Geschrieben am 19. März 2011 von für Crimemag, Kolumnen und Themen

Markt & Totschlag: Der Regionalkrimi, continued

Regio-Krimi, die Fortsetzung …

… heute von Thomas Wörtche.

(Links zur laufenden Debatte siehe unten!)

Seit Jahren gibt es Diskussionen über „den Regionalkrimi“.  Echos von sehr ähnlichen Debatten zu „dem Soziokrimi“ oder „dem Frauenkrimi“ sind durchaus vorhanden. Und sei´s als Empörung der einen Seite, es gebe „so etwas“ von Belang nicht, und der Gegenempörung der anderen Seite, selbstverständlich sei „so etwas“ was ganz Feines. Sozio, Frauen, Regio.  Die Position, die immer auf der sicheren Seite sein will, sagt: „Ich weiß gar nicht, was das sein soll.“ Und ganz abgeklärt: „Es gibt eben gute und schlechte Krimis.“
Ja.
Der Regionalkrimi boomt. Wir müssen nicht über die schnellen Kennzeichnungen diskutieren, mit denen man den Regionalkrimi rubriziert. Diese allergröbsten Kennzeichnungen sind bekannt.

Umstritten ist nur, was mit dem Regio-Krimi los ist. Und warum er, wenn er denn so boomt, so vehement verteidigt werden muss. Wie Klaus-Peter Wolf  sehr überzeugend gezeigt hat, lieben Leser, engagierte Liebhaber (Krimikiosk, Krimiforum, etc.) und parteiliche Autoren (also solche, die explizit Regionalkrimis verfassen) ihn inbrünstig. Die notorischen „Krimi“-Blogger krakeelen und pöbeln; die Profi-Kritik (die „Bagage“, Marcel Feige), auf die, laut der Deutsch-Grimmi-Funktionäre, angeblich sowieso niemand hört, nimmt ihn nicht ernst.

Aber er will partout ernst genommen werden. Selbst von denen, die ihn angeblich hassen. Jeder Verfasser von Hintertupfing-Grimmis weist darauf hin, dass man auch Dashiell Hammett als San-Francisco-Regio-Grimmi-Autor verstehen kann – also, triumphierend: Wo ist der Unterschied? Ja, wo wohl? Das ernsthaft zu diskutieren, fiele schon unter die Sünde des sacrificium intellectus.

Natürlich obwaltet das schlechte Gewissen der erfolgreichen Formel. Sie soll mit Qualitätszertifikaten und Diplomen und Preisen abgesichert werden. Dahinter steckt durchaus das Wissen oder wenigstens die Ahnung, dass das Marketing-Versprechen, laut dem das Erfolgreiche das deswegen Gute sei, reines Blendwerk ist. Und mit anderen nur erfolgreichen Größen wie Florian Silbereisen, André Rieu oder DJ Ötzi möchte man auch nicht in Zusammenhang gebracht werden. Zumal sich de facto „Regio-Krimis“ nur in der Masse, selten als Einzelstück für die Verlage rechnen. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Aber das ist nur ein Aspekt. Interessanter ist, dass eine Diskussion Pro und Contra um etwas geführt wird, als ob dieses Etwas substantiell zu bestimmen wäre. Genauso wenig, wie „Kriminalliteratur“ (in ihren diversen Erscheinungsformen von Grimmi bis Polit-Thriller) eine „Form“ ist, die irgendwelchen normativen Regeln zu folgen hätte (das ist literaturwissenschaftlicher Altschnee von übergestern und wird höchstens noch in irgendwelchen Klippschulen gelehrt), genauso wenig ist „Regio-Grimmi“ eine brauchbare Kategorie, um über literarische Qualitäten zu sprechen. Oder über das, was er ästhetisch-literarisch IST.

Was ein Regio-Krimi IST, hängt weniger von ein paar beschreibbaren Kriterien ab, sondern von seinen Para-, Epi- und Kontexten, also den Mechanismen, die Texte zu Kriminalromanen, Pornographie, Trivialliteratur, Meisterwerken oder eben zu Regional-Krimis erklären.

