Geschrieben am 1. September 2022 von für Crimemag, CrimeMag September 2022

Markus Pohlmeyer schaut „Star Trek Enterprise“

„Dämmerung“ und „Ebenbild“. Eine Skizze

Ein Essay von Markus Pohlmeyer.

Mag sein, durch den Abstand der Jahre, begeistert mich die Serie Star Trek Enterprise (2001-2005) immer mehr – im Gegensatz zu den teilweise vernichtenden Kritiken, die ich gelesen habe. Nach nur vier Staffeln eingestellt (Ein ähnliches Schicksal traf die Originalserie.). Und zugegeben, ein leider dramaturgisch frontal vermasseltes Finale (bildlich: mit Warp 8 in ein klingonisches Schwert). In Kürze: Die Menschheit wagt unter der strengen Aufsicht der Vulkanier die ersten größeren Schritte in die Galaxie. Die Vulkanier treten als überstrenge, überbesorgte Über-Mentoren auf, die aus ihrer Sicht einen Sack voller Flöhe-mit-Warp-Antrieb hüten müssen. Und was vielleicht zudem noch irritieren mag: die Besatzung dieser Enterprise agiert als Team – ohne herausragende Solisten wie Kirk oder Mr. Spock (während ‚damals‘ die anderen nur nette Dekoration waren und hin und wieder wegsterben durften). Hier gibt es  zudem sehr sperrige Charaktere, in denen sich oft nur schwer eine heile Star Trek-Welt wieder finden lässt. Die Crew improvisiert und bastelt sich eher durch die Weiten des Alls und muss erkennen, dass allzu große Hilfsbereitschaft nicht unbedingt auf Gegenliebe stößt. Im Folgenden skizziere ich zwei Episoden aus der 3. Staffel, indem ich auf Sekundärliteratur verzichte, nicht weil es dazu keinen Anhalt gäbe, sondern weil sie aufgrund der Themen jeden Rahmen sprengen würde.

Die Xindi haben die Erde angegriffen: 7 Millionen Tote. Prophylaktisch aus Angst vor der expandierenden Menschheit, die sie in der Zukunft vernichten könnte/würde. (Wer streut mit welcher Absicht solche Gerüchte?) Diese fremden Gegner befinden sich in einer sogenannten Ausdehnung – mit seltsamen physikalischen Zuständen. Verkehrte, ver-rückte, gefährliche Welten. „Dämmerung“: Auf der Suche nach den möglichen Feinden und ihrer neuen (Todesstern-ähnlichen) Superwaffe gerät die Enterprise wieder einmal in räumliche Verzerrung. Captain Archer (eine charmante Mischung aus den diplomatischen Fähigkeiten eines Kirk und den Cowboy-Manieren eines Picard) rettet die Vulkanierin T’Pol vor einer durch das Schiff wandernden Anomalie; sein Gehirn wird dabei von Parasiten infiziert, die das Langzeitgedächtnis vernichten und schließlich auch noch jenseits der Zeit existieren würden. Jups, dies ist aber dasScience Fiction-Moment, welches genauso funktioniert wie ein fliegender Teppich oder ein sprechender Wolf im Märchen. Solch ein Kunstgriff ermöglicht hier, eine alternative Zukunft zu konstruieren und durchzuspielen. Die Erzählperspektiven wechseln geschickt zwischen allwissend und personal. Am Anfang sehen wir, wie die Erde zerstört wird; T’Pol ist Captain – und wir sind genauso ratlos wie der verwirrter Archer auf der Brücke. Alles scheint für ihn jeweils neu, während die anderen mit einer schier nicht aufzuhaltenden Katastrophe konfrontiert werden. Fazit: Nimmt man also Archer aus dem Spiel, kann die Menschheit von den Xindi an den Rand der Auslöschung gebracht werden. T’Pol kümmert sich im Laufe der Jahre rührend um Archer – ohne sein Eingreifen würde sie ja das gleiche Schicksal erlitten haben. Berührend und tragisch, wie sie immer wieder erzählt, von sich, von neuem, und Archer immer wieder von neuem vergisst. Es entsteht eine Art fragmentarisches Narrativ, indem ich als Zuschauer (wie auch Archer sehr mühselig) die Puzzle-Teile zusammensetzen muss. Welche Beziehung T‘Pol zu ihrem einstigen Captain aufbaut, bleibt ambig, wird nur angedeutet.

