Geschrieben am 1. August 2021 von für Crimemag, CrimeMag August 2021

Johannes Groschupf über Nastassja Martins Begegnung mit dem Wilden

Ins Maul des Bären geraten

Die französische Anthropologin Nastassja Martin wird in Kamtschatka von einem Bären angefallen, er zerbeißt ihr Gesicht. Ihr Buch „An das Wilde glauben“ erzählt von einer Metamorphose.

Wilde Truthähne greifen in der Nähe von Boston regelmäßig Kinder und ältere Leute an. In Kalifornien führen die Hühner von Sonoma County eine Welle von Angriffen auf Kinder in der Nachbarschaft. Ein Berglöwe fällt einen Jogger an, ein Hai einen australischen Surfer. In Belarus und Schweden haben Biber erstmals Menschen angegriffen. In Tansania und Uganda rauben Schimpansen, die inmitten der Zerstörung ihres Lebensraums ums Überleben kämpfen, Menschenbabys – sechszehn Babys in den letzten sieben Jahren. In seinem Essay „Violence of the Lambs” von 2008 wies John Jeremiah Sullivan auf eine bemerkenswerte Häufung von Tierangriffen auf Menschen hin. Was zunächst ein Trend auf Spinnerseiten im Internet war, gelangte auch auf seriösen Nachrichtenseiten zu Prominenz, als der australische Dokumentarfilmer Steve Irvin („The Crocodile Hunter“) von einem Stachelrochen getötet wurde. „Wenn wir uns immer breiter machen und ständig noch größere Teile des Planeten roden, abbrennen, verschmutzen, besetzen und dazu bringen, zu heiß, zu trocken oder sonstwie ungeeignet für wild lebende Tiere zu werden“, fragt Sullivan, führe das nicht zwangsläufig dazu, dass Tiere ihr Verhalten ändern und sich ihrerseits zur Wehr setzen?

Was geschieht mit uns, wenn wir von Tieren angegriffen werden? Auf den Berliner Straßen greifen die Krähen, die sich mittlerweile bequem im Stadtraum eingerichtet haben, ihre menschlichen Konkurrenten im Revier ohne weitere Umstände an. Als ich mit dem Rad losfahre, fliegt eine Krähe mich an, landet auf meinem Kopf, pickt mit ihrem Schnabel auf meinen Schädel ein. Neben dem Schreck über den Überraschungsangriff empört mich die Chuzpe, dass eine Krähe mir den Raum streitig machen will, als wolle sie eine quasi gottgefügte Ordnung umstürzen. Doch seit jenem Tag sehe ich die Krähen der Nachbarschaft mit anderen, wissenden Augen. 

Lese tags darauf in der Zeitung von russischen Touristen, die im Ergaki-Nationalpark in Sibirien unterwegs waren und von einem Bären angegriffen wurden; ein Jugendlicher kommt zu Tode. Der Bär wird erschossen. Und lese wenig später das schmale Buch einer französischen Anthropologin, die uns die Innensicht eines solchen Begegnung schildert. 

Auf kaum 140 Seiten erzählt Nastassja Martin rasch, zupackend und nüchtern von einer Begegnung mit einem Bären auf Kamtschatka, die beinahe tödlich für sie ausgegangen wäre. Sie überlebt knapp, jedoch furchtbar zugerichtet: Der Bär hat ihr Gesicht zerbissen, ein Stück ihres Kiefers, zwei ihrer Zähne in seinem Maul davongetragen. Damit setzt die Erzählung ein. Sie liegt blutbeschmiert da, „es ist eine Geburt, da es ganz offensichtlich kein Tod ist.“ Sie schildert die unfassbare Intensität dieses Moments zwischen Leben und Tod: „In meinem Kopf müssen die Synapsen Sturm laufen, schneller denn je Informationen senden und empfangen, im lodernden, blitzartigen, verselbständigten und unregierbaren Tempo des Traums, dabei ist nie etwas irgendetwas realer oder gegenwärtiger gewesen. Alle Geräusche, die ich höre, sind verstärkt, ich höre wie das Raubtier, ich bin das Raubtier.“ 

Kamtschatka liegt ungefähr am Ende der Welt, diese Halbinsel nördlich von Japan und gegenüber von Alaska, eine letzte Wildnis. Vor dreihundert Jahren von den Russen kolonisiert, dann weitgehend vergessen, zu Sowjetzeiten als Zielort der Raketenteste missbraucht, als Trainingslager für Soldaten, eine letzte Zuflucht der wenigen überlebenden Ureinwohner, der Ewenen, Korjaken, Itelmenen. Als Anthropologin hat Nastassja Martin das Leben der Ewenen studiert, den Alltag mit ihnen geteilt, ihren Geschichten zugehört vom Dorf, vom Alkohol, von den Prügeleien, vom Wald, der früher ihr Lebensraum war und sich nun immer weiter von ihnen entfernt.

