Geschrieben am 1. Juli 2022 von für Crimemag, CrimeMag Juli 2022

Markus Pohlmeyer entdeckt „Jurassic World“

Jurassic World: Neue Abenteuer oder Glücklich unter Dinosauriern. Ein Essay

Vor kurzem entdeckte ich Jurassic World: Neue Abenteuer. Staffel 1-3. Dinoskrassherdamit. Fing harmlos an. Eine Gruppe von Jugendlichen darf ein neues Camp in Jurassic World ausprobieren: Darius, absoluter Dino-Fan; Kenji, nervenzersägender VIP; Ben, der selbst Angst vor der Angst hat und auch diese mit Desinfektionsmittel bekämpfen würde; Sammy, Top-Spionin, um ihre Familie zu retten; Yaz, Mega-Sportlerin; Brooklynn, Influencerin, die von und mit ihrem Handy lebt. Und es gibt zudem eine Brücke zu den neueren Filmen dieser Reihe: denn der genetisch manipulierte Indominus Rex erklärt den Park zu seiner privaten Partyzone. Alle fliehen; die Kinder bleiben zurück.

Darius, der seinen Vater verloren hat, muss lernen, dass er nicht alle und alles retten kann. Yaz muss lernen, auch einmal schwach zu sein; Sammy lernt, ehrlich zu sein; Brooklynn lernt, dass es hinter dem Handy auch noch eine Realität gibt, die dich manchmal sogar fressen will. Und Kenji muss obercool Verantwortung übernehmen. So begegnet die Gruppe im Laufe vieler spannender Abenteuer sympathischen Pflanzenfressen und immer hungrigen Fleischfressern, neben denen gängige Filmpsychopathen wie die Schlümpfe aussehen. So tricksen die Teenager einen T-Rex aus und bomben buchstäblich einen Carnotaurus in die Flucht (sein ‚Künstlername‘: „Toro“ – in der latein. Bezeichnung steckt auch „Stier“).  Und sie lassen Gebäudetrümmer auf die Scorpii Reges (noch mehr psycho, ebenfalls genmanipuliert) niederkrachen – in einem gigantischen Showdown mit freundlicher Unterstützung eines Raptors; dagegen wirkt das Finale von Jurassic Park I einfach nur nett.

© Universal

Diese so unterschiedlichen Kinder setzen sich gegen Großwildjäger, die üblichen Dr. Frankensteins und pseudo-harten Jungs-mit-der-großen-Kanone-und-großen-Klappe durch; kurz, sie werden ein Team, das Unglaubliches schafft. Während Dinos Dinos verspachteln, Erwachsene Dinos töten, Dinos Erwachsene fressen, schützen diese Jugendlichen Leben, wo es nur möglich ist. Der Scorpius Rex bildet da eine Ausnahme, weil er als Superkiller aus dem Genlabor die ganze Insel sinnlos auslöschen würde. Mit viel Witz und Ironie entsteht von Episode zu Episode das Panorama einer faszinierenden Welt, in der trotz aller Bedrohlichkeit die Kinder eine Art Symbiose mit den Dinosauriern entwickeln, woran die Erwachsenen immer wieder scheitern. Ein kleines Paradies, auch wenn es nicht gerade perfekt ist, weil es dich aus Versehen umrennt, denn du bist zu klein, oder dich fressen möchte, denn du siehst lecker aus.

Eine irre Sequenz: Das Team erreicht die Schwebebahn in Richtung Fähre. Aufatmen. Tiefe, persönliche Gespräche. Es ist Nacht. Das Licht des Zuges lockt Pterosaurier an. In Slow Motion wird Ben von einem solchen ergriffen, und Darius kann ihn nicht retten (worüber er später fast verzweifeln sollte). Ben überlebt mit Hilfe seiner kleinen Ankylosaurier-Freundin „Bumpy“; die beiden sind im Grunde schon seit ihrem Schlüpfen ein unzertrennliches Paar. Verrückt, wie dieser Angsthase im Dschungel zu einer Art Rambo mutiert – und dann geht er auch noch mit einem selbstgebastelten Speer auf den Carnotaurus in einer Wucht los,  dass der nun echt das Fürchten lernen muss. Der blanke Wahnsinn. Und was für eine Geschwindigkeit in diesem Duell! Außerdem kommt später die nun größere Bumpy dazu und zeigt Toro, wo der Hammer hängt, und zwar mit ihrer Schwanzkeule. Aber: Toro wird nicht ausgelöscht, sondern nur in die Flucht geschlagen. Okay, diese epische Schlacht erhält dann im Laufe der Zeit den Status einer immer wieder erzählten Legende (Archetypus: Kampf gegen den Drachen); und Ben möchte die nächsten Folgen hindurch immer wieder etwas in die Luft jagen.

