Geschrieben am 18. Dezember 2010 von für Crimemag, Kolumnen und Themen

Kolumne: Poisoned Letters von Andus (2)

POISONED LETTERS von ANDUS (2):

Juristen sind hip. Bis auf die Strafrechtler. Andus ist einer. Er weiß, wie die Welt wirklich ist. Die Aktenlage ist hart. Um da wieder runterzukommen, frisst er sich durch Berge von Kriminalliteratur. Je abstruser und hirnrissiger, desto entspannter die Lektüre. Und am Wochenende geht’s weiter von U nach E und wieder nach U. Denn wie die Hälfte seiner Zunft (die andere rast im Cabrio und stürmt Gipfel) ist Andus ein Kulturgänger und Genussmensch. Er liebt Mahler, jedenfalls neuerdings, und rennt unentwegt ins Theater (noch lieber natürlich in die Oper, weil’s Krach macht, die Dekolletés prickelnder sind und der Champagner runder), er guckt Kunst, Kino und Krimis, er kocht, trinkt lieber Wein als Bier und hört Stimmen im Radio. Außerdem hat Andus eine Vision. Deshalb schreibt er Briefe. Exklusiv fürs CrimeMag. Regelmäßig unregelmäßig.

Liebe Felicitas,

verdammt, verdammt, wie sehne ich mich zurück nach dem Rentier und seinen treuen Augen. Wär ich der Nikolaus, würd ich den Hamburger Bahnhof stürmen und sämtliche „Soma“-Viecher befreien. Dann hätten wir noch ’n Kunstdelikt mehr. Aber darauf kommt’s nun auch nicht mehr an. Bald ist das Jahr rum, und alle machen Aktionen. Stuttgart 21, Kachelmann, der Papst, Wikileaks und die Gegner von „Wetter, dass …“ Verena Becker eröffnet in Stuttgart-Stammheim ein Museum für angewandte Sprachlosigkeit, und eine Laus im Pelz von 18%-Guido kopuliert mit dem unbemannten Juchtenkäfer. Und das alles ist womöglich nicht nur strafrechtlich aufzubereiten, sondern auch linguistisch. Aber nicht allein verbal ist aus dem Kopf- oder Sacklausbahnhof das meiste rauszuholen. Wörter wie Schlichter und Stress-Test verändern die Demokratie. Was demokratisch ist, wird von den germanistikseminarerprobten FAZ-, taz- und Weltlesern auf der Straße entschieden oder eben gleich vom Feuilleton. Mensch, Felicitas, das sind basale Aussichten!

Nur schade, dass Du keine Trivialliteratur liest. Gut, gut, wirklich empfehlen kann ich keinen Stuttgart-21-Krimi – aber, glaub mir, es gibt ihn. Und wie. Vom Regional- zum Interregio-Krimi! Juhu! Bitte zurücktreten! Der Bahnhofsthrill ist unterwegs zum neuen Genre. Nicht aufzuhalten, der Hype. Freie Fahrt, mit und ohne Schnellbahntrasse. Die Stuttgarter Zeitung hechelt sogar vorauseilend noch gar nicht erschienene Fälle durch, aber den Bahnhofsbuchhandel belasten vor allem solche Geschichten, die tatsächlich vorgeben, dass es sie schon gibt  (etwa Michael Krug, Bahnhofsmission und so ein wenig – man möge mir verzeihen – Christine Lehmann, Malefizkrott). Da ist palettenweise viel missionarischer Schrott unterwegs, der hinter der Wirklichkeit meilenweit herschreibt. Doch dem Irrsinn ist selbst mit Krimi-Weltbestenschreibe nicht beizukommen. Sogar Steinfest versteht am Ende nur Bahnhof. Wetten, Felicitas?