Richtig ist: Ein Kriminalroman muss irgendwo spielen. Manchmal sogar in Isola. Dass Chester Himes´ Romane in Harlem spielen (Achtung, eine Pointe für Ironiker: Himes bezeichnete seinen „Harlem Cycle“ selbst als „domestic novels“ – das wäre doch ein Argument für die Verfasser von pfälzischen oder badischen „Spargelkrimis“: Heimatromane!) liegt auf derselben argumentativen Triftigkeitsebene wie die unbestreitbare Tatsache, dass auch jeder „Regio-Grimmi“ hauptsächlich aus mehr oder weniger korrekten Sätzen zusammengebaut ist. Ganz wie die Romane von Chester Himes. Aber nur, weil ein Roman irgendwo spielt und weil er in Prosa verfasst ist,  ist er deswegen noch lange nicht schon Weltliteratur.

Wenn man den „Regio-Krimi“ auf seine Regionalität beschränkt, kommt man nicht weiter. Dorf, Kleinstadt, Bauernhof – all das sind potentielle Orte auch für Weltliteratur. Pottsville,  Salem, Tannöd – kein Problem.

Wir werden zu substantiell. „Regio-Krimi“ ist das, von dem die Produzenten sagen, es seien Regionalkrimis. Kommt aber darauf an, wie sie es sagen.

Man muss differenzieren: Wenn ein auf „Weltliteratur“ spezialisierter Verlag, der Romane aus Asien, Afrika, Lateinamerika, Ozeanien etc. schwerpunktmäßig in seinem Programm vereinigt, auf die Fabio-Montale-Romane von Jean-Claude Izzo „Marseille-Trilogie“  schreibt, schließt der Kontext aus, dass dieser Untertitel (ein Epitext, weil rein verlegerisch) als „Regional-Krimi“-Labeling gemeint ist. Es ist eine Ortsbeschreibung, wie „Manhattan Transfer“.

Schreibt der laut eigener Verlagsdarstellung und Schwerpunkt auf Regional-Krimis spezialisierte Gmeiner Verlag  auf einen Krimi eines No-name-Autors (das ist deskriptiv gemeint) „Bodensee“-Krimi und hat derselbe Verlag noch ungefähr weitere 20 Bodensee-Krimis und ähnliche Produkte im Angebot, wird über den verlegerischen Kontext entschieden, dass es sich dabei eben um „Regio-Krimis“ handelt und nicht um „Weltliteratur“.

Kriminalliteratur, das steht schon im Artikel „Kriminalroman“ des „Reallexikons der deutschen Literaturwissenschaft“, ist konstitutiv durch ihre wirtschaftlichen Bedingungen mit-definiert. Im positiven wie im negativen Sinn. Sie kann sich – positiv – nicht auf Subventionen verlassen und muss sich ihr Publikum erobern. Sie ist – negativ – aber auch ihren Produktionsbedingungen direkt ausgesetzt. Verlage, die Regionalkrimis „machen“, haben ihre Kompetenzen in den Regionalmärkten, aber selten auf literarischem Gebiet. Das müssen sie auch nicht: Ein Regio-Krimi muss als solcher funktionieren. Als nichts sonst.

Für Chester Himes oder Jean-Claude Izzo wäre ein „Regio-Krimi“-Verlag nicht der geeignete Ort. Mehr noch: Sie würden vom dortigen Lektorat vermutlich als untauglich abgelehnt.

Dass auch zunehmend in Großverlagen, die auf den Regio-Zug aufspringen, solche Manuskripte abgelehnt werden würden, hat wieder mit anderen Gründen zu tun. Seit „Regio“ eine deutsche Erfolgsformel geworden ist, drängen jede Menge beflissener Schreiber auf den Markt, die sich von den „Lektoraten“ enge Vorgaben zu magersten Vorschüssen (resp. ohne Vorschüsse) machen lassen. Was „geht“ und was „nicht geht“, entscheiden nicht mehr die Autoren, sondern Leute ohne wirkliche Entscheidungsbefugnisse nach oben. Sie müssen Produktionsmaximen durchsetzen, die weniger mit literarischen Qualitäten als mit kaufmännischen Kalkülen zu tun haben.  Ob diese Kalküle aufgehen oder nicht, ist eine andere Frage. Die Ausblutung von Sachkompetenz in den Verlagen auch.

So entsteht ein „Markt“, der über das Label „Krimi“ befüllt wird.  Und der zudem hübsche Synenergien mit den diversen lokalen Tourismusbehörden und Produktmanagements (Schafskäse, Riesling, Bier …) hat. Das darf man den Vermarktern nicht übelnehmen, auch nicht den Lieferanten. Man muss nur wissen, was da passiert und nicht von „Literatur“  oder der „Liebe zum Krimi“ schwadronieren.

