Posted On 15. Oktober 2016 By In Crimemag, Interview With 1418 Views

Interview: Sonja Hartl fragt Carlo Bonini

cover suburra-cmykIm Gespräch – Carlo Bonini

Mit „Suburra“ und „Die Nacht von Rom“ haben Giancarlo De Cataldo und Carlo Bonini zwei hervorragende Kriminalromane über die Verstrickungen von Politik, Verbrechen und Gesellschaft in Rom geschrieben.  Sonja Hartl hat sich anlässlich des Kinostarts des Suburra-Films mit Carlo Bonini unterhalten.

Beide Romane scheinen sehr nah an der italienischen Realität zu sein? Wie nah sind sie wirklich?

Ich glaube, sie sind letztlich sehr nah. Normalerweise schreibe ich Sachbücher, aber auch wenn ich fiktionale Bücher schreibe, spielt die Realität eine wichtige Rolle. Ich kenne kein gutes fiktionales Werk, das nicht auch der Realität etwas schuldet. Realität ist das wichtigste Gepäck jeden Schriftstellers. Jeder Autor muss – auf seine Weise – die Realität würdigen, seine eigenen Erfahrungen, seine Sichtweisen auf die Welt, seine Erlebnisse. Wie er die Gemeinschaft erlebt, die Stadt. Gabriel García Márquez hat gesagt, dass die Realität, die er als Journalist erlebt hat, eine wichtige Rolle in seiner Arbeit als Schriftsteller spielt. In dem Fall unserer Bücher war die Fiktion zu der Zeit die einzige Möglichkeit, über die Dinge zu schreiben, die in Rom vorgegangen sind, die sie beim Namen nennen. Fiktion war ein sehr nützliches Mittel, etwas zu sagen, anstatt zu schweigen.

Aber es ist ja nicht nur so, dass Ihre Bücher viel über die Zeit erzählen, in der sie entstanden sind. Ich habe erst diesen Sommer „Die Nacht von Rom“ gelesen – und zwar zu einer Zeit, als die Müllgewerkschaft tatsächlich gestreikt hat und die neue Bürgermeisterin unter Druck gesetzt hat. Das ist genau das Szenario, das Sie beschrieben haben. Was hat es mit der Müllabfuhr in Rom auf sich?

Wenn man in Rom regieren will, gibt es zwei Schlüsselbereiche: die Müllabfuhr und den öffentlichen Nahverkehr. Beide Dienste, die öffentliche Dienste sind, werden von gelben Gewerkschaften kontrolliert, die nur manchmal die Interessen der Arbeiter vertreten, sondern häufiger andere Interessen.  Wenn man nun kein Ausgleich mit ihnen findet oder sich weigert, eine Abmachung mit den „verborgenen“ Teilen der Gewerkschaften zu machen, hat man es vermasselt. Deshalb war es vor zwei Jahren nicht so schwierig, sich auszudenken, dass man, wenn man einen Bürgermeister oder die städtische Regierung unter Druck setzen will, lediglich die Müllabfuhr und den Nahverkehr streiken lassen muss.  Man muss nur diese verborgenen Teile durchdringen. Deshalb war das Buch prophetisch – ich wusste einfach, wie es gehen könnte.

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Es gibt nur mehr Zufälle. Alicia Savelli erinnert mich sehr an Viriginia Raggi. Ist es ein Zufall?

Wir hatten zwei, drei reale Figuren im Hinterkopf. Virginia Raggia war eine von ihnen.

Sie schreiben zusammen mit Giancarlo De Cataldo. Wie begann die Zusammenarbeit?

Wir sind seit 12 oder 15 Jahren befreundet, also kannten wir uns, bevor wir angefangen haben, zusammen zu schreiben. Wir sind beim selben Verlag, dort haben wir uns eines Tages getroffen, ich hatte gerade ein Buch fertig, dann fragte er mich, was ich als nächste vorhabe. Also sagte ich, ich würde etwas zu Rom machen wollen, ich würde gerne ein paar Einblicke in die dunkle Seite von Rom geben, zwölf Jahre nach „Romanzo Criminale“. Dann erwiderte er, er denke über das gleiche nach. Also sagte ich, okay, lass uns anfangen, dann machen wir es zusammen.

Und schreiben sie wirklich zusammen?

Wir überlegen uns zusammen erst die Makro-Struktur des Buchs, dann die Mikro-Struktur, anschließend recherchiert jeder für sich, danach teilen wir die Arbeit: Jeder schreibt ein Kapitel, dann tauschen wir die Kapitel wieder aus. Jeder von uns kann das Kapitel des anderen bearbeiten, am Ende – glaube ich – klingt das Buch dann nicht danach, dass es von zwei Autoren ist. Es gibt einen Stil, einen Rhythmus. Und wir sind Freunde, wir kommen gut miteinander aus, sind nicht eifersüchtig auf die Adjektive des anderen. Wenn man damit klarkommt, dann ist es wie in einer Jazz-Session; schätze ich, denn ich bin kein Musiker. Aber man fängt an zu spielen und im Verlauf findet man die richtige Melodie.

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Wie sehr hilft es beim Schreiben dieser Bücher, dass Sie Journalist sind?

Es ist entscheidend. Ich hätte diese Bücher nicht geschrieben, wenn ich kein Journalist wäre. Meine Arbeit gibt mir die Möglichkeit, einen originären Blick auf die Stadt zu haben, die Mittel zum Schreiben und sie hält mich immer nah zu der Stadt. Wenn man über Rom schreiben will, muss man über diese Dinge Bescheid wissen. Hinzu kommt, dass Giancarlo Richter ist und damit eien andere Sichtweise mit einbringt, damit haben wir zwei Blickwinkel.

