Geschrieben am 1. Juli 2022 von für Crimemag, CrimeMag Juli 2022, News

Johannes Groschupf: New York 2022

Thomas Adcocks Nachbarschaft – Hell’s Kitchen © Fotos: Johannes Groschupf

Walking and Talking Crime in New York City

Nach zwei Jahren Corona und Travel Ban: längst fällige Besuche bei Krimiautoren und Streifzüge durch kriminelle Viertel in Manhattan und Brooklyn  – Von Johannes Groschupf.

Hell’s Kitchen

“Da drüben war das Hauptquartier der Westies”, sagt Thomas Adcock auf dem Balkon seiner Wohnung im 43. Stock in Midtown Manhattan. Das Viertel wurde früher Hell’s Kitchen genannt, heute sagen die Stadtentwickler lieber Clinton, um die anrüchige Vergangenheit der Gegend vergessen zu machen. Die Westies waren eine irische Gang des organisierten Verbrechens, ihre Blütezeit hatte sie von den frühen 60er- bis in die späten 80er-Jahre, ihre Spezialität war die rasche Beseitigung der anfallenden Leichen. „Dort drüben“, sagt Thomas Adcock und weist drei Straßen weiter auf ein Gebäude in gelben Backsteinen, „war die Wurstfabrik, in der die Westies ihre Leichen verschwinden ließen, das Fleisch wurde einfach zu Wurst und Aufschnitt verarbeitet, dann hatte die ganze Stadt etwas davon.“ 

Er zeigt auf das nächste Gebäude: „Da war mal eine Kneipe drin, in der sie sich gern trafen. Der Kredithai Rosie Rosenbaum hat eines Tages dort seinen Geburtstag gefeiert und alle seine Freunde aus dem Milieu eingeladen. Er hielt sich für überaus beliebt, weil er allen Kleingangstern der Gegend Geld lieh. Sie dankten ihm auf ihre Weise. Zum Geburtstag schenkten sie ihm eine riesige Torte, aus der dann nicht eine Striptease-Tänzerin hervorkam, sondern ein Typ mit einer Maschinenpistole, und das war das Ende von Rosie Rosenbaum.“

Tom Adcocks Krimis erkunden minutiös das kriminelle Milieu von Hell’s Kitchen. Angefangen hat er als Polizeireporter. Ein Jahr lang konnte er, eine Art Vorgänger von David Simon, der das in Baltimore machte, eine Mordkommission begleiten; sein erstes Buch berichtet davon: „Precinct 19“. Auf seinem Schreibtisch, mit Blick auf den Hudson River, stehen der Maltese Falcon und der Edgar Allen Poe Award 1992.

Unten auf der 42nd Street treffen wir Alan Gotthelf, der ein Blog (alanatlunch.blogspot.com) betreibt, in dem er wöchentlich über seine Besuche von chinesischen (in Ausnahmefällen auch vietnamesischen oder japanischen) Restaurants in New York schreibt; mittlerweile hat er mehr als dreihundert Restaurants getestet. Heute gehen wir zu „Dim Sum Sam“ 40th Street Ecke 8th Avenue, äußerlich ein schmaler Laden, dessen langer Flur wie in jedem guten Speakeasy zu einem Raum führt, in dem man ungestört sitzen und über die Mafia der letzten Jahrzehnte erzählen kann. Eine legendäre Figur ist bis heute der Mobster John Gotti, in den 1980er- und 90er-Jahren Oberhaupt der Gambino-Familie, genannt „Teflon Don“, weil über viele Jahre alle Verdächtigungen, Beschuldigungen, Ermittlungen und Anklagen an ihm abglitten. Zudem war er, auch „Dapper Don“ genannt, berühmt für seine Eitelkeit und seine eleganten Maßanzüge. Seine ständige Präsenz in den Medien – er schaffte es auf die Titelseiten von „Time“, „New York Magazine“, „People“; darin durchaus ein Vorläufer von Donald Trump – stieß den anderen Familien der Cosa Nostra sauer auf. Er scherte sich nicht darum, hielt sich für unbesiegbar, ließ sich allabendlich vor seinem Club fotografieren und sorgte so für einen gewissen Schutz vor Anschlägen. Schließlich wurde er von einem „Pentito“ schwer belastet und angeklagt; er kam ins Gefängnis, blieb aber Pate seiner Familie. Seine Bestattung 2002 wurde noch einmal zu einem New Yorker Medienereignis.

(Für Freunde des makabren Wortspiels: Die beiden erinnern zum Abschied noch einmal an die berüchtigte Schlagzeile der New York Post: HEADLESS BODY IN TOPLESS BAR.)

