Geschrieben am 1. Oktober 2021 von für Crimemag, CrimeMag Oktober 2021

Markus Pohlmeyer über Andy Weirs „Der Astronaut“

 Rocky and Roll im Weltall

Andy Weir: Der Astronaut (The Project Hail Mary, 2021). Aus dem Amerikanischen von Jürgen Langowski. Heyne Verlag, München 2021. Klappenbroschur, 560 Seiten, 16,99 Euro.

Diese Geschichte wie eine Tragikomödie: Rein in die Katastrophe, raus ins Happyend. Die erste Hauptfigur wurde geschickt gewählt und gekonnt gestaltet. Ryland Grace, ein Lehrer (und ehemaliger Wissenschaftler), der in ein kosmisches Abenteuer stolpert. Aus seiner Perspektive wird erzählt – eine Perspektive, die über die Ich-Form mich, den Leser, leicht in das Geschehen verstrickt.

Die zweite Hauptfigur ist Stratt, eine Art globale Diktatorin (die sich heftige Dialoge mit Grace liefert). Denn es gibt da draußen Lebewesen (Astrophagen), die gerne Sonnen anknabbern, und diese verlieren in der Folge an Temperatur: dumm gelaufen für Planeten wie die Erde. Es kommt so schlimm, dass versucht werden muss, die Erderkaltung durch Abschmelzen der Antarktis zu bremsen – mittels Atomwaffen. Stratts politische Funktion wirkt wie ein Rückgriff auf das Amt des dictator in der römischen Republik;[1] sie erhält jegliche Befugnisse für das Krisenmanagement, denn lokale und nationale Politik sind nun bedeutungslos geworden. Sie schnippt mit dem Finger, und schon ist alles da: vom Espresso über einen Flugzeugträger bis zum Raumschiff. Auf dem Grace irgendwie unfreiwillig landet. 

Und dann Auftritt der dritten Hauptperson: ein Alien, und zwar ein Bastler sondergleichen. Sein Planet hat ein ähnliches Problem mit den Astrophagen. Allein das Kennenlernen, das Sich-verständigen-Lernen (Da gibt es wirklich Übersetzungsprobleme: man beachte die Notenumschriften!),[2] die Rücksichtnahme auf die je andere Biologie, die phantastische Zusammenarbeit (Mit Superkleber und Phantasie läuft es einfach rund.) – zwei irre, liebenswürdige Anti-Helden, die ihre Heimatsonnen retten wollen und die aber beide ihre Raumschiffbesatzungen verloren haben.

„Das ist ein Alien. Ich habe gerade einen Alien gesehen. Nicht nur ein Alien-Raumschiff. Einen echten Außerirdischen. Ich meine, seine Klau… ja, schon gut. Seine Hand. Aber was weiß ich. Ich sage ‚seine Hand‘, aber vielleicht ist es auch ihre Hand. Oder etwas ganz anderes, für das ich kein Pronomen kenne. Vielleicht haben sie siebzehn verschiedene biologische Geschlechter. Oder gar keine. Über die wirklich schwierigen Dinge beim Erstkontakt mit intelligenten Aliens redet kein Mensch: die Pronomina. […] Außerdem heißt er Rocky, solange ich nichts Gegenteiliges höre.“[3]

Und so schraubt und werkelt sich die Mensch-Alien-WG durch den Weltraum; der Mensch anfänglich planlos, das Alien ohne Kenntnis der Relativitätstheorie; aber Freunde helfen sich aus. Meiner Einschätzung nach eine der gelungensten Begegnung von einem tapferen Weltraumfahrer mit einem Alien, also einem Menschen. Ohne dass er/sie/es gleich alle auffressen oder in einen galaktischen Krieg stürmen will. 

