Geschrieben am 1. Februar 2022 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2022

Markus Pohlmeyer: Spider-Man Vol. 1

Eine Rezension

David Mandel, Ralph Macchio: Marvel Comics Library. Spider-Man. Vol. 1. 1962–1964. Famous First Edition: Nummerierte Erstauflage von 5.000 Exemplaren. Ausgabe: Englisch. Verlag Taschen, Köln 2021. Hardcover, Format 28 x 39,5 cm, 4,83 kg, 698 Seiten, 150 Euro. Verlagsinformationen hier.

Dieses Riesenbuch ist ein kleines Schatzkästchen – vor allem mit dem Wunder der ersten Spider-Man-Story aus ‚Amazing Fantasy 15 Aug.‘: „Es ist eindeutig eine der besten Herkunftsgeschichten in der Historie der Comics, niedergeschrieben auf gerade einmal 11 Seiten.“[1] Doch was ist das Neue? Kurz, was unterscheidet Peter Parker-Spider-Man beispielsweis von Clark Kent-Superman?

Es „[…] existierte Peter tatsächlich. Er war der Streber von der Highschool, der bei seiner Tante wohnte und weder Dates ergattern konnte noch Geld hatte. In seinem Ganzkörperkostüm allerdings wurde er zu einem kalauernden, erfolgreichen, scheinbar selbstsicheren Mann. Kein Spider-Boy, sondern ein Spider-Man! Niemand in den Geschichten konnte ahnen, dass im Netzkostüm ein im Grunde einfacher Junge steckte. Dafür sorgte Ditkos genialer Einfall, dem Helden eine Maske zu verpassen, die keinen Quadratzentimeter seines Gesichtes freiließ – nicht einmal um seine Augen. Wie Stan Lee immer sagte: ‚Hinter der Spider-Man-Maske konnte jeder stecken!‘“[2]

Von einer radioaktiv verstrahlten Spinne gebissen – und das in nur 7 Bildern erzählt –, entdeckt Peter seine beeindruckenden Kräfte, bastelt sich sogleich sein erstes Kostüm und setzt seine Fähigkeiten bei einem Wettkampf in Geld um. Kurz darauf erfindet Peter für sich einen Künstlernamen und ein spinnigeres, cooleres Outfit. Während eines medialen Rummels lässt Spider-Man, gefeiert und geheimnisvoll zugleich, einen Dieb entkommen – mit einer harten Begründung, die er einem Polizisten geradezu entgegenschleudert. „That’s Your Job! I’m thru being pushed around – – by anyone! From now on I just look out for number one — That means — me![3] Aufstand, Revolution, Macht …

Wie hatten wir Peter kennengelernt? Als Underspider – ’tschuldigung: Underdog. Er darf nicht mit den großen Jungs spielen; und das Interesse der Damenwelt kann er auch nicht gewinnen. Doch mit diesem Kostüm und nach jenem radioaktiven Upgrade ist Peter plötzlich Wer, auch medial. Außer dass niemand sein Gesicht sieht. Eine dramatische Wendung: Der entkommene Dieb wird kurz darauf Peters Onkel ermorden. Die äußere Transformation von Spider-Man schreit förmlich auch nach einer inneren, sonst bräche die Figur auseinander; doch dafür würde sie von nun an ständig in Gefahr sein, an ihrer Aufgabe zu zerbrechen. Macht? „And a lean, silent figure slowly fades into the gathering darkness, aware at last that in this world, with great power there must also come — great responsibility.”[4]

Die in diesem Band auf der anderen Seite folgende, zeitgenössische Werbetafel für Körper-Aufbau-Produkte („to make You a super-man“ oder „You can soon be a hero of men“) passt gut in ein Superheldencomic, erweckt aber Erwartungen, die Spider-Man auf viele Weisen durchkreuzt. Peter kommt nämlich durch Zufall zu seinen Kräften, er kann sie nicht kaufen; und er wird bitter lernen müssen, damit zu leben. Und dann die Möglichkeit des Scheiterns, denn Held-Werden scheint hier eine Art Initiationsritus im Gewande einer modernen Welt zu sein, die sowohl real als auch immer irgendwie schon Science Fiction ist: lustige Wissenschaftler (die am nuklearen Weltuntergang fröhlich mitbasteln), dazu eine radioaktive Spinne, Biss, zackbumm, komm damit klar! Und somit mutiert Held-Sein unweigerlich vor allem zu einer ethischen Herausforderung (… kleine Korrektur: muss nicht, kann aber …): „Der Held war eine jugendliche Identifikationsfigur und zugleich jemand, der mit der großen Verantwortung für seine Superkräfte nicht zurechtkommt. Im Grund genommen erzählt Lee also von der Angst, erwachsen zu werden.“[5]

Und was ist mit uns älteren Lesern und Leserinnen? Auch auf uns und unser Geld warten Geier, viele unsere Träume sind auf Sand gebaut, wir müssen gegen unmenschliche Formalia kämpfen, die sich nur Außerirdische ausgedacht haben können ,… und manchmal spinnen wir Netze, man nennt das dann Texte, und manchmal verstricken wir uns selbst und andere darin usw. Es ist keineswegs sooo cool, erwachsen zu sein. Gut, andere Geschichte.

Natürlich wirkt der Schluss mehr als melodramatisch: ein schweigender, schuldbewusster Held, schwindend-verblassend auf dem Weg in die Dunkelheit. Dennoch, die Schwelle ist überschritten und Peters Heldenreise (ja, ich muss es tun …) in das Herz der Finsternis kann beginnen: auf Hunderten phantastischer Seiten. Möge es durch viele Hände gehen, dieses riesige Schatzkästchen (mit vielen Zusatztexten und -informationen, biographischen Notizen … und achten Sie bitte auf den Achtbeiner, wenn Sie das Buch andächtig öffnen.) Und möge sich darauf keine Spinnwebe bilden!

Markus Pohlmeyer lehrt an der Europa-Universität Flensburg. Seine weit über hundert Texte und Essays bei uns hier.


[1] The Marvel Age of Comics. 1961-1978, hg. u. gestaltet v. J. Baker, TASCHEN, © 2017 MARVEL,  20 f.

[2] The Marvel Age (s. Anm. 1), 21.

[3] The Marvel Comics Library. Spider-Man. Vol. 1. 1962–1964; David Mandel, Ralph Macchio; TASCHEN © 2021 MARVEL, Part 2, 8. Schriftbild aller engl. Zitate von mir geändert. Eine Übersetzung dieser Geschichte findet sich in: Spider-Man. Erstaunliche Abenteuer. Die Spider-Man-Anthologie, PANINI COMICS, © 2019 MARVEL, 6-16.

[4] Spider-Man. Vol. 1 (s. Anm. 3), Part 2, 11.

[5] K. Schikowski: Der Comic. Geschichte, Stile, Künstler, Stuttgart 2018, 93 f.

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