Geschrieben am 1. November 2021 von für Crimemag, CrimeMag November 2021

Klaus Kamberger: James Lee Burke

Die Abgründe dahinter

Wer New Orleans, nein, falsch. Wer den Süden der USA nicht nur kennenlernen, sondern erfahren möchte, diesen heißen, mal feuchten, mal trockenen, fast immer sonnigen, bunten, aus den wildesten Gegensätzen der Welt zusammengewürfelten Streifen unserer Erde, der sollte zur Einstimmung alle noch so gut gemeinten Reiseführer in der Schublade lassen und New Orleans, New Iberia, ganz Louisiana mit James Lee Burke entdecken – und erleben. Erleben!

Seit langem schon stimmt dieser Unermüdliche schon das Lied seiner französisch-spanisch-englisch-afroamerikanisch durchwirkten Heimat in vielen, vielen Romanen an. Und weil diese hat immer wieder auch von Mord und Totschlag handeln und weil ihre Hauptfigur der Polizeidetektiv Dave Robicheaux ist, werden Burkes zu Recht als „Krimis“ gelesen. Das kann man auch so tun, aber sie sind viel mehr. Burke lässt uns an der aufregenden Vielfalt des Südens teilnehmen, an der bizarren Wucht der Charaktere, die die Landschaft dort prägen Vor diesem Hintergrund, den er von Fall zu Fall dort neu entfaltet, werden die einzelnen „Fälle“ fast schon zu einer (wenn auch nicht immer leicht goutierbaren) Sache. 

23 Robicheaux-Romane gibt es. Bei Pendragon sind jetzt wieder 20 auf Deutsch zu haben. (Ein paar sind vor Jahren schon mal bei Ullstein, Goldmann und Heyne erschienen. Aber Pendragon gebührt das enorme Verdienst, die ganze Reihe bald im Programm zu haben; die meisten in eigener Übersetzung, die paar alten in zumeist überarbeiteter Fassung.) Der erste Robicheaux ist vor 34 Jahren erschienen und in den USA prompt eingeschlagen („Neonregen“). Das nicht zuletzt deswegen, weil Burke damit gleich in das Wespennest der Südstaaten zu stechen geruhte: den damals wie heute noch immer offenen Rassismus. Burke ist halt, so „hard-boilled“ er auch daherkommen mag und so realitätsnah er auch die angeblich eindeutig festen Unterschiede zwischen Gut und Böse wieder verschwimmen lassen mag, ein Moralist. Und Robicheaux ist es auch. Zwar einer mit einem temporären Alkoholproblem, aber ein Moralist. Kein Wunder, dass er so oft genug nichts Gutes an der Politik und ihren Akteuren lässt (George W. Bush zum Beispiel kriegt in „Sturm über New Orleans“ gewaltig sein Fett ab für seine unsägliche Rolle bei der Katrina-Katastrophe).

Aber auch wenn es bei Burke auf der einen Seite immer nur so wimmelt von kriminellen Geschäftemachern, korrupten Amtsträgern, Schlägern, Auftragskillern und sonstigem Gesindel, verliert er nie die aus dem Auge, den umso mehr seine Zuneigung gilt – den Opfern. Und zwar den Opfern dieser Gierigen, Psychopathen und ihrer Mitläufer, die zugleich aber oft auch Opfer ihrer eigenen Dummheit und Feigheit sind. Aber keine Sorge! Er wirft es ihnen nicht vor, sondern sagt nur, dass es sich eben so verhält… Umso lauter klingt sein Lob denen, die es dennoch hinkriegen.

„Es war die Tatsache, dass unsere wahren Helden meist diejenigen sind, die wir in unserem alltäglichen Leben nie als solch erkennen. Wenn sie neben uns an der Kasse im Supermarkt stehen, würden wir nicht einmal ansatzweise ahnen, wozu diese Leute fähig sind“, heißt es am Ende von Keine Ruhe in Montana. Stopp! Montana? Robicheaux auf Abwegen? Seine Welt ist doch der Süden. Was hat ihn denn nach dort oben in den Nordwesten verschlagen? Ganz einfach: Es hat mit Burkes Biografie zu tun. Hat doch unser Autor dort vor einigen Jahren seinen Alterssitz genommen, und so lädt er sein Alter Ego mal schnell zum Fliegenfischen in der Einsamkeit der Rockies ein. Aber keine Sorge. Burke hat auch diese Landschaft und ihre Menschen längst in sich aufgesogen und entwirft so ein farbiges Panorama von ihnen, das es in sich hat. Wie für Burke typisch, entsteht so fast ein Zuviel an Atmosphäre, in der sich die zynischen Pläne einer üblen Clique von schmutzigen Geschäftemachern am Ende nicht erfüllen. Zwar ist es am Ende eher nicht Robicheaux, der Ding da oben in Montana wieder zurechtrückt. Es ist das Zusammnspiel eigentlich divergierender Kräfte, dem das gelingt. 

Den Plot jetzt hier nachzuskizzieren, bringt nicht viel. Burkes Romane handeln zwar allesamt von konkreten Taten und Untaten und dem Kampf gegen sie, aber im Grunde geht es ihm um die Abgründe dahinter, um das, was mit normalen und abnormalen Menschen passiert, wenn sie aufeinanderstoßen.  Und daher rührt wohl auch seine Liebe zum überquellenden Detail – weil alles eben nicht so einfach ist… Burkes Romane leben, wie angedeutet, von Atmosphäre. Die eine oder andere kritische Stimme sagt auch ganz vorsichtig: von einem Zuviel daran. Mag sein, macht aber nichts. Burke fängt einen nämlich immer wieder ein mit einer Technik, die zwar nicht neu ist (Graham Greene ist ihr Meister), aber von Burke auf eine geradezu extensive Art genutzt wird: dem ständigen Perspektivwechsel. Bei Burke findet er quasi in einem rasenden Stakkato statt, und schon darum muss man einfach immer dran bleiben!

James Lee Burke: Keine Ruhe in Montana (Swan Peak, 2009). Aus dem Amerikanischen von Bernd Gockel. Pendragon Verlag, Bielefeld 2021.  576 Seiten, 24 Euro.   

James Lee Burke bei CrimeMag.

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