Geschrieben am 1. April 2022 von für Crimemag, CrimeMag April 2022

Markus Pohlmeyer: Cixin Liu „Supernova“

Vom Ende und Anfang der Welt

Dargestellt in Spielszenen

– Ein Essay.

„Als es geschah, war die Erde ein Planet im Universum.“[1] Es? Und Planet im Universum? Was denn sonst? Banal … Oh nein. Denn „Supernova“ – die deutsche Übersetzung des ersten Romans von Cixin Liu (2003), dem Autor von ‚Trisolaris‘ – spielt ein erschreckendes Gedankenexperiment durch: Was wäre, wenn die Auswirkungen einer Supernova in unserer kosmischen Nachbarschaft die Erde erreichten und nicht nur das Klima veränderten,[2] sondern auch alle Menschen älter als 13 aufgrund der Strahlung zum Tode verdammten? Es bleibt wenig Zeit, die Kinder auf eine Welt-ohne-Erwachsene vorzubereiten – von den technischen, administrativen, medizinischen Dimensionen bis hin zur Militärstrategie. Alles muss rasend schnell geschehen. Die Kleinen sind mental, intellektuell und körperlich überfordert – und erst recht die neue chinesische Regierung, bestehend aus Jugendlichen. Die Älteren ziehen sich zum Sterben zurück. Und dann beginnt eine neue Ära in der Menschheitsgeschichte.

Zeitalter der Supernova, Minute 15

‚Hallo Peking! Warum sind Mama und Papa noch nicht zurück?‘ ‚Was? Weißt du denn nicht …?‘ ‚Ich weiß nicht, wo sie hingegangen sind. Sie haben nur gesagt, ich soll nicht weglaufen und zu Hause waren!‘“[3]

Und nun folgen: brennende Öllager, entgleisende Züge, fehlende Ärzte, Verzweiflung, Hunger, Durst undundund. China (exemplarisch) steht kurz vor dem Zusammenbruch; und nur eine KI kann schließlich Land und Infrastruktur stabilisieren. Im Cyber-Space wird zudem eine neue Parallelgesellschaft entstehen, die durch sog. Virtuelle Staatsbürger[4] mit der Regierung kommuniziert, sich bildend aus jeweiligen Mehrheiten, … und die nur spielen und Süßigkeiten will. Homo ludens.[5] „[…] Für Kinder bedeutet Spielen das ganze Leben. Warum soll eine Welt der Kinder dann nicht eine Welt des Spiels sein?‘“[6]

Die USA entwickeln sich dramatischer. Kurz, die Kinder haben Zugriff auf Waffen aller Art. „‘Der Kandidat der Republikaner hat gestern verkündet, dass er im Fall seines Wahlsiegs alle Kinder mit den Superwaffen der Armee, der Marine und der Luftwaffe spielen lassen wird.‘“[7] Die Situation eskaliert, als der neue amerikanische Präsident im Kampf um die Antarktis genau  dort olympische Kriegsspiele stattfinden lässt. Die Diskussionen über die auszuwählenden Waffen wirken schier unerträglich – Horror pur –, wie auch die Massaker und die desaströse Evakuierung des fernen Kontinents, als dieser wieder unerwartet und schnell zufriert. All das wird akribisch geschildert, nimmt viel narrativen Raum ein: vom erträumten Bonbon-Paradies hinab zum realen Bomben-Inferno. Denn im Wahn, die neue Welt im Süden zu beherrschen – das olympische Gemetzel brachte kein Ergebnis – zünden die Amerikaner eine Atombombe. China antwortet. Gleichgewicht des Schreckens. Darauf geschieht etwas Verrücktes, Verrückendes gleichsam, um die Konflikte zu entschärfen: „Ob die Große Umsiedlung eine zwangsläufige Folge der historischen Ereignisse war. Das ist eine schwerwiegende Frage. Nachdem die USA und China ihre Staatsgebiete getauscht hatten, beteiligten sich noch weitere Staaten an diesem Spiel.“[8]  Wow … sich von seinem Land, seiner Kultur und Geschichte verabschieden, in Unbekanntes aufbrechen … um des Friedens willen. Wäre dies ein Weg hin zu einer globalen, besser: planetaren Gesellschaft, indem wir die Nationalstaaterei hinter uns ließen? Das ist Cixin Liu, wie ich ihn schätze: schon auf der Zielgraden noch eine irre/geniale Idee herbeigezaubert, die es in sich hat!

„Supernova“ konfrontiert uns Menschen, uns Erd- und Blasenbewohnern, schonungslos, illusionslos, wie ausgeliefert wir kosmischen Prozessen sind, die jenseits aller Verfügbarkeit ablaufen. Wie Kinder – durch eine Katastrophe überfordert, da ihrer Eltern beraubt –  in erschreckender Weise die Welt der Erwachsenen perpetuieren und sogar eskalierend übersteigern. Die Jugendlichen lernen auf ihre eigene (grausame) Weise Politik. So entsteht eine bittere Variation von „Herr der Fliegen“ – in globale Dimensionen projiziert. Innerhalb des Romans wird sogar darauf verwiesen: „‘Das ist ein gutes Buch. Golding gehörte zu den wenigen Erwachsenen, die die Natur von Kindern wirklich verstanden hatten. […]‘“[9] Der Mensch ein Wesen, das (kindlich) spielt? Frei nach Schiller … Und wenn es mit Panzern sein sollte.