Die Bücher – und auch die Verfilmung – zeichnen ein sehr dunkles Bild von der römischen Gesellschaft. Es scheint, dass die Beziehungen zwischen den kriminellen und politischen Klassen nicht nur sehr lange zurückreichen, sondern sich über die Jahre auch kaum verändert haben.

Das ist eines der Hauptcharakteristika von Rom seit der Gründung. Wenn wir von der ewigen Stadt reden, kommt die Ewigkeit von Rom von dieser Mischung aus dem Hohen und Niedrigen, dem Dunklen und dem Hellen. Rom ist in der Mitte. Die versteckte Seele von Rom ist die suburra, sie ist die „middle world“. Sie wissen wahrscheinlich, dass in der Realität eine der zentralen Figuren der Mafia Capitale, Massimo Carminati, von der „middle world“ gesprochen hat, mit einem Hauch von Tolkien. Diese Grauzone ist das Geheimnis der Ewigkeit von Rom, deshalb hat Rom immer überlebt, jede Plage, jede Art von Zerstörung. Wahrscheinlich wird Rom auch weiterhin überleben. Aber es gibt eine dunkle Seite dabei, der Rom nicht entfliehen kann, die Rom nicht abschütteln kann.

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Gibt es gar keine Hoffnung?  

Nun, ich glaube, nein. Ich bin sicher, dass sich Rom erholen wird. Gerade ist es schwierige Zeit in der Politik, aber wie immer wird Rom sich erholen. Es wird vielleicht zehn oder fünfzehn Jahre dauern. Aber ich bin skeptisch, dass Rom so selbstbewusst sein wird, diesen Knoten zwischen dem Hellen und Dunklen, zwischen den legalen und illegalen Bereichen zu zerschlagen. Wenn wir sagen, dass Rom die Stadt der Korruption ist, ist das wahr. Aber es ist eine sehr eigene Art der Korruption, eine Mikro-Korruption, die mit diesen Grauzonen zusammenhängt. Daher kommt auch der Titel des ersten Buchs, „Suburra“, das war die Region der Prostitution, der Verbrechen, in der die Reichen und Armen aufeinandergetroffen und miteinander gehandelt haben.

Sie haben an dem Drehbuch zur Verfilmung mitgeschrieben. Warum haben Sie dort auf den Ermittlungsstrang komplett verzichtet?

Weil wir und der Regisseur Stefano Sollima dachten, dass eine weitere starke Figur vermutlich die anderen Charaktere schwächen würden. Wenn wir zu viele starke Figuren zusammenpacken, würde es sich auf alle auswirken. Ich bin immer noch traurig darüber.

Aber Sie haben diesen Part auch in „Schwarze Nacht von Rom“ fallen lassen.

Wir haben entschieden, dass wir als Ermittler nicht-offizielle Figuren nehmen: den Priester und den Politiker Adriano, sie haben diesen Part übernommen. Und wir wollten damit auch die Struktur wenigstens ein wenig ändern.

In einem Artikel über den Film wird Stefano Sollima mit den Worten zitiert, dass sein Film vor fünf oder zehn Jahren nicht möglich gewesen wäre. Wie ist es mit den Büchern, hätten sie fünf oder zehn Jahre früher geschrieben werden?  

Wahrscheinlich nicht. Wir haben diese Bücher geschrieben, als wir sicher waren, was wir schreiben werden. Und es war früh, wenn man bedenkt, dass die Stadt alles zwei Jahre später entdeckt hat. Das Buch wurde im September 2013 veröffentlicht, die Razzien gegen die Mafia Capitale waren im Dezember 2014 und wir hatten mit der Arbeit an dem Buch 2012 begonnen. Daran können Sie sehen, dass wir der Zeit voraus waren. Ich glaube, es war der richtige Zeitpunkt für alles.

Die letzte Frage ist eine, die ich fast immer stelle: Viele halten den Kriminalroman für die beste Art und Weise, eine Gesellschaft zu beschreiben. Stimmen Sie dem zu?

Ja, auf jeden Fall. Das trifft sowohl auf Kriminalromane als auch auf Sachbücher über Verbrechen zu. Ich glaube, dass Kriminalität auf die dunklen Seiten des Lebens verweist und sie sind ein bezwingender Weg über die Zeit, über die Gemeinschaft, die Gesellschaft zu schreiben. Kriminalität liefert einen Vorwand. Schon immer ist jeder von uns gezwungen, auf großartige und schreckliche Dinge zu schauen. Jeder von uns hat diese dunkle Seite. Wir behalten sie meist unter Kontrolle, weil wir gebildet sind, aber wir haben sie. Deshalb werden wir von diesen Geschichten auch so angezogen, sie sind kathartisch. Und auf der anderen Seite ist es ein guter Weg, komplexe Sachverhalte zu vermitteln. Das war das Ziel von „Suburra“, von „Die Nacht von Rom“: ich erzähle eine Kriminalgeschichte, aber genauso erkläre ich auch die Müllabfuhr. Ein einzelnes Buch dazu wäre langweilig. Aber nicht viele schreiben Kriminalgeschichten über die Müllabfuhr. Und ich vermittle damit sogar noch ein wenig Information.

Vielen Dank für das Gespräch!

Sonja Hartl

Giancarlo de Cataldo, Carlo Bonini: Suburra. Schwarzes Herz von Rom. Übersetzt von Fleischanderl. Folio Verlag 2015. 420 Seiten.

dies.: Die Nacht von Rom. Übersetzt von Karin Fleischanderl. Folio Verlag 2016. 320 Seiten.

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