Posted On 16. April 2011 By In Crimemag, Kolumnen und Themen With 2027 Views

Michael Kegler und Achim Stanislawski über Kannibalismus – Teil 2

Tupi or not tupi, that is the question

… eine wahrhaftige Historie von wilden, nackten, grimmigen Menschenfresser-Leuten und gegrillten Männern.

Lesen Sie heute den 2. Teil des Essays (hier geht´s zu Teil 1), der ohne Probleme Kannibalismus und France Gall, Architektur und Chaos zusammendenkt. Kulinarische Krimis? Wie naiv …

Gegen alle Katechesen. Und gegen die Mutter der Gracchen.

Natürlich im Sinne des weltweit auf Aufbruch und Umbruch gebürsteten Modernismus, aber speziell auch gegen die sehnsüchtig nach Europa schielenden heimischen Eliten und die diesen als Vorbild dienende „Alte Welt“, die der Komponist Heitor Villa-Lobos angeblich noch Ende der 1920er Jahre den Bären vom real existierenden Kannibalismus in Brasilien aufgebunden haben soll und die Brasilien noch bis weit in die Nachkriegszeit hinein mit »Drei Apfelsinen im Haar und an der Hüfte Bananen» (France Gall, 1968)  identifizierte. Dass ein anderes Europa zu diesem Zeitpunkt längst die in Brasilien entstandene Konkrete Poesie inkorporiert und verdaut hatte und gerade das Wachsen einer aus Beton (portugiesisch: Concreto) in die Hochebene gebauten urbanen Zukunftsvision namens Brasilia bestaunte, steht lustigerweise immer auf einem ganz anderen Blatt.

Heitor Villa-Lobos

Das Ungeheure an der anthropophagischen Bewegung war die gleichzeitige Ablehnung der „Importeure von Bewusstsein in Dosen“ und ihre völlig selbstverständliche Vereinnahmung. Ihr unverschämter Umgang mit allem, was Kulturgeschichte, Kolonialismus und nachkoloniales Europa so hergaben – und die Verballhornung des europäischen Staunens: Wie Münchhausen sich am eigenen Zopf aus dem Sumpf gezogen haben soll, benutzten diese Fine Young Cannibals  das Moment der Lossagung von einer hegemonialen Kultur, um die Eigenart ihrer Kultur in der kategorialen Offenheit für das Andere zu bestimmen. Dabei bedienten sie sich des europäischen Trugbilds einer anthropophagischen Indianerkultur, die Brasilien auch genealogisch und ideengeschichtlich zum weitest entfernten Teil des Planeten machte, einem Land des brodelnden Urzustands der Natur, in dem die Menschen scheinbar noch nicht zu einer friedlichen Form des Zusammenlebens gefunden haben. Von der anderen Seite des Globus aus war Brasilien der akulturelle, vorsintflutliche, mit Tabu beladene Ort des Frühmenschen schlechthin. Doch anstatt gegen diese Projektion, dieses Bündel aus Vorurteilen anzugehen, entschied sich de Andrade dazu, sie in seinem Anthropophagischen Manifest zu begrüßen und ins Positive zu übersteigern.  Die Frage, inwiefern sich die vermeintlich portugiesische Surrogatkultur Brasiliens von der entwickelten des europäischen Mutterlandes unterscheide, also wie unterentwickelt diese gegenüber ihrem transatlantischen Vorbild sei, ließ der Künstler gar nicht erst aufkommen.

Gegen alle Importeure von Bewusstsein in Dosen. Die begreifbare Existenz des Lebens. Und die prä-logische Mentalität, für den Herrn Lévy-Bruhl zum Studieren.

Kultur, so das handfeste Argument dieser Schmähreden, lässt sich ebenso wenig exportieren wie in eine Dose zwängen, weil sie immer zu einer alle Grenzen negierenden Vereinigung der Gegensätze drängt. Bei der aus der Luft gegriffenen brasilianischen Mentalität handelte es sich nicht um eine prälogisch-unterentwickelte, sondern um die avancierteste, weitreichendste und mutigste: Nicht in der Abgrenzung zu anderen Kulturen, sondern in der verschlingenden Lust an dem Anderen wird deshalb der ureigenste Kern der brasilianischen Identität sichtbar. Dieser Verzicht auf die eigenen Merkmale macht den Mut der Anthropophagie aus.

Mich interessiert nur, was nicht meins ist. Gesetz des Menschen. Gesetz des Antrophagen.

