Geschrieben am 3. Oktober 2022 von für Crimemag, CrimeMag Oktober 2022

Markus Pohlmeyer: Herbst-Gedichte

Herbst – September 2022

1

Der Herbst tut weh, 
Tut mir weh,
Zu viel des Todes,
Gestirne auf und nieder,
Etwas bleibt über den Abend
Und meine Zeit hinaus.
Die Nebel verhüllen, ach, zu kurz
Das schwer zu Ertragende,
Bäume werden dunkler 
In ihren bunten Kleidern.
Die kalten Sternbilder
Funkeln auf und nieder.
Ist es gut? Wenn es so weh tut?
Die Nacht, sie verletzt,
Verletzt und beschützt mich,
Am nächsten Morgen werde ich
Meine Kleider gewechselt haben – ich. 

2

Septemberabend
Ein Primate – der das hier schreibt – saß
Friedlich mit einer Anzahl von Maniraptoren
An einem Teich. Ein Hauch von Paradies,
Keiner wollte den anderen fressen.
„Quack! Quack!“

Ein seltsames Gefühl, noch zu leben,
Obwohl ich hätte sterben können: und der
Einzige, entscheidende Unterschied war,
Dass die einen zugehört haben, die
Anderen nicht. Wem höre ich zu,
Wem nicht?

4

Ich unterwegs mit meinen
Unterarmgehilfen (ein Anlass, Tiere
Mit sechs Armen mehr zu bewundern).
Eine liebe Freundin brachte mich zum
Arzt, ein Mädchen hielt mir die Tür
Auf, ein junger Mann gab mir sofort
Seinen Warteplatz, die aufmerksame
Sprechstundenhilfe nahm meinen
Rucksack. Und ich dachte: Das ist
Nicht Putin! Ich sehe meine Studenten
Und Studentinnen wieder (mit ihrem
Wunsch nach Wissen und Zukunft), 
Meine Kollegen und viele andere Menschen,
Die alle rührend helfen. Das ist
Nicht Putin! Alle die Leben retten wollen,
Ärztinnen und Ärzte, Schwestern und 
Pflegekräfte. Das ist
Nicht Putin! Das ist 
Hoffnung! 
Und während einige aus
Dummheit, Rassismus, Größenwahn,
Kolonialismus und Irgendwasistzukleininderhose 
Die Zukunft unseres Planeten
Verspielen, gibt es andere, die dem ihr Nein
Entgegensetzen, manchmal still und leise:
Indem sie eine Tür aufhalten, einen Patienten im
Rollstuhl gefühlt um die halbe Welt fahren,
Oder einfach helfen,
Mir die Schuhe anzuziehen, was mir 
Noch sehr schwer fällt. Oder ein 
Lächeln herbeizaubern, z.B. Stichwort fallen:
Ich (dem wieder einmal alles aus den Händen fiel): 
„Seitdem Newton die Schwerkraft erfunden hat,
Rauscht einfach alles nach unten!“
Junge Dame: „Und genau diese Gravitation lässt
Mich kaum morgens aus dem Bett rauskommen.“

5

Manchmal, wenn ich nur so auf einer Parkbank sitze,
Dreht sich die Welt auf einmal um 180 Grad
(nein, kein Kreislaufproblem und ich bleibe auch sitzen),
Aber ich bewege mich dann spiegelverkehrt durch eine
Fremde Landschaft, obwohl mich alles bisher Vertraute
Weiter umgibt. Obwohl ich hier unten weiter sitzen möchte,
Breche ich durch den Himmel oder die Erde,
Stürzend-sitzend. Manchmal auf einer Parkbank.
Und dass diese Welt manchmal so faszinierend,
So schön ist, auch in ihren Herbsten und Wintern,
Dafür bin ich staunend dankbar, selbst im Abschied.

Markus Pohlmeyer, Dichter und Essayist, lehrt an der Europa-Universität Flensburg. Seine Texte und Gedichte bei uns hier.

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