 Yaz rettet Sammy das Leben; Brooklynn opfert sich, um dem Gen-Wahnsinn ein Ende zu machen; auch Kenji will der Gruppe etwas Gutes tun. Doch Darius, der sehr genau das Verhalten der Dinosaurier studiert, ist gewissermaßen der Mentor für alle, damit sie in dieser vergessenen Welt nicht verloren gehen. Die Kinder sind aber auch oft durch ihre Vergangenheit überfordert: Sammy will ihre Familie retten, während Darius seinem todkranken Vater nicht helfen konnte. Für Kenji, luxusverwöhnt, scheint dagegen Familie eine Leerstelle zu sein. Und Ben überlegt sich sogar, auf der Insel zu bleiben, als sich die Möglichkeit zur Flucht bietet. Ich habe hier den Schwerpunkt auf Ben gelegt, weil er meiner Meinung nach von allen den längsten Weg zurückgelegt haben wird. Es wäre eine Verkürzung, ihn nur als Dschungelkampfmaschine darzustellen. Er und Bumpy pflegen eine besonderre Freundschaft zwischen den species – von wegen dumme Dinos; und sie sorgen sich rührend umeinander, auch wenn irgendwann der Punkt des Abschiedes kommt. Ben fasst zusammen: „Ich hab’ mich auf dieser Insel gefunden. Also kann ich mich auch woandershin mitnehmen.“[1]

In der Erwachsenenwelt finden diese Jugendlichen nicht zu ihrem Selbst, was ihnen die Utopie von Isla Nublar aber ermöglichen wird, jener Nicht-Ort voller … ja, seltsamer und liebenswürdiger Ungeheuer. Die uralte, klassische Botschaft: Das wirkliche Monster ist der Mensch. In dem Sophokles-Drama „Antigone“ gibt es ein Chorlied mit folgenden Versen (332 f.): „Viel Unheimliches und nichts unheimlicher als der Mensch […].“[2] Das altgriechische Wort deinos findet sich sowohl in Dinosaurier („Schreckensechse“) als auch im Dinanthropus („Schreckensmensch“) wieder.

Eine kleine Kritik zum Schluss: Die Darstellung der Dinosaurier in dieser Serie wirkt trotz deren Intelligenz und Agilität noch wie aus einer anderen Zeit. Seit Jahren bin ich durch verschiedene Publikationen daran gewöhnt, manche von ihnen mit Farben und mit Federn zu sehen. Ein gefiedeter T-Rex? Dazu noch bunt? Also, ein bisschen mehr Mut zur Farbe (… und nicht nur fluoreszierende Hadrosaurier als Höhlenbeleuchtung). Aber hätte man die Serie vor 100 Jahren gesehen – rein hypothetisch: wer hätte diese Dinosaurier wieder erkannt?

Zum Weiterlesen

  1. Markus Pohlmeyer: Paläoart: Wie Künstler durch die Zeiten sahen (Rezension zu: Z. Lescaze: Paläo-Art, 2017), in: http://culturmag.de/rubriken/buecher/buch-zoe-lescaze-palaeo-art/105296, Zugriff am 17.12.2017
  1. Markus Pohlmeyer: Jurassic World: Das gefallene Königreich (2018). Ein Essay, in: http://culturmag.de/crimemag/film-markus-pohlmeyer-ueber-jurassic-world-das-gefallene-koenigreich/110923;  Zugriff am 19.8.2018
  2. Markus Pohlmeyer: Fliegende Wunder, fliegende Albträume – Flugsaurier in der Paläoart, in:  http://culturmag.de/crimemag/markus-pohlmeyer-die-dinosaurier/133853, Zugriff am 1.4.21

[1] Alle direkten und indirekten Zitate in diesem Essay aus: Jurassic World. Neue Abenteuer. Staffel 1-3 © 2022 Universal Studios (4 DVDs).

[2] In meiner Übersetzung schließe ich mich den Überlegung von G. Fink: Die griechische Sprache, 2. Aufl., München – Zürich 1992, 206 ff. an.