Posted On 17. Oktober 2017 By In Crimemag, Krimigedicht With 180 Views

Krimigedicht: Tucholskys „Nachtgespenst“

tuch1Das Nachtgespenst

von Kurt Tucholsky

Am Tage bin ich ein gewisser Planke
nur: Planke, Erich … Breite Straße zehn.
Man merkt mir gar nichts an. Und kein Gedanke

Doch abends, wenn die Bogenlampen zischen,
dann geh ich los und spiele still Versteck.
Rein ins Parterre … ich kann so rasch entwischen …
den Frauen zieh ich gern die Decke weg –
Erschrecken Sie nicht!
Erschrecken Sie doch!
Erschrecken Sie nicht!
Erschrecken Sie doch!
Ich bin schon lange weg, wenn du um Hilfe rennst:
Ich bin das Nachtgespenst!
Ich bin das Nachtgespenst!
»Wer ist da? Mach mal Licht! Mama –!«

Ich stehle nichts. Ich tappe durch die Räume.
Na ja, ein Taschenbuch … was man so findt …
Das sind so alte, tiefe Kinderträume:
wie wohl die fremden Menschen nackend sind?
Sie liegen warm gekuschelt wie die Katzen …
die eine Hand am Bein … die Decke kraus …
Ich hör sie noch vor Angst am Schalter kratzen –
ein Sprung – tiefatmend steh ich vor dem Haus –
Erschrecken Sie nicht!
Erschrecken Sie doch!
Ich bin schon lange weg, wenn du im Halbschlaf pennst …
Ich bin das Nachtgespenst!
Ich bin das Nachtgespenst!
»Willi! Einbrecher! Williiii …!«

Tuch

Kurt Tucholsky

Mir ist das Sport, Romantik ist so selten.
Am Mittag drauf steh ich in der ›B. Z.‹.
Ich bin ein Expedient. Man will doch auch was gelten.
Den ganzen Tag riech ich das fremde Bett …
Angst rieselt auf mich zu. Ich bin ein Kaiser,
ein Fürst der Nacht! Ich schmecke ihren Schrei …
Und nachher brüllen sie vor Furcht sich heiser.
Mich kann die ganze grüne Polizei …
Erschrecken Sie nicht!
Erschrecken Sie doch!
Erschrecken Sie nicht!
Erschrecken Sie doch!
Da kannst du lange warten, bis du mich mal kennst …!
Ich bin das Nachtgespenst!
Ich bin das Nachtgespenst!
Bis ich vor den Herrn Schöffen hocke –
  § 123 Strafgesetzbuch. Gefängnisstrafe von drei Monaten.
Romantik: ocke.

Kurt Tucholsky alias Theobald Tiger, 1930

 

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