Posted On 6. April 2013 By In Crimemag, Veranstaltungen With 1586 Views

Jan Karsten im Gespräch mit Tobias Gohlis und Thomas Wörtche

Berlin, Brecht-HausKrimis machen I

Am 12. und 13. April findet im Berliner Literaturforum im Brecht-Haus das Symposium „Krimis machen I“ statt. Die Initiatoren Tobias Gohlis und Thomas Wörtche diskutieren mit den Verlegern und Programmmachern Markus Naegele, Ulrike Rodi, Else Laudan, Frank Nowatzki, Hejo Emons, Peter Hammans, René Strien und Winfried Hörning, mit der Übersetzerin Conny Lösch, mit dem Marketing-Spezialisten Thomas Zorbach, mit der Literaturagentin Leonie Schöbel, mit dem Buchhändler Christian Koch, mit dem Branchen-Journalisten Michael Roesler-Graichen, mit den Kritikern Kolja Mensing, Ulrich Noller, Thekla Dannenberg und Thomas Klingenmaier, mit den Literaturwissenschaftlern Jochen Vogt und Nele Hoffmann und mit den Autoren Reinhard Jahn, D. B. Blettenberg, Oliver Bottini und Zoë Beck. Und mit einem bis auf den letzten Platz ausgebuchten Auditorium aus noch mehr (ca. 90 bis 100) Autoren, Verlegern, Agenten, Übersetzern etc. und vor allem: Lesern.

Am Freitagabend lesen Gerhard Seyfried, D. B. Blettenberg und Zoë Beck.

Jan Karsten hat sich mit Tobias Gohlis und Thomas Wörtche über Sinn, Zweck und Intention dieser prominenten Veranstaltung unterhalten.

JK: Das Symposium „Krimis machen I“ möchte eine Bestandsaufnahme der aktuellen Produktions- und Vermarktungsbedingungen  in Deutschland versuchen. Warum ist das überhaupt notwendig? Krimi boomt, es läuft doch eigentlich wie geschmiert …

TW: Ja, so sieht es aus … Was da aber boomt ist eventuell nicht unbedingt das, was man unter sinnvoller Kriminalliteratur versteht … Oder haben wir es mit einer Schein-Blüte zu tun? Deswegen haben wir uns ganz klassisch materialistisch gedacht, wir schauen uns die „Bedingungen“ an, unter denen Kriminalliteratur entsteht, bearbeitet und unter die Leute gebracht wird.  Und ob das für alle Texte das gleiche Procedere ist, nur weil „Krimi“ draufsteht …

TG: Mir stellt sich der Boom als Lawine dar, die mit Blockbustern und Mittelmaß das zu erdrücken droht, was sich „Kriminalliteratur“ auch in Deutschland mal an gutem Ruf erworben hat. Wenn das so ist – kann sein, ich bin da zu skeptisch – liegt das gewiss auch an den Veränderungen des Marktes und der Produktionsbedingungen für Literatur. Und über die wurden, was Krimi betrifft, seit langer Zeit nicht mehr offen und öffentlich gesprochen, jedenfalls nicht von allen, die das betrifft oder die daran beteiligt sind.

SAMSUNGJK: Warum ist es notwendig, gute Kriminalliteratur zu stärken – und wie kann ein ein solches Symposium dazu beitragen?

TW: Gutes zu stärken ist immer gut, wir tun gerne Gutes. Ein solches Symposium, das so viel Sach- und Fachkompetenz versammelt, wie vermutlich noch nie ein Treffen dieser Art, garantiert, dass zur Sache geredet werden muss; mit irgendwelchem gefühligem Geblubber oder mit PR-Schmu kommt man da nicht weiter, weil ja alle wissen, dass die anderen wissen  … Und dann wird man sehen, ob es über die Herstellung eines „Produktes“ und dessen optimierten Abverkauf hinaus auch eine gemeinsame „Idee“ Kriminalliteratur gibt, an der man interessiert sein sollte, wo man einsetzen kann, wo „Qualitätsförderung“ sinnvoll sein kann. Denn eines ist klar: Der Boom wird brechen, und wir möchten nicht riskieren, dass gute Texte untergurgeln mit dem ganzen Ballast, der den Sog auslösen wird … Wir denken tatsächlich, dass sich Qualität durchsetzt, with a little help …

TG: Gute Kriminalliteratur tut gut, weil sie in schlechten Verhältnissen wühlt, üble Strukturen durchleuchtet, dem guten Geschmack und den braven Mittelstandsdenkweisen Kontra gibt sowie bestenfalls eine dazu geeignete unverbrauchte Sprache spricht. Es gibt nicht viel, sagen wir: außer der Ernährung der Hungernden und der Schaffung des ewigen Friedens, das so gefördert werden sollte wie gute Kriminalliteratur. Die hat es schwerer als die Kunstliteratur, die als „Kulturgut“ massiv gehätschelt wird. Beim Krimi geht es allen ums Geld. Das sind Bedingungen, unter denen Feindschaften und Heimlichkeiten gedeihen: Kleine gegen Große, Regio gegen International usw. usf. Ich denke, dass das extrem schädlich ist, weil diese Verkrampfungen Spießertum und Ängstlichkeit fördern in einer Situation, in der wir uns fröhliche Unverschämtheit, materielle Leichtlebigkeit und große Würfe erhoffen. Daher dachte ich: Reden wir doch mal miteinander statt übereinander.

