Geschrieben am 1. Juli 2022 von für Crimemag, CrimeMag Juli 2022

Kevin Barrys „Nachtfähre nach Tanger“

Ein Flammenwerfer von Erzähler

Günther Grosser über den neuen Roman des Iren Kevin Barry

Da sitzen sie, zwei alte Haudegen des Drogenschmuggels, am Hafen von Algeciras in Südspanien und warten auf die Fähre aus Tanger. Allerdings liegen die Drogenzeiten lange zurück, diesmal warten sie auf Dilly, die Tochter des einen, die sich davon gemacht hat, zu den Hippies, zu einem anderen, wilderen Leben, und jetzt räsonieren und schwadronieren die zwei Zausel aus Irland, aus Cork, in Kevin Barrys überschwänglich-melancholischem Roman „Nachtfähre nach Tanger“.

„Altes Wetter hat ihnen das Gesicht, die kantigen Kiefer, den wüsten Mund gekerbt.“ Man hört das Rasseln der Lungen beim Rauchen, das Klappern der Kaffeetässchen, das Rauschen der Bäume vor der Hafenbar, denn Kevin Barry ist ein Vollbluterzähler, ein wildwuchernder Flammenwerfer von Erzähler, der nichts auslässt, oben in den  Hirnen von Maurice und Charlie genauso wenig wie unten im Dreck: „Die stakkato quasselnden Schinkenfressermünder schimmern fettig im harten Licht des Terminals.“ So. 

Natürlich sitzen die beiden am Eingang zur Hölle, drüben wartet Hades, und natürlich sitzen da Clov und Hamm aus Becketts „Endspiel“, die lächerlichen Endzeitphilosophen  in neuer Verkleidung; ja, das Leben ist fast vorbei, und so sinnieren sich die beiden zurück in ihre gloriose Vergangenheit auf der grünen Insel, als sie den Haschischhandel in Cork in die Hand nahmen, das Zeug tonnenweise einschiffen ließen, Geld scheffelten, Häuser bauen ließen, Familien gründeten, selber an der Heroinnadel hingen, abstürzten, alles wieder verloren und auch schon mal in der Klapsmühle landeten, um dann in Südspanien fast unter die Räder – Weiber, Drogen, Dummheit – aber grade noch einmal davonzukommen. Und jetzt hocken sie da und lassen die Köpfe hängen, denn „Nachtfähre nach Tanger“ ist auch ein Roman über die bitteren, zehrenden Folgen des Verbrechens, der Gewalt und der Selbstzerstörung. „Von allen Seiten drückte schwer die Welt, dann wieder gab sie Raum.“ Und, zack, schwenkt Barry wieder zurück – Kommt sie da nicht vorbeigelaufen, Dilly? Doch? Oder?

Kevin Barry war 2011 mit „Dunkle Stadt Bohane“, einem wildwuchernden dystopischen Roman über eine taumelnde Welt im Jahr 2053 berühmt geworden. Hier in „Nachtfähre nach Tanger“ schnurrt alles auf einen Ort ganz am Rande zusammen, um dann in wilden Kataklysmen der Vergangenheit nachzutrauern. Barrys Schreiben hat gleichzeitig etwas Hektisches und etwas Trancehaftes, die Figuren, die Bilder, die Aktionen schweben her und wieder davon, hinterlassen Schwaden und Nebel, und schon kommen die nächsten.  „Nachtfähre nach Tanger“ ist ein sturzbetrunkener Roman, allerdings von jener luziden Suffvariante, wo die Dinge eine andere Klarheit bekommen und hinter der schnöden Fassade die späten, tonnenschweren Wahrheiten lauern.

Günther Grosser – seine Texte bei uns hier.

Kevin Barry: Nachtfähre nach Tanger (Night Boat to Tangier, 2019). Aus dem Englischen von Thomas Überhoff. Rowohlt Verlag Hamburg 2022. 206 Seiten, 22 Euro.