Mit Kriminalliteratur hat das sowieso nur sehr am Rande zu tun, denn man könnte sich vorstellen, das „Regional“ auch ohne das „Kriminal“ zu betreiben. Der „Krimi“-Anteil ist dort sowieso reines Labeling und über die Sujet-Splitter (Mord & Aufklärung) hinaus keinesfalls irgendwie ernst zu nehmen. Wer wen in welchem Weinfass welchen Jahrgangs ersäuft, ist lediglich der belanglose Erzählfaden, die literarische Organisation ist meistens dürftig. Aber das macht nichts.

Wir können die Tendenz zur Entbehrlichkeit des „Krimi“-Bausteins schon an den Nebenfeldern „Frauen“ und „Historien“ sehen. Der kluge Gmeiner-Verlag hat erkannt, dass diese beiden Segmente auch ohne „Krimi“-Anmutung funktionieren können. Also keine bescheuerten Historien-Krimis mehr mit ermittelnden Wanderhuren und brabbelnden Schamanen, kein Frauen-Grimmi-Gedöns, sondern die beiden Hauptfelder klar herausziseliert. Den „Frauenroman“ und den „Historienroman“,  ganz ohne Grimmi-Beimischung, gibt es bei Gmeiner schon. Das ist gut so.

Der Wiederkehr des Heimatromans – von der Dorfgeschichte bis zu allfälligem BluBo-Kram und Alpenscherzen – ist also bestens vorbereitet.

Damit entfiele dann auch die Verlegenheitsargumentation, man lese Kriminalromane aus den verschiedenen Regionen „wie einen Reiseführer“. Oder: Ich weiß, wie es in New York oder Buenos Aires oder Kapstadt abgeht (weil ich da schon mal in Urlaub war und die Welt zusammengerückt ist – nichts trügerischer als das, by the way, aber das ist ein anderes Thema), also will ich etwas über Mittelhessen, Vorpommern oder die Uckermark wissen.  Dabei jedoch würde mich die Krimihandlung arg stören.  Glücklicherweise muss ich mich, wenn ich mit Fontane durch die Mark Brandenburg  wandere, nicht auch noch darum kümmern, wer den Gutsherrn von Kockwitz nächtens geschändet hat. Wer Heimat, Landschaft nebst intellektuelle Führung und Anleitung braucht, der braucht eben genau das und nicht Krimi. Denn wenn der Krimi-Anteil bei solcher Beschaulichkeit nicht stört, dann ist er auch nicht der Rede wert und kann sowieso entfallen.

Man könnte aber auch den Eindruck haben, der Regio-Krimi biete im Zuge des „Wir-sind-Deutschland“ und des „Das-kann-ich-auch“ das ideale Betätigungsfeld für den literarischen Hornbach-Menschen. Es gibt viel zu tun und der Drang, ein Buch mit dem eigenen Namen drauf zu sehen, entlastet das BoD-Business arg, seitdem es den Regio-Krimi und seine verlegerische Infrastruktur gibt.

Nicht so schön ist, dass es komplexere Texte zur Zeit schwerer haben, überhaupt verlegt zu werden. Daraus entsteht dann der ambitionöse Heimat-Grimmi. Der muss aber unter allerschwerstem Literaturverdacht stehen und mindestens mit Nazis & Inzest aufwarten. Aber auch das ist nur ein angrenzendes Problemgebiet.

Sind wir mal optimistisch: Richtig gute Kriminalromane werden nicht daran scheitern, wenn sie unter dem Stichwort „Regio“ vermarktet werden. Allerdings steht „richtig gut“ auf jedem Schundstück drauf. Man müsste also schon deutlich machen können, welcher der monatlichen hundert Regio-Krimis man einem ausgewachsenen, weil ästhetisch, literarisch, erkenntnistheoretisch und im  Unterhaltungsfaktor für erwachsene, gebildete und kompetente Leser plus seiner Welthaltigkeit weit überlegenen Roman von Peter Temple, Lee Child, D. B. Blettenberg, Zoë Beck, Malla Nunn, Christa Faust oder meinethalben sogar Stieg Larsson (ergänzen Sie selbst) vorziehen soll. Dass es unter dem Label „Regio“ gute Bücher geben kann, wird niemand von Verstand bezweifeln. Dito, dass grausam schlechte Bücher aus allen anderen Sprachen sinn- und bewusstlos übersetzt werden. Dito, dass es viele, viele Deutschgrimmis gibt, auf denen nicht „Regio“ steht, die aber genauso grottig sind wie der allergrottigste Regio-Grimmi oder sogar noch grottiger.

