Geschrieben am 22. November 2014 von für Crimemag, Kolumnen und Themen

Hinter der Linie, vor dem Spieltag (12)

Mara Braun_neuHinter der Linie, vor dem 12. Spieltag

– Eine Fußballkolumne von Mara Braun.

Am letzten Dienstag ist etwas ganz Wunderbares passiert: Toni Kroos hat im Dauerregen von Vigo in allerletzter Sekunde unsere künftigen Erinnerungen an das Länderspieljahr 2014 mit Macht herumgerissen – und es mit seinem Tor zu einem versöhnlichen Abschluss gebracht. Endlich dürfen wir also die schmachvolle Niederlage gegen Polen in der EM-Qualifikation vergessen, das peinliche Unentschieden gegen Irland und natürlich die grausige „Schande von Nürnberg“, das 4:0 gegen Gibraltar: Kroos’ Siegtor im Freundschaftsspiel gegen die Spanier befriedet uns kurz vor Jahresende zumindest halbwegs. Und das war auch bitter nötig, denn diese Mannschaft soll sich bloß nicht einbilden, einen Sympathievorschuss zu genießen, bloß weil sie im Sommer so ein bisschen Weltmeister geworden ist. Wo kämen wir da hin!

Bitte langweilen Sie sich jetzt

Den Rest des Jahres also kann sich der fahnenschwenkende Schlandfan samt seiner Störung im Kurzzeitgedächtnis wieder der heimischen Gartenzwergsammlung widmen, während der Fußballfan an sich seine Aufmerksamkeit auf die noch anstehenden Partien der Bundesliga lenkt. Und da geht es am Wochenende direkt zur Sache, mit hochemotionalen Begegnungen, wohin das Auge blickt. Zum Beispiel, äh, Bayern München gegen Hoffenheim. Ja mei. Da weiß man gar nicht, wem man weniger die Daumen drücken mag – dem alten Geldadel aus München oder den neureichen Kraichgauern. Auch beim Aufeinandertreffen von Schalke 04 und Wolfsburg lässt sich nur schwerlich vorhersagen, wer wohl den Sympathiewettbewerb für sich entscheiden wird. Und wem drückt man beim Kampf um Platz vier bloß die Daumen, der schnuckeligen Werkself aus Leverkusen oder den goldigen Hannoveranern?

So viel darf an dieser Stelle verraten werden, die Partien enden allesamt mit Heimsiegen. Das ändert aber nichts an einem Dilemma, in dem die Liga in dieser Saison seltsam klemmt: Ihr fehlen die besonderen Momente. Geschenkt, dass jeder Fan die bei seinem eigenen Verein sehr wohl erlebt und empfindet, weshalb ich die Begegnung Mainz – Freiburg mit freudiger Begeisterung erwarte, während sie für den neutralen Beobachter wohl kaum mehr Faszination bietet als die der Stuttgarter gegen Augsburg, die mir wiederum lediglich ein müdes Gähnen entlockt. Und ganz ehrlich, wem mag man als Außenstehender beim Spiel der Kölner gegen die Hertha die Daumen drücken? Oder bei Paderborn gegen Dortmund? Das alles hat eine seltsam öde Anmutung, der das begeisternde Kribbeln vollkommen abgeht.

Ein Königreich für einen Skandal

Natürlich haben all diese Vereine ihre Geschichte und Geschichten, selbstverständlich liegen emotionale Höhenflüge und herzzerbrechende Tiefschläge nie lange zurück, und doch – mir kam die Liga lange nicht mehr so langweilig vor wie zur Zeit. Dabei liegt es mir fern, das Lamento über fehlende echte Kerle im Fußball oder über Nivea-Werbeträger anzustimmen, aber so eine Ligapartie, die das ganze Land elektrisiert, bei der jeder Fußballfan automatisch eine Seite bezieht, wäre schon mal wieder toll. Oder so lange das nicht passiert wenigstens ein klitzekleines Skandälchen, irgendwas, das den öden Ligaeinheitsbrei würzt. Ich meine, wann ist Christian Streich eigentlich das letzte Mal an der Seitenlinie ausgeflippt, wo rast Bremens Elia mit seinem Sportwagen rum, wenn man ihn braucht, und wer hat den guten, alten Kloppo in der Krise so mit Kreide gefüttert, dass er nicht mal mehr Boris Büchler anraunzt?

Ein bisschen Hoffnung macht dem geneigten Fan da immerhin der HSV, der sich beim letzten Heimspiel gegen Leverkusen herrlich bissig zeigte, weshalb auch im anstehenden Nordderby mit ein paar echten Emotionen gerechnet werden darf. Das hätte die Liga sich verdient.

Die Ergebnisse im Überblick:
Bayern – Hoffenheim 3:1
Schalke – Wolfsburg 4:2
Gladbach – Frankfurt 3:2
Mainz – Freiburg 2:1
Hannover – Leverkusen 3:1
Paderborn – Dortmund 1:2
Köln – Hertha 2:2
HSV – Bremen 3:2
Stuttgart – Augsburg 1:2

Mara Braun

Mara Braun, geboren 1978 in Heidelberg, aufgewachsen im hessischen Odenwald mit einem Abstecher nach Mississippi, seit 1998 in Mainz am Rhein. Studium der Filmwissenschaft & Publizistik. Journalistin, Autorin, Fußballbegeisterte, Bücherwurm, Überzeugungstäterin. Im September 2013 erschien „111 Gründe, Mainz 05 zu lieben“ (Schwarzkopf & Schwarzkopf). Mara Braun bei Facebook, bei Twitter, im Blog.

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