Stuart Hall

Wie in einer Umkehrung des Freudschen Diktums fordert das Anthopophagische Manifest, dass wo Ich ist, Es sein soll. Und wie anders ließe sich auch eine Kultur denken, die sich von dem Gift der Rasse und Nation gleichsetzenden europäischen Gesichtsauffassung lossagte und es unternahm, ihr hybrides Selbstbewusstsein aus der Luft zu greifen. Ein Zaubertrick sondergleichen! Weil der größte Teil der Bevölkerung nicht der heimischen Erde entsprossen ist, sondern als Herren oder Knechte nach Brasilien kam, konnte der explizit brasilianische Moment dieser neu zu stiftenden Kultur nur das Verfemte, Marginalisierte und Dämonisierte sein. Schon so früh erkannte de Andrade, dass eine hybride Kultur ihre intrinsischen Gegensätze nur als amorphe und verschiebbare Unterschiede wahrnehmen kann. Die Kultur kommt nicht als monolithische Gestalt daher, nicht als Baum mit Wurzel, Stamm und Blätterwerk, sondern als ein wucherndes Geflecht sich gegenseitig speisender und verspeisender Luftwurzeln, Dickichten und Verknospungen. Das Leben selbst, wie die Bedürfnisse von Körper und Geist, geht über alle Vorbehalte hinweg, die eingepflockt werden, um zu bestimmen, was das Eigene und was das unsagbare, unendlich ferne Fremde sei. Auf dieses Rochadespiel lässt sich de Andrade nicht ein.  Ein gutes halbes Jahrhundert vor der Ausformulierung der Kreolisierungstheorien durch Homi Bhaba und Stuart Hall  hat die brasilianische Moderne mit ihrer avantgardistischen Verve es gewagt, das Unstete und in sich Gebrochene zu affimieren. Der Kannibalismus, für Europa das unumstößliche Zeichen mangelnder Zivilisation, wird somit zur herausragenden Fähigkeit, zur Gabe einer tatsächlich hybriden Kultur. In diesem Sinne ist jeder Indianer, und der Kannibalismus wird zum „Impfstoff“ gegen die Monokulturalismen des Westens. Das Verhältnis vom Westen und der Restwelt, von entwickelter Leitkultur und infantil-barbarischer Indianerkultur, wie es als Projektion über jedem zur Entkolonialisierung schreitenden Staat dräute, wird vom Kopf auf die Füße gestellt. Es ist nicht das junge Brasilien, das sich nach Europa zu wenden und dessen Begriff von Entwicklung und Zivilisation zu folgen habe. Für de Andrade sind die Europäer Flüchtlinge einer altersschwachen und taumelnden Kultur, deren Dialektik der Eigentlichkeiten, der Rassenmerkmale und taxonomischen Kulturhierarchien im absoluten Chaos enden muss. Nur wer das Fremde genießen kann, wer von ihm lebt, kann die permanente Transformation des Tabus ins Totem bejahen:

Wir hatten die Justiz als kodifizierte Rache. Die Wissenschaft als kodifizierte Magie, Anthropophagie. Die ständige Verwandlung von Tabu in Totem.

Michael Kegler ist Literaturübersetzer aus dem Portugiesischen und betreibt das Literaturportal www.novacultura.de.

Achim Stanislawski ist Promotionsstudent der Komparatistik und arbeitete als Praktikant bei litprom. Er lebt in Frankfurt am Main und schreibt u. a. für CULTurMAG

Dieser Text ist eine überarbeitete Fassung des  Erstdrucks  in unserem Partner-Medium  LiteraturNachrichten Nr. 107, Winter 2010. Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika (www.litprom.de).

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Betty Mindlin (Hg.): Der gegrillte Mann. Erotische Mythen vom Amazonas. Übersetzt von Nicolai v. Schweder-Schreiner. Zürich: Unionsverlag 2006/2008.
José de Alencar: Der Guarany. Übersetzt von Karl Leydhecker. Berlin: Scherl Verlag 1914.
Gilberto Freyre: Herrenhaus und Sklavenhütte. Ein Bild der brasilianischen Gesellschaft. Übersetzt von Ludwig Graf von Schönfeldt. Köln: Kiepenheuer & Witsch 1966. Stuttgart: Klett-Cotta 1982. München: dtv 1990.
Oswald de Andrade: Athropophagisches Manifest. Übersetzt von  Maralde Meyer-Minnemann und Berthold Zilly. In: Lettre Nr 11. IV Vj. 1900.