Geschrieben am 18. April 2015 von für Crimemag, Kolumnen und Themen

Hinter der Linie, vor dem Spieltag (29)

Mara Braun_neuHinter der Linie, vor dem 29. Spieltag

– Eine Fußballkolumne von Mara Braun.

Ihnen ist das aufgefallen, oder? Dass ich an dieser Stelle vergangene Woche Jürgen Klopps emotionale Abschiedsrede bei seinem Weggang aus Mainz zitiert habe? Und Sie wissen auch, was das heißt, richtig? Aber verraten Sie mich nicht weiter, sonst stehen morgen sämtliche Mitarbeiter der BILD vor der Tür, und versuchen, mir meine Kristallkugel abzuluchsen. Die brauche ich aber noch, um die Leser meiner Kolumne bis zum Saisonende weiter mit völlig fehlgeleiteten Ergebnisprognosen zu verwirren, um davon abzulenken, dass ich tatsächlich in die Zukunft schauen kann. Aber das war Ihnen ja sowieso längst klar! Deswegen kenne ich in dieser Woche nicht nur schon vor dem Anpfiff die Ergebnisse der Bundesliga, sondern auch bereits am Mittwoch den Inhalt der Kolumne: Die erscheint nämlich nach dem Trainerbeben (#trendingtopic) ausnahmsweise schon mitten in der Woche.

Und beginnt mit einer offensichtlichen Frage, die irgendwo innerhalb der Berichterstattung zu diesem Thema sicher aufgetaucht ist, sein muss: Nur dass ich die gut verborgene Stelle bisher leider nicht ausmachen konnte: Was genau hat Jürgen Klopp jetzt anders gemacht als Thomas Tuchel zum Ende der Vorsaison? Ich frage das mit der dringenden Bitte um ernst gemeinte Aufklärung und vor dem Hintergrund, dass man Kloppo gerade dafür huldigt, er habe seinem Verein einen letzten Liebesdienst erwiesen und zur rechten Zeit die richtige Entscheidung getroffen, während Thomas Tuchel im Mai von Teilen der Presse und vermeintlichen Fans bei einem sehr ähnlichen Vorgang als Verräter beschimpft wurde und bis heute schief angeschaut wird, sogar von seinem Ex-Präsidenten. Diese Diskrepanz würde ich gerne verstehen.

Denn von außen betrachtet ist doch zweimal das Gleiche passiert, oder nicht? Zumindest, was die Handlung der beiden Trainer angeht: Thomas Tuchel wollte bei Mainz 05 gerne vorzeitig aus seinem Vertrag, konnte sich darüber aber leider mit dem Verein nicht einigen, deswegen haben die Dinge sich auf den bekannten Wegen entwickelt. Eines seiner Hauptargumente war und bleibt, bei ihm habe sich das Gefühl verstärkt, mit der Mannschaft und dem Verein alles erreicht zu haben, was ihm persönlich möglich ist. Der Verein hat, was als Arbeitgeber sicher auch sein Recht ist, Tuchels Bitte nicht entsprochen, und nichts läge mir ferner als a. über die Beweggründe zu spekulieren oder b. das Verhalten einer der beiden Parteien zu bewerten.

Aber.

Jürgen Klopp hat den BVB darum gebeten, seinen Vertrag vorzeitig aufzulösen. Sein Verein hat diesem Wunsch entsprochen, die Beteiligten konnten sich augenscheinlich auf ein bis zum Schluss gemeinsames Vorgehen einigen und besprechen das Thema sehr offen. (Obgleich der Zeitpunkt heute offenbar kein ganz freiwilliger war, sondern die Reaktion auf Berichte in – fast hätte ich geschrieben, den Medien, aber es war die BILD.) Das hat den wunderschönen Effekt einer harmonischen Außendarstellung, die sicher im Inneren auch so begründet ist, also durch das Verhältnis der Protagonisten zueinander. Im Ergebnis komme ich aber, egal von welcher Seite ich die Sache betrachte, zu dem Schluss: same difference.