Ganz ehrlich: Wenn schon Stuttgart, dann werf ich doch lieber noch mal einen Blick in die fünf Denglers von Wolfgang Schorlau. Ich kann mir nicht vorstellen, dass im sechsten Stuttgart 21 nicht vorkommen wird: Ein berühmter schlichter Richter verliert in einer wilden Trollingernacht im alten Stuttgarter Bahnhof sein ebenso kahlköpfiges wie übermächtiges Ego an Gleis 17 und beauftragt Georg Dengler mit der Suche … Schorlau kündigt jedenfalls schon mal nach dem Sachbuch zum Bahnhof den Krimi zum Bahnhof an, weiß wieder die Stuttgarter Zeitung. Die ist derzeit pro und contra Bahnhofsgewinnerin. Auch für die Stuttgarter Krimierweiterer ist S oder K 21 garantiert kein totes Gleis. Schon schade, dass Dein kluger Kopf in Frankfurt steckt. Da bist Du doch total abgehängt vom Zug der Zeit. Apropos Bahnhof, wie findest Du die Idee, dass ein unter der Schirmherrschaft des Papstes stehender Kondomautomat in die neue Schalterhalle kommen soll? Direkt unter den Apparat mit den Nummern. Für Nummern und Notlagen. Und männliche Prostituierte, die sonst unsafe im Reisezentrum rumlungern. Lassen Sie Ihr potentielles Gepäck nicht unbeaufsichtigt! Könnte vielleicht auch noch rein in Denglers sechsten Fall: Kondomautomatenaufbruch und die DNA-Analyse weist in höchste kirchliche Kreise. Tabu? Quatsch. Wir sind doch hier nicht in München!

Vertuscht wird auch andernorts manches. Unbedingt lesen musst Du den dicken Winslow-Wälzer (Don Winslow, Tage der Toten). Man taumelt über Leichenberge durch die Mittelamerikapolitik. Danach liest man die Wikileaks-Veröffentlichungen wie das Urlaubsprospekt für den Sommer. Was mich gleich zum nächsten Fall bringt: Bohnet/Pleitgen, Kein Durchkommen – ein Hamburger Meteorologenkrimi. Feucht. Mieses Wetter. Hamburg eben. Angesichts der hiesigen Schneekatastrophe allemal zukunftsfähig. Und es lenkt ein wenig vom Tsunami in Mannheim ab.

Du willst immer noch keine Krimis lesen? Zumal alle das tun? Tja, schade. Dann lies doch mal was, das keiner liest, unter http://baden-baden-baden-baden.blogspot.com/. Das unterirdische Comingout zweier Berlinflüchtiger in der badischen Kurhauptstadt. Adrian und Penelope bekennen: „Es sind noch keine regelmäßigen Leser vorhanden. Seien Sie der/ die Erste!“ Die meinen Dich, Felicitas. Schreib denen doch mal ’nen Kommentar zur Entfesselung der Provinz. Als Präventivmaßnahme. Sonst wird das junge Pärchen irgendwann noch Quotenkult. Oder ein Fall fürs deutsche Strafrecht.

Gern hätte ich Dich akustisch von der Tiefkultur überzeugt. Hast Du vergangenen Samstag zufällig Radio gehört? Ultima Radio: SWR4 Baden-Württemberg! Sie wischen – wir spülen? Nee. Der absolute Wahnsinn! Da lief Fritz Heidegger (genau, der kleine Bruder) mit „Zwanzig Millionen Dollar – verstoscht – in bar!“ Ein grandioses Spektakel mit den Geschwistern Hofmann aus Meßkirch als Prozessfestjungfern! Mundarthörspiel soll das sein. Aber ich sag Dir, das war ganz und gar kunstwillig! Ich hab mich gefragt, wer denn sprachverrückter war, der Martin oder der Fritz. Der Fritz hatte allemal mehr Humor. Alkoholisch unterlegt hab ich das Spektakel mit einem Badener Spätburgunder, subversiverweise einen vom Kaiserstuhl, also aus Martins Gefilden (und mal nicht Dr. Heger, aber natürlich auch fein): Weingut Arndt Köbelin in Eichstetten.

Also dann. Auf Dich und die Kunst! Prost! Ich meld mich wieder mit neuen Vorschlägen. Und jetzt sag nicht, der Zug sei abgefahren.

Dein Andus

(derzeit unterwegs auf der A8, und übrigens, Ihr Verkehrsfunkler: Es heißt Gruibingen, nicht Grubingen wie Bahnchef Grube. Auch wenn’s unweit der Schnelltrasse nach Ulm liegt: Gruibingen im Damler immer mit „I“!)