Posted On 9. April 2011 By In Crimemag, Kolumnen und Themen With 657 Views

Michael Kegler und Achim Stanislawski über Kannibalismus

Tupi or not tupi, that is the question

… eine wahrhaftige Historie von wilden, nackten, grimmigen Menschenfresser-Leuten und gegrillten Männern.

Kriminalliteratur und Essen hat in den letzten Jahren einen eher albernen Marketing-Zusammenhang zwischen Morden & Kochen gebildet … Aber um Käse-Grimmis geht es wahrlich nicht. Das Thema sitzt tiefer. Michael Kegler und Achim Stanislawski zeigen in  ihrem zweiteiligen Text, wo …

Teil I

Nur die Anthropophagie eint uns. Sozial, ökonomisch, philosophisch.
Einziger Ausdruck der Welt. Maskierter Ausdruck aller Individualismen, aller Kollektivismen. Aller Religionen. Aller Friedensabkommen. Tupi or not tupi, that is the question.

Saturn verschlingt seinen Sohn (Peter Paul Rubens, 1636)

Welcher Esser könnte sündhafter sein als einer, der andere Menschen frisst? Welches Gericht könnte abstoßender und widerwärtiger sein als eines aus dem Kopf, dem Herz oder gar den Geschlechtsteilen eines anderen Menschen gekochtes? Für die europäischen Wiederentdecker Amerikas konnte es kein stärkeres Tabu geben als den Kannibalismus. Wie groß muss demnach ihr Entsetzen gewesen sein, als sie auf die „Menschenfresser“ Brasiliens trafen. Rechtfertigte die scheinbare Primitivität dieser „wilden, nackten, grimmigen Menschenfresser-Leute“ nicht jede Anstrengung, um sie zu „zivilisieren“, oder handelt es sich etwa um „Edle Wilde“, für die der Verzehr eines feindlichen Kriegers eine Art von Kommunion mit dem Gegner darstellt? Von welcher Warte auch immer man den Kannibalismus betrachtet, die Geschichte Brasiliens ist untrennbar mit dieser unappetitlichen Frage verbunden.

Doch wie viel Wahrheit steckt in der Historie und was ist von der Rede über die Indigenen und ihre schlechten Tischmanieren historisch belegte Tatsache, was Fiktion?

Betrachtet man etwa die europäische Geistesgeschichte, so könnte man vermuten, dass das brennende Interesse für die „unzivilisierten“ Kannibalen eine tiefere Motivation hat, als bloß eine Frühform paternalistischer Ethnologie zu betreiben. Das Interesse an dem Kannibalen, der Geschmack, den das aufgeklärte Europa an diesem Diskurs gefunden hatte, ist vielleicht eher auf das eigene Tabu zurückzuführen. Und tatsächlich finden sich in den Mythen Europas, in den Großen Erzählungen unserer Kultur zahlreiche Analogien zum Menschenfressertum der edlen oder elendigen Wilden. Vom Göttervater Kronos, der seine eigenen Kinder verschlang, über den Leib Christi, der in der Hostie rituell verzehrt wird, bis hin zur Vater mordenden und aufessenden „Urhorde“, die Sigmund Freud an den Anfang seiner Psychopathologie der unbehaglichen Gesellschaft stellt, ist die europäische Geistesgeschichte durchzogen von kannibalischen Uranfängen. Keiner hat dieser Vermutung mehr Raum gegeben, keiner rigoroser nach den Wurzeln des europäischen Kannibalismus gesucht als Freud, der dem Kannibalismus unter den Kulturtechniken einen sagenhaft hohen Stellenwert einräumte. Denn für Freud steht der erste Akt des Bratens und Verzehrens eines Menschen sogar am Anfang der Kultur schlechthin. Wie er in „Totem und Tabu“ beschreibt, begann die Kulturgeschichte, als die Söhne der „Urhorde“ gegen ihren Vater rebellierten, ihn töteten und auffraßen. Mit dem solchermaßen verinnerlichten Vatermord wird nach Freud der Ödipuskomplex zum Bindeglied zwischen kindlicher Unmittelbarkeit der Affekte und der Kulturtechnik der Sublimation und Verdrängung. Nicht umsonst nennt Freud die orale Phase, d. h., die Phase des ersten Lustgewinns bei Säuglingen, auch eine kannibalische. Die Ambivalenz der Gefühlswelt im Lustgewinn, so Freud, bestimmt den Kannibalismus. Er ist durchzogen von einem „heiligen Schauder“, der die Kultur mit dem animalischen Zustand des Menschen, das Heilige mit dem Profanen und die Aggression mit der Liebe verbindet.

In diesem letzten Punkt gibt es tatsächlich eine Übereinstimmung zwischen Freud und den indigenen Kulturen, die er ansonsten in seiner psychologischen Taxonomie emotional dem Entwicklungsstand von Kleinkindern gleichsetzt. In Der gegrillte Mann. Erotische Mythen vom Amazonas hat die Herausgeberin Betty Mindlin die Erzählungen verschiedener indigener Kulturen zusammengetragen, die bemerkenswert häufig um den Komplex der Sexualität in Verbindung mit der Menschenfresserei kreisen. In der Erzählung „Die Koma-Lieder oder Die Frauen, die ihre Männer gegrillt verspeisten“ wird von den Frauen eines Dorfes berichtet, die von einem Wassergeist verzaubert werden.

