Posted On 15. Mai 2017 By In Crimemag, Interview With 491 Views

Interview: Ulrich Noller fragt Thomas Wörtche nach Candice Fox

Foto: Michele Corleone

Foto: Michele Corleone

Die Substanz, um sich durchzusetzen …

Dieses Interview erschien zuerst am 10. April auf dem WDR-Blog von Ulrich Noller.

Candice Fox´ Roman „Fall“, der heute erscheint, ist der letzte Teil ihrer Hades-Trilogie. Der Publizist und Literaturwissenschaftler Thomas Wörtche, geboren 1954, ist der Mann, dem wir es zu verdanken haben, dass diese außergewöhnliche Autorin aus Australien seit ein paar Jahren auch auf Deutsch zu lesen ist. Wörtche hat lange mit dem Schweizer Unionsverlag zusammen gearbeitet, mit seiner metro-Reihe machte er viele (oft unkonventionelle) AutorInnen aus aller Welt in Deutschland bekannt. Nach einem kurzen Zwischenspiel beim Diaphanes Verlag, heuerte er 2014 als Herausgeber für ausgewählte Kriminalliteratur bei Suhrkamp an. Das erste Buch, das er dort präsentierte, war „Hades“, der Auftakt der Triologie, es folgte „Eden“ – und jetzt eben „Fall“.

Heute erscheint „Fall“, der letzte Teil der „Hades“-Trilogie von Candice Fox. Zufrieden?

Absolut zufrieden. HADES und EDEN haben großartige Kritiken eingefahren und verkaufen sich richtig, richtig gut. Also der Idealfall von „von Kritik und Publikum gleichermaßen“ begeistert angenommen, wie man so schön sagt. Ich glaube nicht, dass das bei FALL anders sein wird. Ich habe gehört, dass Leute schon am letzten Freitag und Samstag in die Buchhandlungen gerannt sind …

Candice Fox war Deine erste Autorin als Krimi-Herausgeber bei Suhrkamp. Wie hast Du sie entdeckt – und warum ausgerechnet sie als Start?

Als ich meine Reihe gestartet habe, habe ich den Agenten, mit denen ich lange zusammenarbeite, ein bisschen erklärt, was ich haben möchte (und was nicht, klar) – habe viel telefoniert und geredet, reden ist immer gut, Australien hatte und habe ich eh auf dem Schirm, dann kam HADES des Weges – und ich wusste relativ sehr schnell: Das ist es. Genau das. Das war im Spätherbst 2014. Und ich hatte gleich noch die ideale Übersetzerin, Anke Caroline Burger. HADES spielt ja auf einer Müllkippe – Anke war mal Artist-in-Residence auf der Müllkippe von San Francisco – paßte. Und Candice Fox war natürlich programmatisch der ideale Aufmacher für ein neues Programm: Neue Stimme, neue Autorin, eigensinnig, nicht glatt, überraschend, originell und auch noch am Anfang der Karriere, aber mit deutlich sichtbarem Potential. Man hat schon am ersten Buch gesehen, dass sie vor Ideen nur so sprüht – und sie war schon erstaunlich souverän im Umgang mit dem Genre. Sie hat Geschichten zu erzählen, ein großes Thema – nämlich beschädigte Kindheit – das sich durch alle ihre Bücher zieht – und gleichzeitig ein spürbares Vergnügen daran, einen ironischen Umgang mit dem Genre zu pflegen, ohne deswegen „meta“ zu werden. Also geeignet, auch ein sehr großes Publikum anzusprechen. Soviele Eigenschaften, die ich haben wollte, also in einem einzigen Text…und die eben auch für meine Programmkonzeption stehen.

Eine – damals – unbekannte Autorin aus Australien, und dann direkt eine Trilogie. Das war eigentlich ganz schön gewagt, oder?

Gewagt, hmm? Klar, man weiß ja nie vorher wirkich, ob etwas funktioniert oder nicht. Im Grunde ist Programm-Machen auch immer ein bisschen Glaskugelschauen. Es kann ja alles stimmen: Text, Umschlag, Paratexte etc. – und das Ding kann floppen. Da hilft dann letzten Endes nur das Bauchgefühl – und bei Candice hatte ich deutlich ein sehr, sehr gutes. Und die beiden folgenden Bände sind dann eben nicht abgefallen. Man könnte schon sagen, no risk – no fun. Aber dass das ganze Projekt genau die nötige Substanz hat, um sich durchzusetzen, das war mir sehr klar. Et voilà …

Was bringt diese Autorin der Krimi-Welt?