„Debasement of Brooklyn“

Ein hervorragender Kenner vor allem der Brooklyner Mafia-Verflechtungen ist Ira Gold, im Brotberuf Professor für englische Literatur. Sein Roman „Debasement of Brooklyn“ (pun intended) erzählt überaus sophisticated von einem jungen italienisch-jüdischen Mafioso, der kleine Aufträge für die Mafia erledigt, nebenher mit Marihuana dealt, am liebsten aber in Cafés sitzt und Bücher liest, genauer: die Penguin-Klassiker, die sein Vater sammelte, aber nie die Zeit fand zu lesen. Golds Stärke liegt in der präzisen Verortung der verschiedenen Einflussgebiete der russischen, chinesischen, irischen und italienischen Mafiosi. „Before the war can begin, however, the Chinese need to make a deal with the Russians, whose territory lies on the ocean side of Sheepshead Bay, in Brighton Beach. For years the Russians and Italians skirmished. The Italians, in part because the younger generation moved to Jersey and points west, had their territory shrink to the Gravesend area on the F train and the Sheepshead Bay stop on the Q and B lines. It doesn’t take long for Crazy Bo and U Li to contract the job of taking out the small Italian crew that controls such an insignificant principality to Vlad the Impaler.” 

En passant fasst der Golds Ich-Erzähler den Niedergang der New Yorker Mafia zur Jahrtausendwende prägnant in einem Absatz zusammen: „In the mideighties, federal prosecutions destroyed all the family bosses and the organization’s structure. So many people flipped that no one trusted anyone. The rackets fragmented and guys freelanced, with all the lack of security that implies. Emerging market competition, mostly by Russian and Chinese, wiped out half the made guys in the city. By the turn of the century, only idiots became wise guys. On top of that, there wereby this time so many legal ways of ripping off people, ways that the government protected you, bailed you out if things went kablooey.” (to go kablooey: spektakulär kaputtgehen; das Wort soll angeblich das Geräusch einer Explosion imitieren.)

Ira Gold lebt im Village in Manhattan und sitzt wie sein Protagonist vor allem in Cafés. „Ich bin allergisch gegen Arbeit“, sagt er, „deshalb muss ich außerhalb lesen und schreiben.“ Wir gehen mit Mikhail essen, einem Anwalt, der vor fünfzehn Jahren aus Bulgarien zum Studium nach New York gekommen und hier hängengeblieben ist. Seine Mutter war eine Zeitlang Parlamentspräsidentin in Sofia. Ihn hat Long Covid schwer erwischt, an manchen Tagen trinkt er siebzehn Espressos, um sich wacher zu fühlen. Gold erzählt von den Eingriffen des Lektors in sein Manuskript, vor allem in die Dialoge. Sie waren so realistisch wie möglich, jedoch verlangte der Lektor, das Wort „fuckin“ auf ein Mindestmaß zu beschränken. „Ich habe etwa 70 Prozent der gängigen Slang-Wörter rausgenommen.“ Es sind genug geblieben, um einen authentischen Brooklyner Sound zu generieren. 

You talkin to me?

Die Subway ist immer noch das beste Vehikel, um die Stadt und die Sprache ihrer Einwohner kennenzulernen. „Stand clear of the closing doors, please!“ Hundert Jahre alt, laut, stickig, die Stationen sind eng und niedrig, man drängt sich aneinander vorbei. „People pissin on the stage, you know they just don’t care, I can’t take the smell, can’t take the noise. Got no money to move out, I guess I got no choice”, rappten schon vor vierzig Jahren Grandmaster Flash and the Furious Five. In der U-Bahnstation Delancey Street/ Essex Street telefoniert eine junge schwarze Frau mit ihrer Mutter. Sie ist wütend, weil sie ihren Sohn nicht sehen kann. Alle Leute, die auf die U-Bahn nach Brooklyn warten, kriegen das Gespräch mit. „I’M GONNA BE YOUR WORST NIGHTMARE IF I DON’T GET MY SON. I’M GONNA HURT YOU, FUCKIN OLD PUSSY, I’M GONNA HURT YOU REAL BAD. YOU HEAR ME? I WILL DAMAGE YOU. YOU FUCKIN BUM ASS NIGGA. I WANT HIM NOW. PERIOD. YOU’RE A RAT. YOU PUT HIM IN A FUCKIN WASHING MASCHINE.”