Nach dem Angriff des Bären wacht sie auf im Lazarett des Militärlagers: „In einem großen Saal mit abblätternder weißer Farbe an den Wänden, leere Betten stehen in einer Reihe mit meinem, es sieht aus wie eine dieser alten Erste-Hilfe-Stationen der Sowjetzeit.“ Der Chefarzt holt sich nachts die jungen Krankenschwestern, jede Nacht ist eine andere dran, das allnächtliche Grunzen und Stöhnen bringt die Patientin aus ihrer Zwischenwelt heraus. „Das war der Beginn einer Linderung meiner Leiden.“

Dennoch, ihr Gesicht ist zerstört. Ein befreundeter Ewene besucht sie, er sagt über den Bären: „Er wollte dich nicht töten, er wollte dich zeichnen. Du bist jetzt miedka, die zwischen den Welten lebt.“ Mit dem Wort miedka bezeichnen die Ewenen diejenigen, die eine Begegnung mit dem Bären überlebt haben und die in ihrer Vorstellung fortan halb Mensch, halb Bär sind. 

Nastassja Martin kehrt in den Westen zurück, nach Frankreich. Lässt sich den Kiefer reparieren, die russische Platte wird durch eine französische ausgetauscht, und diese infiziert sich, Knochen muss transplantiert werden, sie fügt sich in die Rolle der Patientin, streitet sich mit den Ärzten, die alles besser wissen, lässt sich mehrmals operieren. Innerlich arbeitet eine andere Welt in ihr. „Ich denke an den Bären. Wenn er am Leben ist, dann lebt er sein Bärenleben wenigstens ohne all diese symbolische und konkrete Gewalt, der ich ausgesetzt bin, Aber wer weiß? Vielleicht hat das Volk der Bären auch sein Ächtungsverfahren, seine Arten, Outsider ins Abseits zu drängen, diejenigen auszuschließen, die nicht mehr konform sind.“

Dann beginnt sie zu schreiben. „In dieser Nacht schreibe ich, dass man an die Raubtiere glauben muss, an ihr Schweigen, an ihre Zurückhaltung; man muss an das Wilde glauben.“

Sie sieht eine Therapeutin, um das Geschehene zu verarbeiten, und als gute französische Therapeutin kommt sie auf den Begriff des Spiegels, der Resonanz, der Korrespondenz – „da waren unsere verschlungenen Körper, da war dieses unbegreifliche Wir, ein Wir, von dem ich dunkel ahne, dass es von weither kommt, aus einer Vergangenheit, die weit hinter unsere begrenzten Existenzen zurückreicht“. Schließlich bricht sie wieder auf nach Kamtschatka. 

Nastassja Martin verzichtet in ihrem Buch, das eine Mischung aus Forschungsbericht, Selbstverständigung und Novelle ist, auf den schwer erträglichen salbungsvollen Tonfall, der oft von Überlebenden von Kriegen, Katastrophen, Überfällen, Entführungen, Unfällen angeschlagen wird. Im Gegenteil, sie will einfach verstehen, was da eigentlich geschehen ist, und sie hat den Mut, in Grenzbereiche des Denkens und Fühlens vorzudringen, um das Geschehene zu fassen. „Das Ereignis an diesem 25. August 2015 ist nicht: Irgendwo in den Bergen von Kamtschatka greift ein Bär eine französische Anthropologin an. Das Ereignis ist: Ein Bär und eine Frau begegnen sich, und die Grenzen zwischen den Welten implodieren. Nicht nur die physischen Grenzen zwischen einem Menschen und einem Tier, die bei ihrem Zusammenstoß Breschen in ihrem Körper und ihrem Kopf aufreißen. Es ist auch die Zeit des Mythos, die die Realität einholt; das Einst, das mit dem Jetzt zusammentrifft; der Traum, der sich verkörpert.“

Dieses schmale Buch hallt lange in einem nach, es führt uns an Grenzen, an Ränder unserer Existenz, in Übergangszonen und Zwischenwelten. Es ist der zugleich nüchterne wie poetische Forschungsbericht einer Frau, die drüben gewesen und zurückgekommen ist, die gezeichnet ist und verwandelt. „Wenn man aus seiner Asche wiedergeboren wird, ist alles erlaubt.“

Nastassja Martin: An das Wilde glauben (Croire aux fauves, 2019). Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer. Verlag Matthes und Seitz, Berlin 2021. Gebunden, 140 Seiten, 20 Euro.

Johannes Groschupf – ein Plädoyer für sein Buch „Berlin Heat“ von Gerhard Beckmann hier in dieser Ausgabe nebenan – hat selbst Kamtschatka bereist. Seine Reflektionen darüber hier.

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