JK: Das Symposium läuft über zwei Tage. Wie sind die Schwerpunkte verteilt, was erwartet die Teilnehmer am Freitag und was am Samstag?

TW: Am Freitag geht es eher um die Verlagslandschaft, abends haben wir eine kleine Leistungsschau der Kriminalliteratur mit Lesungen; am Samstag geht es eher um die Autoren, die Vermarkter und die Sekundärbearbeiter und natürlich um die Leser …

JK: Bei Kriminalliteratur wird großer Umsatz mit Titeln gemacht, die sprachlich und intellektuell sehr unterkomplex daherkommen – Nele Neuhaus, Adler-Olsen, Klüpfel/Kobr – und die bei den meisten Kritikern nicht gut ankommen. Stipendien, Stadtschreiberposten, hochdotierte Preise, zu deren Vergabe eine kritische Auseinandersetzung notwendig wäre, gibt es nicht. Braucht die Kriminalliteratur überhaupt eine Qualitätsdiskussion und eine literaturkritische Begleitung – oder regelt das nicht alles eh und viel besser der Markt?

TW: Der Markt regelt erstmal gar nix, was mit Qualität zu tun hat, abstrakt gesehen. Der Markt würde aber auch Qualität eine Chance geben, würde sie denn oft genug erkannt … Deswegen braucht es durchaus eine Qualitätsdiskussion und kritische Begleitung … Natürlich wollen manche Endverbraucher davon nix wissen, aber da kann man nichts machen, intellektuelle Schussfestigkeit ist kein Alleinstellungs-Merkmal von Krimilesern …

TG: Entgegen dem in besseren Kreisen gepflegten Vorurteil sind Krimileser kritische und aufmerksame Leser. Die Suche nach den von den Agathas dieser Welt versteckten hints und clues nährt die Skepsis jedem Text gegenüber. Werde ich gerade getäuscht? Das ist eine tugendhafte Frage heutzutage. Die Lust am identifikatorischen Lesen (sympathische Hauptfigur, oh!) muss ja nicht bis zur Gehirnabschaltung gesteigert werden. Nach siebzehn Titeln einer Reihe fragen sich die meisten doch nicht mehr, ob xy doch noch yx kriegt, sondern sie wollen Neues lesen.  Krimifans wechseln doch lässig zwischen Reißer, Klasse und klasse Reißer. Und da sollten ihnen Hilfe und Orientierung gegeben werden. Sagen wir,  wie die Stiftung Warentest analysiert, ob das was draufsteht auch drin ist. Und die Lebensmittelindustrie sollte angeben, auch was ihre Produkte bestehen. Stattdessen heißt es bei Krimis: Eine Pizza für die Liebhaber von Pizza Margherita. Und drin ist schlimmstenfalls Kunstkäse. Ich bin für informierte Endverbraucher. Dass die LeserInnen das wollen, sieht man ja an der Blüte der socialreading-Plattformen.

JK: Angenommen, Ihr könntet Euch den „optimalen Krimi“ wünschen. Ein Buch, das Verlage gerne verlegen, Kritiker gerne auseinandernehmen und Leser gerne lesen. Wie würde dieses aussehen?

TW: Ich wüsste, wie´s nicht aussieht … Außerdem denkt man ja dauernd: Ha! So was ist Buch XY, das muss es doch sein … Und schwupp kommen wieder Stimmen aus dem Off: „Dieses Buch gefällt mir nicht“ oder es liegt wie Blei oder oder … Ach …

TG: Das gibt es doch: Altes und Neues Testament. Odyssee. Gilgamesch. Erstaunlicherweise machen alle – Autoren, Verlage, Kritiker, Agenten, Buchhändler, Leser – trotzdem weiter. Ein Zen-Rätsel.

JK: Euch ist es gelungen, eine Menge Branchenpower im Brecht-Haus zu versammeln. Auf welches Panel bzw. welche thematische Diskussion freut Ihr Euch am meisten?

Thomas WörtcheTW: Im Idealfall gibt es sowieso einen zweitägigen Debattiermarathon, bei dem die Panels nur eine Art Grobstrukturierung abgeben … Alles hängt ja in dem Business mit allem zusammen, und schließlich sind ja auch alle „Branchen“ des Betriebs vorhanden, die alle zusammen agieren müssen und es auch tun: Autoren, Verleger, Programmmacher, Agenten, Übersetzer, Vermarkter, Kritiker, Wissenschaftler, Multiplikatoren und Leser … Und jede Gruppe wird zu jedem Thema etwas zu sagen haben  … Und alle sind ja auch im Publikum mehrfach repräsentiert …

TG: Wir haben extra mobile Mikrofon-Power geordert, damit niemand wegen Heiserkeit vorzeitig nach Hause muss. Das Entscheidende ist, dass überhaupt eine Debatte stattfindet.

JK: Es ist Samstag, 13.4. 19:00 Uhr, die Veranstaltung ist vorbei. Was muss in den letzten beiden Tagen passiert sein, damit Ihr ein zufriedenes und positives Fazit ziehen könnt?

TW/TG: … alle müssen der Meinung sein, dass „Krimis machen II“ möglichst bald stattfindet …

Krimis machen I: Weitere Infos hier.  (Achtung: Die Veranstaltung ist total ausgebucht!)

Foto Brecht-Haus: wikimedia commons. Fotograf: Link, Hubert. Bundesarchiv. Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst – Zentralbild (Bild 183).


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