„Love & Bullets“

Im Butler Cafe unweit der Williamsburg Bridge treffe ich Nick Kolakowski, einen smarten jungen Autor, der kürzlich auch auf Deutsch erschienen ist: „Love & Bullets“. Über die Mafia-Nostalgie der New Yorker kann er nur lächeln. „Es ist noch schlimmer“, sagt er. „Geh mal in den Mysterious Bookstore. Worauf die Leser wirklich stehen, sind Sherlock-Holmes-Romane. Der ganze Laden ist voll mit Sherlock Holmes. Eine Armee von Schreibern produziert neue Sherlock-Holmes-Romane.“ Ich erzähle von den Miss-Merkel-Romanen, die gerade in unseren Bestseller-Listen stehen, wir nippen ratlos an unserem Americano. Autoren unter sich: „Mit wie viel Verkäufen bist du zufrieden?“ – „So 10.000 bis 15.000.“ – „Ja, geht mir auch so.“ Die U-Bahn donnert nahebei über das stählerne Geflecht der Williamsburg Bridge. In den Straßen unterhalb der Brücke befindet sich das Viertel die Satmarer Juden, eine chassidische Gruppierung, die sich streng an die biblischen Vorgaben hält. Auch bei größer Hitze tragen die Jünglinge und Männer hohe Hüte mit Pelzbesatz und lange schwarze Mäntel. Sie leben in Armut, weil den Männern das Studium des Talmuds auferlegt ist und die Frauen sich um die weltlichen Dinge zu kümmern haben. Deborah Feldman hat ihre Kindheit und Jugend in dieser Sekte in „Unorthodox“ (2012) eindrücklich beschrieben.

„Es gibt keinen Krimiautor, der New York in seiner Totalität erfasst hat“, sagt Nick Kolakowski. „So wie James Ellroy das für Los Angeles geschafft hat; da ist die ganze Stadt enthalten. In New York gibt es zu viele eigene Milieus. Es ist nicht zu schaffen.“ James Ellroy, der breitbeinige Anwalt? Steile These, Nick. Doch was New York betrifft, da hat er recht. Gelungene Kriminalromane beschränken sich auf ein Viertel, ein Milieu; das ist Herausforderung genug. Wer etwas über Harlem erfahren möchte, lese Chester Himes (und höre sich den Podcast zu Himes von Sonja Hartl und Thomas Wörtche an). Für Hell’s Kitchen: Tom Adock. Die Upper West Side der 1970er-Jahre ist in William Goldmans „Marathon Man“ porträtiert. Das Einstiegskapitel mit dem tödlichen Streit zwischen einem jüdischen und einem deutschstämmigen Autofahrer ist mustergültig für einen gelungenen Auftakt. 

Eine andere These von Nick Kolakowski: Die Westküste habe mit Hammett und Chandler, Dorothy Hughes den literarisch anspruchsvollen Krimi hervorgebracht, während New York sich lange mit Hardboiled-Hausmannskost zufriedengab: etwa Richard Stark (d.i. Donald E. Westlake) mit seiner Parker-Reihe oder Ed McBain mit seinen Polizeiromanen um das 87. Revier. Actionbetonte, einfach geschriebene Krimis ohne große literarische Finessen. Wer in einer lärmenden, ratternden, stinkenden Subway sitzt und liest, hat vielleicht weniger Sinn für stilistische Feinheiten als Leser, die entspannt am Swimmingpool unter Palmen lesen. 

Hier befand sich einst „Murder Inc“ © Johannes Groschupf

Murder Inc.

An einem schläfrigen Dienstagnachmittag gebe ich doch der Mafia-Nostalgie nach und fahre hinaus nach Brownsville, wo einst die italienisch-irisch-jüdische Mafia um Louis „Lepke“ Buchalter und Albert Anastasia, „Lord High Executionner“, ihr Hauptquartier mitsamt telefonischem Auftragsdienst hatte: an der Kreuzung der Saratoga und Livonia Avenues. Berühmt geworden ist der Ort als „Murder Inc.“, zunächst die Bezeichnung eines Journalisten, dann von der Gruppe selbst übernommen. Äußerlich war es ein unscheinbarer Süßwarenladen „Midnight Rose“. An der Kasse saß die sechzigjährige Rosie Gold und verwaltete die eingehenden Anrufe. Ein Auftragsmord kostete Anfang der 1930er-Jahre zwischen 1000 und 5000 Dollar, man konnte aber auch Streikbrecher und Schläger mieten. Die Einsätze der Auftragskiller (Abe „Kid Twist“ Reles, Martin „Buggsy“ Goldstein, Allie „Tic Toc“ Tannenbaum etc.) reichten weit über New York City hinaus bis nach Detroit.

