Geschrieben am 1. Oktober 2021 von für Crimemag, CrimeMag Oktober 2021

Markus Pohlmeyer: Jugendsprache und Latein

Einige Gedanken über sehr lebendige Sprachen 

Anlässlich Matthias Heines Buch „Krass. 500 Jahre deutsche Jugendsprache“[1].

Die Darstellung ist stark deskriptiv, mit einem Schwerpunkt vor allem in Studentenmilieus, aber auch aktuell angelegt mit Blick auf die Gamer-Szene oder die Sozialen Netzwerke. Von „Wie Tumult, Alkohol und Bandenwesen eine ‚eigene Kraftsprache‘ schufen“ (beginnend im 16. Jh.) bis zu „Der Digga, der Babo und ihr mega Endgegner – das VSCO Girl“. Die starke Fokussierung auf Studentensprache wird wie folgt begründet: „Zudem war sie rund 300 Jahre lang die einzige Jugendsprache, die wir in Quellen zu fassen kriegen. […] Jugendsprache setzt ein Gruppenbewusstsein und kommunikatives Vernetztsein voraus, die so nur an Universitäten zu finden waren, vielleicht noch bei Handwerksburschen und -gesellen.“[2] Und viele Literaten, Theologen und Philosophen hätten ja ein Studium absolviert; exemplarisch sei auf das folgendes Kapitel verwiesen: „Als Goethe Pech im Glück hatte. Studentensprachliches im Werk des größten deutschen Dichters.“[3]

Heine arbeitet mit einer eigenen Definition von Jugendsprache: sie „[…] fasse ich als eine Sprechweise, mit der sich junge Menschen nach außen sowohl von Älteren als auch von anderen Jugendlichen abgrenzen und die nach innen als eine Art Erkennungszeichen wirkt. So etwas gab es vor rund 500 Jahren, als Martin Luther studierte, genauso wie später bei flotten Burschen an Universitäten, Turner, Wandervögeln, Straßenkindern in Berlin der Dreißigerjahre, Swing-Girls, Hitlerjugend, Halbstarken, Gammlern, Hippies und heutigen Hip-Hoppern oder Gamern.“[4] Heines Buch ist eine detailreiche Entdeckungsreise, zum Nachschlagen, zum Vertiefen, zum Staunen. Nun einige Beispiele – mit ergänzenden Literaturhinweisen:

„Auch beim Kater, den man nach einem Rausch hat, denkt keiner mehr an die burschikosen Saufrituale von Halle, Jena und Gießen. Aber das Wort erschien erstmals um 1850 als Hüllwort: Die Studenten sagten vermutlich ironisch, sie hätten einen Katarrh, wenn ihnen übel war; in der Leipziger Aussprache wurde dann Kater daraus.“[5]

Mit Eva Neuland gilt festzuhalten: „Die historischen Schüler- und Studentensprachen können als zeit- und sozialgeschichtliche Vorläufer in der Entwicklung von heutigen Jugendkulturen und Jugendsprachen gelten. Gerade aus den Beobachtungen zu historischen Erscheinungsweisen von Jugendsprachen lässt sich deren vielfältige Verwobenheit mit gesamtgesellschaftlichen kulturellen und sprachlichen Entwicklungstendenzen verdeutlichen: Jugendsprachen entstehen und funktionieren nicht in einem gesellschaftlichen Vakuum.“[6] Neuland verweist auf folgende Herkunftsbereiche: auf „[…] die Antike mit den klassischen Sprachen Griechisch und Latein, in dessen Rang als Sprache der Gebildeten und Gelehrten und als wissenschaftliche Verkehrssprache die damaligen Studenten bereits als Schüler der ‚Lateinschulen‘ eingeführt wurden,[7] […] die Einflüsse des Französischen […], und zwar vor allem im Bereich des Duellwesen, […] schließlich der biblisch-theologische Herkunftsbereich, dessen Bedeutung für die damaligen Studenten aus der geschichtlichen Stellung der theologischen Disziplin hervorging.“[8] Gerade das Lateinische bot großen Raum für Kreativität. „Die Mischung von Elementen neuerer Sprache mit lateinischen Wortbildungselementen nennt man seit der Renaissance makkaronisches Latein[9]. […] Diese Sprachmischung funktionierte bei Studenten, indem man deutschen Wörtern lateinische oder pseudolateinische Endungen anhängte: Aus fressen und läppisch entstanden so Fressalie und Lappalie, aus Luft und pfiffig der Luftikus und der Pfiffikus.“[10]Heine verweist in diesem Kontext auch auf ein allbekanntes, modernes Beispiel: die Asterix-Comics.[11]