Ich sehe darin eine Liebesgeschichte, in der die Liebende nie Antwort von dem geliebten Menschen erhalten kann, aber diese Liebe konsequent durchhält. Dr. Phlox fragt einmal die Vulkanierin, ob sie dem Captain gesagt habe, was sie für ihn empfinde … Der Arzt forscht und forscht, findet nach Jahren ein Heilmittel für Archer. Die drei werden schließlich ihr Leben opfern, um die Menschheit zu retten, indem sie die ursprüngliche Zeitlinie wieder herstellen können. Heile die Parasiten in der Zukunft, dann verschwinden sie auch in der Vergangenheit. Logo. Diese Ein-Juwel-von-einer-Episode bietet zudem mehr Tragik, Action und Weltraumschlachten als mancher Kino-Film, weil sie auch die anderen Charaktere und deren mögliche Entwicklungen mit einbezieht. Augenzwinkernd der Schluss. Archer, geheilt, in der Krankenstation, zu T’Pol (ihr Gesichtsausdruck schwankend zwischen Pretty Woman und Terminator), er brauche ein zweites Kissen, und sie möge das Licht dimmen: „Sie wären eine gute Krankenschwester.“[1] Jetzt wissen wir allwissenden Zuschauer und Zuschauerinnen mehr als die Figuren. 

Es wäre unfair, T’Pol mit Seven of Nine aus Voyager zu vergleichen. Ein vermeintlicher Vergleich anhand optischer Kriterien verdeckt die Komplexität dieser Figur, die fast alle anfänglich am liebsten aus der Luftschleuse werfen würden, die sich aber später gegen das vulkanische Oberkommando und für die Enterprise entscheidet. Die, oft zitternd und bebend in ihrer Körpersprache, zerrissen wird von ihrer Logik – am Rande des absoluten Gefrierpunktes – und zerrissen von ihren Emotionen, so als ob sie ständig versuchen würde, die Supernova ihrer Sinnlichkeit in einen vulkanischen Kühlschrank zu packen. „Ebenbild“: Trip, der Bordingenieur, ein Meister des Chaos, der Genialität und Fehlentscheidungen, will den Warp-Antrieb verbessern, etwas geht schief, die Enterprise flugunfähig und beschädigt; Trip lebensgefährlich verletzt. Dr. Phlox gelingt es, mit einer besonderen (mimetischen) Wüstenlarve (… sprechende Wölfe und fliegende Teppiche …) einen Klon von Trip herzustellen – Phlox scheint nach dem Motto zu agieren, was medizinische Theorie ist, das kann auch praktisch realisiert werden.

So erleben wir dieses Kind aufwachsen und zu ‚Trip‘ (in der Serie zu ‚Slim‘) werden, dem immer mehr bewusst wird, dass der Sinn seiner Existenz nur darin besteht, als organisches Ersatzteillager für den Verletzten zu dienen. Darum will er auch fliehen, aber letztlich bleibt er, um die Mission zu retten. Archer ist unerbittlich – und steuert gnadenlos auf einen moralischen Abgrund zu (… das wird nicht der einzige in dieser Staffel sein): die Enterprise muss die Erde retten und die Enterprise braucht Trip. Daraus folgt? Alle Mittel scheinen plötzlich recht. Der neue Klon erlebt in wenigen Tagen sowohl seine Entwicklung zum erwachsenen ‚Trip‘ als auch sein Hineinwachsen in die Erinnerung seines Vor-Bildes. Ihm, dem Ab-Bild, gelingt es, seine Gefühl T’Pol zu gestehen, die ihn zum Abschied küsst. (Später wird sie sogar eifersüchtig und schafft mit dem ersten Trip klare Fuckten.)

Eros und Thanatos. Damit die Enterprise und die Menschheit gerettet werden, darf Archer das Wohl und die Existenz eines Einzelnen opfern, den er dafür (Gott gleich) erschaffen ließ? Diese Episode zeigt das Problem, wertet es nicht. Ich blieb am Ende ratlos zurück … Und eine Ringkomposition: Am Anfang scheint der tote Trip zeremoniell verabschiedet zu werden; am Ende wusste ich, dass es sich um das Ebenbild handelte. Der Klon hat Archer und Phlox die Entscheidung (nicht die Verantwortung) abgenommen, indem er sich selbst freiwillig opferte. Am Ende bleiben eine ehrenvolle Verabschiedung und die Erkenntnis darüber, was Archer zu opfern bereit ist. Unheimlich, unheimlich, unheimlich.

Diese Serie mutet uns viel zu. Ein gutes Mittel gegen Unterkomplexität.


[1] Alle direkten und indirekten Zitate entnommen aus der DVD-Box Star Trek Enterprise. The Complete Series (2017).

Markus Pohlmeyer, Dichter und Essayist, lehrt an der Europa-Universität Flensburg. Seine Texte und Gedichte bei uns hier.