Jetzt ist der Laden eine 24/7-Bodega (wie hier die Spätis genannt werden), die Eingangstür zersplittert, drinnen kriegt man billige Burger und Getränke. Nebenan bietet „Stumpy’s Spot“ jamaikanisches Yard Style Cooking. Heftige Hip-Hop-Fetzen schallen durch die aufgeheizten Straßen, während die 3 Line über die mächtige Eisenkonstruktion der Hochbahn donnert. Ein Straßenprediger in einem goldglänzenden Fantasiekostüm predigt die Vorzüge der aktiven Vaterschaft. Die Geschichte der „Murder Inc.“ endete Anfang der 1940er-Jahre, als Kid Twist, von einem Polizeispitzel entdeckt und festgenommen, gegen seine Kollegen auszusagen begann. Die meisten von ihnen endeten auf dem elektrischen Stuhl in Sing-Sing. Kid Twist selbst starb bei einem Sturz aus dem siebten Stock des „Half Moon“ Hotels in Coney Island, in dem er für seine Aussagen untergebracht war und rund um die Uhr bewacht wurde.

(Bonus: „Murder Ink“, pun intended, war der erste New Yorker Krimibuchladen, oben auf der Upper West Side; in der 70er-Jahren eröffnet, musste aber bereits 2006 wegen der hohen Miete schließen.)

Spread love, it’s the Brooklyn way

Ah, der mörderisch feuchtheiße Sommer in New York. Nirgendwo ist es erträglicher als in Brooklyn, in den langen Straßen mit den niedrigen Brownstone Houses. Nach Feierabend sitzen die Leute auf den Stufen, hören Musik, grillen in den winzigen Vorgärten, telefonieren, quatschen mit Nachbarn, grüßen einander, hören Musik. Heiß ist es noch immer. Eine Katze schleppt sich über die Straße. Auf einem Brauchgrundstück liegt ein Mercedes 450 SEL ohne Reifen. Der Eiswagen kommt vorbei und wiederholt endlos die Melodie „Für Elise“. Zwei Radfahrer rasen vorüber. Mein Apartment liegt in Bedford-Stuyvesant („Bed-Stuy – do or die”, hieß es früher), an der Grenze zu Bushwick. Der Rapper Jay-Z, benannt nach der J line der Subway, schreibt über seine Kindheit: „I’m from New York, but I didn’t know that at nine. The street signs for Flushing, Marcy, Nostrand, and Myrtle avenues seemed like metal flags to me: Bed-Stuy was my country, Brooklyn my planet.”

Vornehmlich schwarze und hispanische Nachbarschaften, eine Mischung aus Armut und Solidarität, Suff und Drogen, Musik, kleinen Geschäften, Frisierläden („Hair is a woman’s glory!“), Imbissbuden namens „Jerk Center“ oder „Crown Fried Chicken“, Box Gyms. Gegenüber eine Armenküche, nebenan ein Krankenhaus für Alkoholkranke. Doch zunehmend wird die Gegend auch von Maklern entdeckt, die einzelne Häuser auf schick trimmen und teuer an junge weiße Mittelstandsfamilien verkaufen, die sich nichts mehr in Williamsburg leisten können. 

Im Ornithology Jazz Club © Johannes Groschupf

Hinter der Trasse des J-Trains beginnt Bushwick, in einer Seitenstraße (6 Suydam Street) liegt der „Ornithology Jazz Club“, in dem täglich von halb sieben abends an Jazz in allen Varianten gespielt wird. Das Motto des Ladens, der genau ein Jahr alt ist, stammt von Charlie „Bird“ Parker: „Music is your own experience, your own thoughts, your wisdom.“ Der Eigentümer Mitchell Borden, selbst Jazz-Musiker, sitzt in einer Ecke, sein Hund Winnie liebt das Schlagzeug. Der Schankraum ist verhängt mit Decken und Rollos, Holzstühle am Rand, zwei ausrangierte Kinositze, Barhocker am Tresen. Studenten, Künstler, Musiker aus der Nachbarschaft finden sich ein, trinken ein Bier oder zwei, einen Caiporoska oder einen Mescalita und hören dem Wechselspiel von Trompete und Saxofon zu, während drüben der J-Train über den Broadway hindonnert. Ein junger Schwarzer sagt: „I’m smiling because I’m happy.“

Johannes Groschupf
ist der Autor von „Berlin Prepper“ und „Berlin Heat“. Seine Texte bei uns hier.

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