Geschrieben am 1. März 2021 von für Crimemag, CrimeMag März 2021

Krimigedicht von Nick Cave – und eine Buchbesprechung

THE WEEPING SONG

Go son, go down to the water
And see the women weeping there
Then go up into the mountains
The men, they are weeping too
Father, why are all the women weeping?
They are weeping for their men
Then why are all the men there weeping?
They are weeping back at them
This is a weeping song
A song in which to weep
While all the men and women sleep
This is a weeping song
But I won’t be weeping long
Father, why are all the children weeping?
They are merely crying son
O, are they merely crying, father?
Yes, true weeping is yet to come

This is a weeping song
A song in which to weep
While all the men and women sleep
This is a weeping song
But I won’t be weeping long
O father tell me, are you weeping?
Your face seems wet to touch
O then I’m so sorry, father
I never thought I hurt you so much
This is a weeping song
A song in which to weep
While we rock ourselves to sleep
This is a weeping song
But I won’t be weeping long
But I won’t be weeping long
But I won’t be weeping long
But I won’t be weeping long

Nick Cave verstehen

Das Buch „Stranger Than Kindness“ bringt ihn uns näher, den Mann des Alten Testaments – eine Rezension von Alf Mayer

Eigentlich sollten die „Bad Seeds“ in diesem Frühjahr auf Europatournee sein, aber die wurde abgesagt. Und wegen der Corona-Regelungen war auch die Kunstinstallation „Stranger Than Kindness: The Nick Cave Exhibition“ im schwarz-kubischen Bau von Det Kongelige Bibliotek in Kopenhagen (zu Deutsch ‚Die Königliche Bibliothek‘), die regulär vom 8. Juni 2020 bis 13. Februar 2021 laufen sollte, weitgehend unerreichbar, weil vom Lockdown betroffen. Eine deutsche Folgeausstellung steht in den Sternen.

Da ist es jetzt mehr als ein Trost, dass das Begleitbuch „Stranger Than Kindness“ zur gleichnamigen Ausstellung nun in einer deutschsprachigen Version erschienen ist. Das Buch – wie natürlich erst recht die Ausstellung – ist eine visuelle Reise an die Quellen von Nick Caves Inspiration und zeigt Artefakte aus seinem Künstlerleben, eine stattliche Zahl selbstgemachter vogelwilder Bücher, seine Schreibmaschine, Notizbücher und Briefe, private Fotografien, auch aus der Kindheit, dazu Zeichnungen und Gemälde (eine Zeitlang malte Cave mit eigenem Blut), vollgekritzelte Manuskripte oder Flohmarktobjekte wie etwa eine Jesus-Büste aus Buenos Aires, eine Affenfigur aus Gibraltar. 

Es ist eine Reise in den kreativen Kosmos von Nick Cave. Sie beginnt in den 1960ern in Wangaratta, Australien, führt durch die chaotischen Jahre seiner ersten Bands, „The Boys Next Door“ und „The Birthday Party“, dann seine Jahre in Berlin und London. Für die Ausstellung hat Cave zusammen mit seinem langjährigen Zuarbeiter Warren Ellis eine achthundert Quadratmeter große Klanglandschaft komponiert und aufgenommen, durch die man sich (in Kopenhagen) in acht Räumen bewegen kann. Wahnwitzige Schreibhöhlen sind darunter, seltsame Orte. Notorisch ist ja zum Beispiel auch immer noch das „Nick the Stripper“-Video, nachts illegal auf einer Müllkippe in Melbourne gedreht und von John Hillcoat geschnitten. „The Birthday Party“ lud dazu Freunde und Bekannte ein, ihre Version der Hölle nachzuspielen. Es gibt Hasenkostüme und Schweineköpfe, Henkerskapuzen, Klan-Kostüme, Ziegen, ein Mann brachte ein Kruzifix mit und hing die ganze Nacht daran.

Zu der Ausstellung gehören auch zwei von den Künstlern Iain Forsyth und Jane Pollard gestaltete Installationen, die beiden waren an Nick Caves Spielfilm „20,000 Days on Earth“ maßgeblich beteiligt. 

„Kontexte“ (im Original Contextualisation) nennt sich der aufschlussreiche hintere Textteil im Buch, der zu allen im Buch gezeigten Ausstellungsstücken wichtige und oft auch verblüffende oder so noch nicht bekannte Informationen liefert. Die Texte sind weit mehr als Bildlegenden, sprengen das dafür übliche Maß. Mehr als nur ein freundlicher Begleitessay ist auch das intellektuelle Herzstück des Buches – der von Christian Lux schnörkellos übersetzte Essay „Gott ist anwesend“ von Darcey Steinke. Die New Yorker Schriftstellerin beschäftigt sich darin mit den vielen, so oft im Werk des Wanderpredigers Nick Cave wiederkehrenden religiösen Anspielungen. Kein anderer zeitgenössischer Popstar bezieht sich dermaßen stark auf religiöse Motive. Nick Cave ist ein Mann des Alten Testaments.

Das Buch hilft, das ein Stück weit besser zu verstehen. Und nicht nur das.

Nick Cave: Stranger Than Kindness. Mit deutschsprachigem Booklet, übersetzt von Christian Lux. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021. Broschur, 276 Seiten, 29 Euro.

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