Aber dass „der Regional“-Krimi so was wie Artenschutz braucht, weil er per se gut, nützlich, willkommen und sinnvoll ist, das leuchtet kein bisschen ein.

Der normale „Regio-Krimi“ – und wir wissen alle ohne großen Beschreibungsapparat, wie ein Regio-Krimi aussieht und daherkommt – ist eine ästhetische Landplage, die Flurschäden, die er gerade anrichtet, sind vermutlich reparabel (was sie nicht weniger ärgerlich macht), aber man kann ihn auch ganz einfach vermeiden. Einfach nicht lesen. Versuchen Sie doch einfach, Klatsch & Tratsch vom Nachbarn direkt zu bekommen. Macht vermutlich mehr Spaß, vielleicht klappt´s auch und Sie können die Kriminalromane lesen, die den Namen auch verdienen. Gerne auch solche von deutschsprachigen Autoren. Denn nicht alle deutschsprachigen Verfasser von Kriminalromanen sind begeistert davon, von der Regio-Diskussion in Geiselhaft genommen zu werden und gegen die angebliche Übermacht ausländischer  Bücher ins Gefecht geführt zu werden.

Thomas Wörtche

Klaus-Peter Wolfs Artikel zum Regiokrimi
Carlo Schäfers Regiokrimiwettbewerb
Christine Lehmanns Beitrag
Interview mit Armin Gmeiner

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  • Helmut Exner

    Ein guter Beitrag von Thomas Wörtche. Fazit für mich: Es ist mir wurscht, ob auf dem Umschlag Roman, Krimi oder Regionalkrimi steht. Ich gehe immer wieder das Risiko ein, neue Bücher zu lesen. Ob sie gut oder schlecht sind, kann ich erst hinterher beurteilen. Ob sie in Manhattan, Ystadt oder Hintertupfingen spielen, hat nichts mit dem Unterhaltungswert oder der literarischen Qualität zu tun. Ich stelle nur für mich fest: Ein Buch ohne jeglichen regionalen Bezug bringt mir nicht viel. Ich will mich beim Lesen in einer Stadt, einem Dorf, einer Landschaft als Gast fühlen. Und: Spannung braucht nicht immer Leichen.

  • Christine Lehmann

    Eine Krux für mich als Krimi-Autorin. Ja, ich muss meinen Krimi irgendwo spielen lassen. Aber nun muss ich auch losziehen und die Stufen der Staffel zählen, auf die ich meine Leiche lege. Damit der, der sie täglich rauf und runter geht, nicht „Fehler!“ ruft. Als ob der Wert eines Krimis von der Genauigkeit der Beschilderung einer Autobahnausfahrt abhinge. Das Verbrechen, das der Regionalkrimi schildert, wird marginal, ist ein Allgemeinplatz und wird nicht näher spezifiziert. Entsprechend klischeehaft (zuweilen auch klamaukhaft) sind auch die Motive, der Tathergang und der Plot. Die Eigenschaft des Verbrechens in einem Regionalkrimi ist es, dass es sich auf der mir vertrauten Stuttgarter Staffel ereignet hat. Während ich als Autorin meine Leidenschaft darein stecke, ein Verbrechen in einem für genau dieses Verbrechen typischen Milieu zu verankern und/oder ein Thema in seinen Fassetten zu präsentieren, eine besondere Seelenlage zu schildern und so weiter.

    Stimmt, Krimis müssen irgendwo spielen. Doch ich muss losziehen und die Stufen der Staffel von Stuttgart zählen, wo ich meine Leiche hinlege, sonst schreit einer: Fehler! Etwas so Allgmeines und Anonymes wie ein Verbrechen scheint eine Verortung im Vertrauten zu verlangen. Vielleicht muss das so sein, denn Was überall passiert und beliebig ist, erfährt seine Wertigkeit für den Leser durch die richtige Zahl der Stufen einer Staffel, die man selbst täglich hinauf- und hinunterläuft.