„Sie sahen die alte Katexuréu im Wasser treiben, während sie ihnen mit voller Stimme ihr Lied vorsang. Ihr Haar war rabenschwarz und reichte bis zu den Füßen, fast erschreckend dicht war es, aber sehr schön. Als die Alte sah, wie viel Freude es ihnen machte, sagte sie: Morgen kommt ihr wieder und singt mit mir das Koma-Lied. Aber vorher müsst ihr eure Männer töten, damit wir essen können, wenn wir singen.“

Die Verschlingung des Anderen, in diesem Fall des anderen Geschlechts, ist, anders als Montaigne es vermutete, keinesfalls ein kriegerischer Akt, sondern ein höchst erotischer. Denn wer würde etwas in den Mund nehmen, das er nicht süß, begehrenswert und lieblich findet? Die Sprache der Liebenden ist wohl deshalb auch voller Koseworte, Träumereien und Gesten, die den Wunsch artikulieren, den Anderen mit Haut und Haaren zu verschlingen. Keine Teenagerin, die ihren Schwarm nicht als süß beschreibt, kein Hintern, der sich nicht wie ein

Auguste Léveque: Bacchanalien

Äpfelchen rundet, kein Liebesspiel ohne Knabbern und Beißen unterm Honigmond. Der Kannibalismus, davon zeugen die Erzählungen der Indigenen ebenso wie die Bacchantinnen der Antike oder der Fünften Jahreszeit, ist eine kulinarische Raserei, eine von Liebe getriebene ekstatische Fresslust. In der Karnevalszeit dieses Außer-sich-Seins fallen mit den Grenzen von Innen und Außen auch die zwischen den Geschlechtern. Die Geisterfrau aus dem Wasser, die mit ihren langen, erschreckend dichten, aber sehr schönen Haaren ein geradezu überdeutliches Sinnbild der weiblichen Sexualität ist, fordert die Frauen nicht einfach dazu auf, ihre Männer zu töten. Sie müssen in einem feierlichen, kollektiven Wahn verspeist werden.

So fragen sich die Männer in der Erzählung: „Bald würde es keine Männer mehr geben, nur noch Frauen! Würden sie sie nicht als Liebhaber vermissen? Hatten sie womöglich etwas anderes gefunden?“ Diese Frauen haben tatsächlich „etwas anderes gefunden“. Sie fanden heraus, dass in einem bestimmten Zustand der Exaltation, des Karnevals das Andere genießbar ist. (Ist es ein Zufall, dass in dem Wort Karneval der Karnivore mitschwingt?)

Der gerillte Mann ist die höchste Lust, die Gaumenfreude schlechthin.

Die Kultur der Indigenen Brasiliens wäre unter diesem Gesichtspunkt keine retardierte oder urwüchsige, sondern eine, die das Andere lustvoll sich einzuverleiben gelernt hat.

Diese originär indigene Kulturtechnik fand in Brasilien, das bereits früh zu Kolonialzeiten mit einer fast systematischen Romantisierung des „Edlen Wilden“ begonnen hatte, im 19. Jahrhundert ihren literarischen Niederschlag. Beispielsweise in José de Alencars Indianertrilogie „O Guarani“ (1857), „Iracema“ (1865) und „Ubirajara“ (1874),  welche sogleich als identitätsstiftend für das sich seit der Unabhängigkeitserklärung formierende „Brasilianische Volk“ begriffen wurde. Wie hartnäckig die Mystifizierung des (im realen Leben kaum mehr eine Rolle spielenden) „Indianers“ auch im Zusammenhang mit einer rassistischen Ablehnung der zur Zeit Alencars immer noch versklavten afrikanischen Einwohner Brasiliens nachwirkt, lässt sich etwa an Gilberto Freyres bis heute als „Standardwerk“ der brasilianischen Soziologie missverstandenen Traktats „Herrenhaus und Sklavenhütte“ aus dem Jahr 1933 (!) nachlesen. Natürlich waren die imaginierten „Wilden“ Alencars oder auch Gilberto Freyres keine „Menschenfresser“ mehr, sondern reine Projektionen einer sich von Europa und der im Kaiserreich nachwirkenden Kolonialmacht abgrenzenden, neuen brasilianischen Elite. Für diese weiße Elite, die heftig unter ihrer Kreolisierung litt, wurde diese Projektion zum willkommenen Leitbild. In diesem Kontext war das 1928 von Oswald de Andrade veröffentlichte „Anthropophagische Manifest“ eine mehrfache Provokation.

Michael Kegler ist Literaturübersetzer aus dem Portugiesischen und betreibt das Literaturportal www.novacultura.de.

Achim Stanislawski ist Promotionsstudent der Komparatistik und arbeitete als Praktikant bei litprom. Er lebt in Frankfurt am Main und schreibt u. a. für CULTurMAG

Dieser Text ist eine überarbeitete Fassung des  Erstdrucks  in unserem Partner-Medium  LiteraturNachrichten Nr. 107, Winter 2010. Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika (www.litprom.de).

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Betty Mindlin (Hg.): Der gegrillte Mann. Erotische Mythen vom Amazonas. Übersetzt von Nicolai v. Schweder-Schreiner. Zürich: Unionsverlag 2006/2008.
José de Alencar: Der Guarany. Übersetzt von Karl Leydhecker. Berlin: Scherl Verlag 1914.
Gilberto Freyre: Herrenhaus und Sklavenhütte. Ein Bild der brasilianischen Gesellschaft. Übersetzt von Ludwig Graf von Schönfeldt. Köln: Kiepenheuer & Witsch 1966. Stuttgart: Klett-Cotta 1982. München: dtv 1990.
Oswald de Andrade: Athropophagisches Manifest. Übersetzt von  Maralde Meyer-Minnemann und Berthold Zilly. In: Lettre Nr 11. IV Vj. 1900.