossen. Der Kameramann, der die Exekution aufnehmen sollte, kam zu spät. Dennoch haben sich die Bilder des Prozesses und der Leichen ins kollektive Bewusstsein gebrannt. 20 Jahre später hat Milo Rau die letzten Tage der Ceausescus penibel rekonstruiert. Ein Trip ins Absurde. Thomas Wörtche hat sich ein paar Gedanken dazu gemacht …

TV-Bilder, die sich festfressen – die Ermordung Kennedys, die Mondlandung, 9/11 und ganz sicher das seltsame Tribunal um die Weihnachtszeit 1989. Elena und Nicolae Ceausescu vor einem improvisierten Gericht in schäbigen Räumen irgendwo in der Provinz, in Pelzmäntel gehüllt und nichts anderes als Verwirrung und Todesangst ausstrahlend. Dazu noch ein paar Bilder von der Anlieferung des Diktatorenpärchens, wie sie sich ungelenk und peinlich aus einem gepanzerten Transporter zwängen; später dann ein paar Impressionen direkt nach der Hinrichtung.

Ich lag damals mit einer schweren Grippe und hohem Fieber auf dem Sofa und habe diese Gruselshow als eine Art Delirium mitbekommen. Immerhin gehören diese Bilder laut einer New-York-Times-Studie zu den prägenden TV-Events des 20. Jahrhunderts.

Der Schweizer Autor, Journalist und Theatermacher Milo Rau geht von einer ähnlichen Erfahrung aus, obwohl er 1989 noch ein Kind war, aber was er damals gesehen hatte, war der gleiche Horror: „… zwei alte Leute an einem Tisch, zwei böse Engel der Geschichte, eingehüllt in Zobelmäntel … Noch redeten sie …, dann würden die beiden erschossen werden, hektisch, fast beiläufig, mit insgesamt 90 Kugeln.“ Was damals im späten Dezember über die Mattscheiben flimmerte, waren nur Fragmente, Bilder, Trümmer.

Ein Video des Prozesses (nicht der Hinrichtung) tauchte erst 1990 auf – ein Transkript dieses Videos dient Milo Rau heute als Vorlage für ein Theaterstück, das er als Re-Enactment inszeniert; also als penibel rekonstruierte Geschichte, die für Rau zu einer eminenten Kunstform geworden ist und um die er ein großes multimediales Projekt an den Schnittstellen von Historiographie und Fiktionalität gebaut hat: International Institute of Political Murder – ein Themenbereich, über den er auch in seinem Blog Althussers Hände ständig räsonierend kreist.

Der Materialienband Die letzten Tage der Ceausescus, den Rau für sein Theater-Projekt zusammengetragen hat, ist ein Thesaurus voller Fakten, Interviews mit Beteiligten, Rekonstruktionen und Einschätzungen, unter anderem von Friedrich Kittler und Gerd Koenen.

Der Prozess

Das Kernstück ist jenes Protokoll des „Prozesses“ in Targoviste; eine polit-thrillerhafte Inszenierung, die einem klassischen, stalinistischen Schauprozess ähneln soll, aber alles andere als ein solcher ist, wie auch Gerd Koenen in einem Gespräch mit Rau deutlich ausführt. Denn die Inszenierung geht schief, nichts ist vorher fixiert, alles improvisiert. Es gibt kein Publikum, es gibt keine beobachtende, geschweige denn internationale Presse und es gibt nicht die durch Folter und Identifikation mit dem Aggressor erzielte Kooperation der Angeklagten. Es gibt allerdings von den ersten Bildern an nicht den geringsten Zweifel, wie die Angelegenheit enden wird: mit dem Tod der beiden Hauptfiguren – und beide wissen es.

Auch wenn die Hintergründe klar sind: Das abgewirtschaftete Diktatorenpärchen musste des verbrecherischen, nur auf den eigenen Vorteil bedachten Missbrauchs des Systems angeklagt werden, um zu verschleiern, dass es sich in dieser Phase der Ereignisse in Rumänien schlicht um eine Palastrevolte von Teilen der Armee und der Securitate (dem gefürchteten, oft als omnipotent dämonisierten, aber in der Tat extrem üblen rumänischen Geheimdienst) handelte, und nicht um eine „vom Volk“ getragene Revolution. Das „System“ sollte hier nicht beschädigt werden.

Echte Leichen

Liest man allerdings den Text als Drehbuch, als Theaterstück (als das er ja bei Milo Rau auf der Bühne vorkommen wird), dann kommt zu dem unbehaglichen Gefühl, einem Polithriller mit echten Leichen beizuwohnen, noch das Gefühl, einem schräg-komischen Text aus dem „Theater des Absurden“ zu folgen.

Das Geschwätz der Ceausescus, das Gestammel der Ankläger, die Absurdität der Vorwürfe: „Wir haben im Fernsehen jetzt die Villa deiner Tochter gesehen. Sie hatte eine goldene Waage, auf der sie das Fleisch, das importierte Fleisch abwog. Das Fleisch aus unserem Land war nicht gut genug“, erbost sich der Ankläger. Später kontert Nicolae Ceausescu: „Mir wurde vorgehalten, ich hätte nur importierte Nahrungsmittel gegessen. Es werden seit Jahren Listen über meine Ernährung geführt. Das sind 1100 bis 1200 Kalorien pro Tag, und nur Gemüse …“. So grotesk und bizarr geht es fort, bis man den Assoziationsumweg über Rumänien gar nicht mehr braucht, um sich in einem Stück von Eugène Ionesco zu wähnen.

Wie in Die kahle Sängerin manifestiert sich im Geschwätz das Surreale, das Banale dient als choque – das Wirkliche wird soweit verfremdet, dass das Reale in seiner ganzen Abscheulichkeit sichtbar wird. Umgekehrt: Die schreibt Politthriller, die zu absurdem Theater mit echten Leichen werden. Die Wirklichkeit baut ihre eigenen Verfremdungseffekte ein – sie wird bösartig komisch.

Milo Raus kluges Projekt muss also aus einem Stück realem Absurdem Theater ein realistisches, historisch aussagefähiges Re-Enactment machen. Und dann gibt es ja noch das Publikum. Im Falle speziell dieses Absurden Theaters und seiner Spätfolgen leidet es heute noch ganz lebensweltlich konkret unter dem rumänischen Wahnsinn, der deswegen nicht minder brutal ist.

Thomas Wörtche

Milo Rau: Die letzten Tage der Ceausescus. Materialien, Dokumente, Theorie.
Berlin: Verbrecher Verlag 2010. 271 Seiten. 13,00 Euro.

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