Es geht um zwei Trainer, die gemerkt haben, in ihrer aktuellen Konstellation haben sie alles erreicht. Und die daraus ehrlicherweise ihre Konsequenzen ziehen. Woher kommen dann aber der Tuchel-Hass und die Klopp-Liebe? Ist das einfach nur eine Typsache – nehmen die Fans also Klopp seine Worte als Wahrheit ab, während sie Tuchel Egoismus unterstellen? Und wie hätte die Geschichte in Mainz sich wohl dargestellt, wie wäre der Tuchel-Abgang von Presse und Fans bewertet worden, hätte es auch hier kurz vor Ende der Saison eine gemeinsame, harmonische Pressekonferenz gegeben? Das würde mich wirklich interessieren.

Keinesfalls unbeachtet bleiben soll an dieser Stelle eine weitere Trainerneuigkeit in der Liga: Der HSV verpflichtet überraschend Bruno Labbadia. Und ich sage: herzlichen Glückwunsch – aus Gründen! Als im Norden kürzlich Spielerlegende David Jarolim verabschiedet wurde, durften etliche der Gäste ihre Meinung zur aktuellen (Dauer-)Situation des Vereines in die hingehaltenen Mikrofone husten. Zu hören war, wie immer in solchen Momenten, viel Blabla über die Qualität der Mannschaft, die guten alten Zeiten und dass am Ende gewiss noch alles gut würde. Klar, die Realität schafft es bei derlei Veranstaltungen üblicherweise nicht an der Einlasskontrolle vorbei. Deswegen ist mir vom allgemeinen Geblubber inhaltlich auch kaum etwas in Erinnerung geblieben, außer – genau: Bruno Labbadia.

Der meinte sinngemäß, die Spieler müssten sich einfach mal so richtig den Arsch aufreißen, denn ohne harte Arbeit und Kampf erzielst du im Fußball keine Ergebnisse – und die Klasse hältst du mit Sonntagsreden auch nicht. Dabei sah er ziemlich stinkig aus, als wolle er den Menschen hinter der Kamera schütteln mit den Worten: Warum kriegt ihr hier in Hamburg eigentlich die einfachsten Dinge nicht gebacken, ey? Ich hoffe, Labbadia treibt seine Spieler den Rest der Saison mit genau diesem wütenden Unmut zur Leistung an, und schüttelt ihnen vorher noch diese seltsam verkrustete Mischung aus Angst und Arbeitsverweigerung aus den Knochen. Der HSV hat lange genug nach Trainern gesucht, die irgendwohinauchimmer voran gehen sollten. Nun ist die Zeit reif für einen, der so hinter den Spielern her ist, dass sie nicht aufhören zu rennen, damit er sie nur ja nicht einholen und sich zur Brust nehmen kann…

Die Ergebnisse im Überblick
Frankfurt – Gladbach 1:3
Dortmund – Paderborn 5:2
Leverkusen – Hannover 1:1
Hoffenheim – Bayern 2:4
Hertha – Köln 2:2
Freiburg – Mainz 1:2
Augsburg – VfB 0:0
Bremen – HSV 1:2
Wolfsburg – Schalke 4:3

Mara Braun

Mara Braun, geboren 1978 in Heidelberg, aufgewachsen im hessischen Odenwald mit einem Abstecher nach Mississippi, seit 1998 in Mainz am Rhein. Studium der Filmwissenschaft & Publizistik. Journalistin, Autorin, Fußballbegeisterte, Bücherwurm, Überzeugungstäterin. Im September 2013 erschien „111 Gründe, Mainz 05 zu lieben“ und am 15. Januar 2015 „111 Gründe, an die große Liebe zu glauben“ (beide Schwarzkopf & Schwarzkopf). Mara Braun bei Facebook, bei Twitter, im Blog.

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