Während meiner Zeit als Lateinlehrer war es für meine Schüler und Schülerinnen immer frontal krass und mega abgespaced, zu erfahren, wie viel ihre (Jugend)Sprache dem Lateinischen oder Altgriechischen verdankt. Sehr zu empfehlen das Kapitel „Krasskonkret: Wie Seneca mal in endgeilem Jugendlatein abloste“ in Karl-Wilhelm Weebers Buch: Rom-Deutsch. Warum wir alle Lateinisch reden, ohne es zu wissen“[12]: „Aber eines sollte sich jeder Anti-Latein-Clown (colonus, ‚Bauer‘, daraus ‚Landtölpel‘) merken: Total korrega, die Sprache (corrigere, Partizip Perfekt correctus, ‚richtig‘)! Irgendwo sogar kultig (cultus, ‚Verehrung‘). Und Englisch? Das ist für echte Latein-Fans (fanaticus, ‚schwärmerisch‘, ‚begeistert‘) die sprachliche Asischale. Kein Joke, Alder (iocus, ‚Witz‘)!“ Latein und Jugendsprache – eine total geniale Kombi für die Ewigkeit.

Epilog: xippi

 „Ein kleines westafrikanisches Wort hat im 20. Jahrhundert mehrfach Jugendsprachen der Welt bereichert […]. In einer der Landessprachen des Senegal, dem Wolof, heißt xippi (gesprochen chippi mit hartem ch) ‚wachsam, mit offenen Augen‘ […]. Mit Sklavinnen und Sklaven aus dem Senegal gelangte das Wort nach Amerika. Um 1900 stand es erstmals in der Form hep / hip in Zeitungen und Büchern.“[13]

Markus Pohlmeyer lehrt an der Europa-Universität Flensburg. Seine weit über hundert Texte bei uns hier.


[1] M. Heine: Krass. 500 Jahre deutsche Jugendsprache, Berlin 2021.

[2] Heine: Krass (s. Anm. 1), 10 f. Siehe dazu auch H. Henne – G. Objartel: Historische deutsche Studentensprache, Berlin – New York (1982/1983).

[3] Heine: Krass (s. Anm. 1), ab S. 54.

[4] Heine: Krass (s. Anm. 1), 12 f.

[5] Heine: Krass (s. Anm. 1), 51. Siehe dazu auch F. Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, bearb. v. E. Seebold, 24. Aufl., Berlin – New York 2002, 477.

[6] E. Neuland: Jugendsprache, 2. Aufl., Tübingen 2018, 129.

[7] Vgl. dazu „Goethe hatte in seiner Jugend sehr gut Latein gelernt, und zwar fast wie eine lebende Sprache. Sein Vater schrieb das Haushaltsbuch lateinisch, und der Sohn musste Latein so lernen, daß er über Handwerksarbeit wie über Staatsrecht in dieser Sprache ein Gespräch führen konnte.“ Kommentar, in: Johann Wolfgang Goethe. Werke. Hamburger Ausgabe, Bd. 5, Dramatische Dichtungen III, kommentiert v. S. Atkins u.a., München 1988, 669. Zu Goethe s. auch Neuland: Jugendsprache (s. Anm. 6), 134.

[8] Neuland: Jugendsprache (s. Anm. 6), 138 f.

[9] S. dazu auch Neuland: Jugendsprache (s. Anm. 6), 139.

[10] Heine: Krass (s. Anm. 1), 60.

[11] S. dazu Heine: Krass (s. Anm. 1), 61.

[12] Frankfurt am Main 2006. Das folgende Zitat von S. 306.

[13] Heine: Krass (s. Anm. 1), 165.

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