Die Erkenntnis, dass man sehr produktiv mit dem Genre umgehen kann, wenn man es kennt und wenn man gleichzeitig selbst etwas zu erzählen hat. Candice Fox hat einen sehr frechen, schon chuzpe-haften Umgang mit dem Genre, sie zitiert, sie spielt an, sie widerspricht – in EDEN gibt es zum Beispiel eine kleine Episode, in der sie den ganzen Hannibal-Lecter-Hype mal schnell demontiert, Stichwort: Umgang mit Kannibalen – aber das alles dient eben ihren Geschichten, ihren Figuren und ist nicht irgendwie l´art pour l´art. Sie ist keine naive Autorn, die meint, sie könne und würde das Rad neu erfinden, und die meint, Erzählen wäre ein veraussetzungsloser Vorgang – und das nach über 150 Jahren Genre-Geschichte. Also macht sie sich alles zunutze, was kommmunikatives Potential hat und ist dabei, und das ist ihr Genie, sehr originell. Dazu komm iht perfektes Händchen für Action und Suspense – gerade das erste Kapitel von FALL ist ein großartiges Beispiel dafür. Und sie hat das Thema „Familie“ am Wickel, aber ganz anders als die üblichen „domestic violence“ Übungen. Und natürlich, sehr wichtig, einen Sinn für Komik (bitte nicht mit „lustisch“ verwechseln) und andere Brechungen.

Die Bücher von Candice Fox sind ja, sagen wir, nicht ganz unumstritten. Zu stilisiert, zu Comic-haft, so könnte man die Kritik auf den Punkt bringen. Vielleicht auch: zu abgedreht. Zumindest für den einen oder die andere. Ist da was dran – oder ist es möglicherweise einfach die Zeit noch nicht ganz reif für eine solche Autorin?

Naja, nicht ganz unumstritten, ich weiß nicht. Es gab am Anfang ein paar wenige knurrende Stimmen, die aber inzwischen umgekippt sind. Es gab, siehe oben, ziemlich viel Hymnen von ernstzunehmenden Kritikerinnen und Kritikern. Und es gab und gibt eben eine Menge Leute, die die Trilogie dringend lesen wollen. Irgendwelche Fundamentalverisse von Belang sind mir nicht begegnet, und dass unter den vielen, vielen Amazon Kritiken auch die üblichen unfreiwillig komischen Ausreisser dabei sind, ist völlig okay und statistisch plausibel. Ist ja immer gut, wenn Bücher diskutiert werden. Wer natürlich ganz genau weiß, was ein „Krimi“ ist und wie er funktioniert (also im Gegensatz zu mir), der mag Probleme mit Candice Fox haben und mit anderen Bücher, die den diversen Formeln eben nicht genau folgen. Die Forderung nach der Wiederkehr des Immergleichen scheint ja auch so langsam ein Auslaufmodell zu sein. Insofern denke ich gar nicht daran, da irgendwie zurückzuziehen.

51TJyq4ViML._SX313_BO1,204,203,200_Dabei arbeitet Candice Fox ganz deutlich mit klassischen Genre-Motiven. Was ist Deines Erachtens das Neue daran, wie sie die erzählt und montiert?

Siehe oben … und sie verschiebt natürlich das Millimeter-Papier immer ein bisschen. Dass sie Hybride aus verschiedenen Sub-Genres montiert ist, klar, Cop-Novel, Serial-Killer, Gangster-Roman – aber sie schafft neue organische Verbindungen, die dann anders sind … Die Figur Eden ist eben nicht Dexter, sondern zutiefst rätselhaft und diese Rätselhaftigkeit wird auch nicht aufgelöst. Selbst ihre Serial-Killer sind nicht nur Funktion, wie in den meisten einschlägigen Narrativen, sondern haben sehr gute Gründe dafür, was sie tun. Insofern belebt sie Stereotype im wahrsten Sinn des Wortes „beleben“.

Was wird von Ihr bei Dir denn demnächst noch kommen?

Es geht schon im nächsten Programm weiter – „Crimson Lake“, neuer Schauplatz, Nordaustralien, da wo übellaunige Krokodile lauern und ein Duo aus verurteilter Mörderin und des Kinderschändens verdächtiger Ex-Cop sich zu einer Privatdetektei zusammen tun. Neue Figuren also, neuer Tonfall, neue Schatteriungen. Und auch dazu wird es bald ein Sequel geben – und, wenn alles klappt, ein Spin off aus dem Eden Universum, aber mehr verrate ich nicht.

Offenlegung: Candice Fox wurde von Thomas Wörtche für die vom ihm herausgegebene Reihe bei Suhrkamp nach Deutschland gebracht, sein CrimeMag Co-Redakteur Alf Mayer hat die Autorin vor Erscheinen des ersten deutschen Eden-Romans in Sydney getroffen und interviewt (hier). Wie auch sonst beim Machen von CrimeMag hat die beiden dabei vor allem interessiert, was das Genre der Kriminalliteratur an seinen Grenzen zu leisten imstande ist – und dazu gehört eben mehr als nur Rezensionen.
Lesehinweis: Die Autorin Katja Bohnet und der Autor Max Annas haben „Hades“ für CrimeMag  als „Ein Buch – zwei Perspektiven“ besprochen.

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