Dieser Roman bietet keinen Raum für Entschuldigung oder Moralisieren, sondern zeigt: Größe und Versagen. Ist ein Gesellschaftsgedankenexperiment: man nehme die Erwachsene aus dem Spiel, mal schau’n, wie’s weitergeht. Da steht Humorvolles neben Momenten voller Ironie; doch Verzweiflung und Resignation überwiegen. Wie sollen denn Kinder um Himmels willen ganze Staaten lenken? Und statt des Paradieses steil in Richtung selbstgemachte Apokalypse, so nach dem Motto: wir brauchen keine Supernova, kriegen wir auch ohne dich hin, Universum. Und das Ganze kommt daher wie eine bitterböse, sarkastische Satire – bis an die Grenze zum Absurden. Allein der schier unerträgliche sog. Supernova-Krieg umfasst mehr als ein Fünftel des Romans und liest sich wie ein Waffenkatalog mit anschließendem Massaker. Und es bietet sich genug Gelegenheit, Differenzen zu zelebrieren, z.B. im Kontext megatiefsinnigster Kulturerklärungsmodelle: „‘[…] Sag mir, was Amerika groß gemacht hat. […] In jedem Flecken der Welt, ob im selbstgerechten Europa, im eigenwilligen Asien, im armen Afrika und auch überall da, wo kein Flugzeugträger hinkommt, gibt es Micky Maus und Donald Duck.‘“[10]

Die Erzählinstanz (ein unzuverlässiger Erzähler?) versucht – gewissermaßen rekonstruierend und mit dem Wunsch, zu verstehen – einen historischen Rückblick; gewisse Lücken und viele Fragezeichen bleiben. Aber von einem besiedelten Planeten aus. Dem Mars? Distanz von Ort und Zeit. Nun gibt es wieder ältere Generationen. – Mit einer Supernova begann alles, alles kann enden mit einer Supernova. Die Sterne haben uns geschaffen, die Sterne können uns vernichten; aber vielleicht werden wir eines Tages zu ihnen aufbrechen.

„‘Und Opa und Oma wohnen da noch?‘

‚Ja, sie wohnen dort, für immer.‘

‚Ist das die Erde?‘“[11]

Markus Pohlmeyer, Dichter und Essayist, lehrt an der Europa-Universität Flensburg. Seine weit über 100 Texte bei uns hier.

Zum Weiterlesen

Markus Pohlmeyer: Die Trisolaris-Trilogie von Cixin Liu. Essay und Rezension, in:  http://culturmag.de/crimemag/markus-pohlmeyer-die-trisolaris-trilogie-von-cixin-liu/117135, Zugriff am 1.5.2019

Markus Pohlmeyer: Donald Duck zum 85. Geburtstag – Kollage und Analyse, in: http://culturmag.de/crimemag/markus-pohlmeyer-und-donald-duck/117907, Zugriff am 1.6.2019

Markus Pohlmeyer: 2 x Cixin Liu als Graphic Novel, in: http://culturmag.de/crimemag/2-x-cixin-liu-als-graphic-novel/136906; Zugriff am 1.9.21

Markus Pohlmeyer: Cixin Liu: Der Dorflehrer (von Zhang Xiaoyu, Bielefeld 2021) – eine Rezension, in: http://culturmag.de/crimemag/der-dorflehrer-nach-cixin-liu/138118, Zugriff am 1.11.21


[1] Cixin Liu: Supernova. Roman, übers. v. K. Betz, München 2021,  9.

[2] So z.B. Supernova (s. Anm. 1), 129.

[3] Supernova (s. Anm. 1), 165 f.

[4] Siehe dazu Supernova (s. Anm. 1), 213 ff. Ich fühlte mich dabei an Hobbes und seinen Leviathan erinnert – hier in digital-virtueller Variation.

[5] Siehe dazu J. Huizinga: Homo Ludens. Vom Ursprung der Kultur im Spiel, übers. v. H. Nachod, Hamburg 1987.

[6] Supernova (s. Anm. 1), 264.

[7] Supernova (s. Anm. 1), 312.

[8] Supernova (s. Anm. 1), 501.

[9] Supernova (s. Anm. 1), 332.

[10] Supernova (s. Anm. 1), 291. Mein viel zu früh verstorbener Mentor im Fach Deutsch zählte zu diesen beiden noch John Wayne hinzu. Und ich komm’ da immer mit Platon, Beethoven und Albert Einstein angeschoben …

[11] Supernova (s. Anm. 1), 503.

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