Geschrieben am 1. September 2022 von für Crimemag, CrimeMag September 2022

Nach einem wahren Fall: Lynchmorde in Nigeria

Im Oktober 2012 wurden im Südosten Nigerias vier Studenten von einer aufgebrachten Menge durch die Stadt gejagt und angezündet. Ein Handyvideo von dieser Tat ist anschließend viral gegangen. Diesen Fall der „Aluu Four“ greift der aus Nigeria stammende Psychologie Femi Kayode in seinem Krimi-Debüt „Lightseekers“ auf.

In Okriki, einem Vorort der nigerianischen Universitätsstadt Port Harcourt, sind drei Studenten von einer aufgebrachten Menge durch die Stadt gejagt, entkleidet, verprügelt und letztlich verbrannt worden. Ihr Vergehen: Sie wurden des Diebstahls verdächtigt. Es gibt ein Handyvideo von dieser Tat, das anschließend viral gegangen ist. Der Kriminalpsychologe Dr. Philip Taiwo wird von dem Vater eines der drei Studenten beauftragt, die Hintergründe der Tat herauszufinden.

Es ist ein wahrer Fall, der Femi Kayodes Debütroman „Lightseekers“ zugrunde liegt: Im Oktober 2012 wurden im Südosten Nigerias vier Studenten gelyncht. Es war ein „necklace killing“, bei dem den Opfern Autoreifen übergestülpt werden, die mit Benzin übergossen sind und angezündet werden. Eine weltweit verbreitete Methode der Folter und Bestrafung, auch in Nigeria gab es schon solche Fälle. Dieser Fall ist besonders: Die Opfer waren Studenten der örtlichen Universität und Handyvideos von der Tat wurden im Internet vielfach angesehen. Also begann Kayode zu dem online verstörend detailliert dokumentierten Fall zu recherchieren. Er wollte herausfinden, wie es zu dieser Tat kommen konnte, wie Menschen mit ihr leben können – und entdeckte, dass der Tatort Port Harcourt ein Mikrokosmos des gesamten Landes war. Was dort passiert ist, konnte überall passieren.

Im Roman nun ist es Taiwo, der sich fragt, wie Menschen einander so etwas antun können – und wie eine Gemeinschaft nach dieser Tat weiterhin zusammenleben kann. Auf der Suche nach Antworten stößt Taiwo in Port Harcourt auf eine Mauer des Schweigens: Die Bewohner wollen ihn wieder verjagen, die Führer religiöser Gemeinschaften fürchten weitere Unruhen, sogar die örtliche Polizei will ihn so schnell wie möglich wieder loswerden. Sie verbergen alle etwas – und Taiwo wird herausfinden, was genau das ist. Er ist der Ich-Erzähler dieser Privatermittlergeschichte, der mit seinem Fahrer und Assistenten Chika vor allem Gespräche führt und seine analytischen Fähigkeiten leider nur wenig nutzt. Insbesondere die weiblichen Nebenfiguren ist oftmals stereotyp wie die hübsche und raffinierte Anwältin Salome Briggs, die Taiwo hilft, aber auch in Versuchung führt, seine Ehefrau zu betrügen. Die Handlung hat viele Wendungen, bei denen gelegentlich allzu deutlich ist, dass sie falsche Verdächtige und weitere Themen einführen sollen. Man merkt: Es ist Kayodes Krimidebüt, in dem er Genre-Konventionen gelegentlich zu bemüht bedient. Dazu gehören die kursiv gesetzten Passagen eines zweiten Erzählers, der in einem Kloster in Nigeria aufgewachsen ist und die Klischees eines psychopathischen Täters erfüllt.

Femi Kayode © Nicholas Louw

Dieser bisweilen überfrachteten Unausgewogenheit stehen klare Stärken entgegen: Dr. Taiwo ist – wie Femi Kayode – in Nigeria geboren, hat aber im Ausland studiert und ist erst vor einigen Monaten zurückgekehrt. Er kennt die Gepflogenheiten, regionalen Unterschiede und Geschichte des Landes, blickt als Rückkehrer aber distanziert auf die nigerianische Gegenwart. Die Gewalt und Korruption ärgern ihn, in Port Harcourt sieht er zudem die Folgen der ungleichen sozioökonomischen Entwicklung des Landes. Ihn ärgern Gewalt und Korruption, die Chika ganz selbstverständlich akzeptiert – und er sieht auch, wie diese miserablen Bedingungen im Zusammenspiel mit der stärker werdenden Gewalt zu gesellschaftlichen Spannungen beitragen.

Diese Einblicke in die Gesellschaft des Landes sind die große Stärke dieses Kriminalromans, der rekonstruiert, wie Unzufriedenheit, Gleichgültigkeit, Perspektivlosigkeit und gezielte Desinformation zu einer furchtbaren Tat führen. Seine Erkenntnisse reiche indes über Nigeria hinaus. „Lightseekers“ erzählt auch davon, welchen Einfluss soziale Medien auf Gesellschaften haben, in denen Menschen ohnehin schon voller Hass und ohne Perspektive sind. Ihre Dynamiken korrespondieren mit denen eines Lynchmobs: Als die Studenten durch den Ort gehetzt wurden, haben sich aufgrund der Anzahl der Hetzenden die einzelnen Menschen nicht mehr verantwortlich für ihre Handlungen gefühlt, sondern sich der Dynamik der Menge hingegeben. Hinterher decken sie einander und verstecken sich hintereinander. Das ist nicht weit entfernt von der verführerischen Anonymität und gefährlichen Manipulierbarkeit in den sozialen Medien. Und diese Dynamiken gibt es nicht nur in Nigeria, sondern auf der gesamten Welt.

Sonja Hartl

Femi Kayode: Lightseekers (. Übersetzt von Andreas Jäger. btb, München 2022. 464 Seiten, 16 Euro.

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