„‘Auf der Erde gibt es ein unheimliches, tödliches Geschöpf, das wir ‚Spinne‘ nennen. Du siehst wie eine aus. Nur, damit du es weißt.‘ ‚Gut. Stolz. Bin gefährliches Weltraummonster. Du bist undichter Weltraumklecks.‘[4]

US-Cover, 2021

Der Astronaut wird am Ende seine Rückkehr zur Erde aufgeben, um seinen Freund mit den Klauen und dessen Sonne zu retten. Denn sie haben das Gegenmittel gefunden: Lebewesen, welche diejenigen anknabbern, die Sonnen anknabbern. Grace findet eine neue Heimat – und ist wieder Lehrer geworden, in einem extra für ihn geschaffenen Habitat. „Sie huschen zu ihren Pulten, setzen sich still hin und warten auf die nächste Lektion. ‚Wer von euch kann mir sagen, wie groß die Lichtgeschwindigkeit ist?‘ Zwölf Kinder heben die Klauen.“[5]

Die Ausgangslage der Story dramatisch und apokalyptisch, aber was dann da oben abgeht: oft musste ich das Buch vor Lachen zur Seite legen. Selbstironisch, voller Entdeckungen und Abenteuer, tragisch, verrückt, wissenschaftlich (am Anfang des Buches finden sich Illustrationen zur „Flugkonfiguration“), anrührend – kurz, ein Wahnsinnsteil.

‘Aus rein selbstsüchtigen Gründen hoffe ich, dass du bleibst. Aber das ist nur meine Meinung.‘ […] „Aber … Rocky …‘ ‚Ich weiß‘, antwortet er und kippt den Panzer, was ich inzwischen als Lächeln zu deuten weiß.“[6]

PS I

Auf diesen Roman passt erstaunlich die Struktur der sog. Heldenreise – mit folgenden Variationen: Rocky und Stratt sind die Mentoren von Grace, der – das ist die Abweichung vom Dritten Akt – zwar das rettende Elixier zur Erde schicken wird, aber selbst in der (nach dem Weltraum) zweiten anderen Welt verbleiben muss, also eine weitere Schwelle überschreitet. Und am Ende selbst zum Mentor wird. Wie am Anfang.

Hier eine veränderte Darstellung nach C. Vogler: Die Odyssee des Drehbuchschreibers, übers. v. F. Kuhnke, 6. Aufl. Frankfurt am Main 2010, 324 (Sie müssen sich das als Kreisstruktur vorstellen!):

Erster Akt
Isolation
Gewohnte Welt
Ruf des Abenteuers
Verweigerung
Begegnung mit dem Mentor

Zweiter Akt-A
Abstieg
Andere Welt
Überschreiten der ersten Schwelle
Bewährungsproben
Vordringen

Zweiter Akt-B
Initiation
Andere Welt
Entscheidende Prüfung
Belohnung
Rückweg

Dritter Akt 
Rückkehr
Gewohnte Welt
Auferstehung
Rückkehr mit dem Elixier“

PS II

„‘Alle Informationen über die Relativität sind in dem Laptop. Deine Wissenschaftler sollen es sich ansehen.‘ ‚Ja. Sie werden sich freuen.‘ ‚Nicht, wenn sie etwas über die Quantenphysik erfahren. Dann werden sie ziemlich wütend.‘ ‚Verstehe nicht.‘ Ich lache. ‚Mach dir deshalb keine Sorgen.‘“[7]

Markus Pohlmeyer lehrt an der Europa-Universität Flensburg. Seine weit über hundert Texte bei uns hier.


[1] Siehe dazu J. Bleicken: Die Verfassung der römischen Republik. Grundlagen und Entwicklung, 4. Aufl., Paderborn 1985, 90: „Er ist der Notstandsbeamte, der zur Beseitigung der Notlage alle Vollmachten hatte und zu diesem Zweck die gesamte Exekutivgewalt in seiner Person konzentrierte. […  ] Da ihn auch das Veto des Kollegen nicht behindern sollte, wurde auf ihn […] das Prinzip der Kollegialität nicht angewandt.“ Dieses Amt aber war auf sechs Monate befristet.

[2] Vgl. dazu grundlegend: A. Jöckel: Trifft ein Klingone einen Menschen. Die Sprachen der Science Fiction, in: J. L. Jake – M. Pohlmeyer (Hrsg.): Sprache im Film. Ein Phänomen, leicht zu übersehen. /Language in Film. A phenomenon easy to neglect, dt./engl., Flensburger Studien zu Literatur und Theologie, Bd. 19, Hamburg 2020, 15-28.

[3] A. Weir: Der Astronaut. Roman, übers. v. J. Langowski, 2. Aufl., München 2021, 204.

[4] Weir: Astronaut (s. Anm. 3), 491.

[5] Weir: Astronaut (s. Anm. 3), 555.

[6] Weir: Astronaut (s. Anm. 3), 552 f.

[7] Weir: Astronaut (s. Anm. 3), 497 f.

Tags :