Geschrieben am 1. November 2022 von für Crimemag, CrimeMag November 2022

Hechelhammer zu Gerhard Conrads BND-Memoiren

Nichtwissen kann tödlich sein

Keine Lizenz zum Töten. Ein Titel, der ohne Umschweife darauf verweist, dass es sich bei dem vorliegenden Buch keineswegs um einen James-Bond-Roman handelt. Es ist auch keines der üblichen Sachbücher zu einem Geheimdienstthema aus der Feder eines selbsternannten Experten, der jedoch meist niemals für einen Nachrichtendienst gearbeitet hat. Vielmehr werden persönliche Lebenserinnerungen eines echten Geheimagenten des Bundesnachrichtendienstes (BND) und Geheimdiplomaten über 30 Jahre packend reflektiert, die Arbeit eines Geheimdienstes dabei sachlich eingeordnet und dadurch gleichzeitig mit Vorurteilen und Mythen aufgeräumt. Gerhard Conrad heißt der Autor, der jahrelange in der Szene aufgrund seiner Geheimverhandlungen im Nahen Osten lediglich als der mysteriöse »Mister Hizballah« bekannt war. Eine Agentenlegende, sozusagen. Keiner kannte seine wahre Identität. Jetzt hat er, unterstützt durch den Journalisten Martin Specht, sein jahrzehntelanges Geheimleben auf über 300 Seiten öffentlich gemacht. 

Lebensstationen ungeschreddert

„Der sechswöchige Aufenthalt in Damaskus sollte letztendlich den Wendepunkt in meinem bislang überwiegend auf eine akademische Laufbahn ausgerichteten Lebensweg markieren. Durch meine Arbeit im Verteidigungsministerium und an der Deutschen Botschaft war ich »in die Optik« des BND geraten.“ (Seite 96).

Gerhard Conrad kam 1954 in Freiburg im Breisgau zur Welt, wurde nach seinem Abitur zunächst bei der Luftwaffe Soldat auf Zeit. Nach der Bundeswehr begann der kulturinteressierte Conrad, der in seiner Jugend gerne Karl-May-Bücher verschlang und in Gedanken Abenteuer in fernen Ländern erlebte, 1975 Orientalische Sprachen, Islamwissenschaft und Politische Wissenschaft an den Universitäten in Mainz, Freiburg und Bonn zu studieren. Verschiedene Studien-, Forschungs- und Sprachaufenthalte führten ihn bereits zu diesen Jahren in seine arabischen Sehnsuchtsorte, nach Syrien, in den Libanon, nach Tunesien und Ägypten. 1981 promovierte er erfolgreich in Bonn zum Dr. phil., mit einer Arbeit zur Damaszener islamischen Rechtsschule des Auza’i.

Der Akademiker Conrad war auch Reserveoffizier, absolvierte verschiedene Wehrübungen im militärischen Nachrichtenwesen der Bundeswehr im BMVg, etwa 1989 an der Deutschen Botschaft in Damaskus als Militärattaché (a.i.), wodurch der BND auf ihn aufmerksam wurde. Er wurde angeworben, fing schließlich 1990 beim westdeutschen Auslandsnachrichtendienst an, arbeitete in den Bereichen Auswertung und Beschaffung in der Region Nah- und Mittelost sowie Afrika. Bald ging er auch für den BND ins Ausland. Von 1998 bis 2002 fungierte er als Leiter der Residentur in Damaskus und ab 1999 auch in Beirut, um nach seiner Rückkehr bis 2004 entscheidend mit an deutschen Geheimverhandlungen zur Umsetzung eines humanitären Gefangenenaustauschs zwischen Israel und der Hizballah mitzuwirken.

Aufgrund seiner Expertise und seinen Zugängen in der Region wurde er von 2006 bis 2008 persönlicher Beauftragter von Kofi Annan und Ban Ki-moon für die Vereinten Nationen. 2008 führte diese Geheimtätigkeit erfolgreich zu einem humanitären Austausch zwischen Israel und Hizballah im Libanon, wofür Gerhard Conrad das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen wurde. Von 2009 bis 2012 wurde er Leiter des präsidialen Leitungsstabes unter den Präsidenten Ernst Uhrlau und Gerhard Schindler, vermittelte in dieser Zeit zwischen Israel und Hamas zur Freilassung des entführten israelischen Soldaten Gilad Shalit. Danach war er bis 2016 der BND-Vertreter in London, bevor Conrad zum Direktor des EU Intelligence Analysis and Situation Centre (INTCEN) im Europäischen Auswärtigen Dienst (European External Action Service) für drei Jahre berufen wurde. 2019 ging Gerhard Conrad zwar in Pension, blieb aber wahrlich nicht untätig. Bis heute ist er aktiv als Lehrbeauftragter für Intelligence an der Fachhochschule des Bundes in Berlin, der Sciences Po in Paris und als Visiting Professor am Londoner Kings College tätig, oder berät als Intelligence Advisor die Münchner Sicherheitskonferenz.  Einmal Spion, immer Spion.

Nichtwissen ist gefährlich 

„Wenn ich eines in den vergangenen vierzig Jahren – im militärischen Nachrichtenwesen der Bundeswehr, im Bundesnachrichtendienst, in privaten Studienaufenthalten, wie in späteren Auslandseinsätzen – erkannt habe, so dieses: Nichtwissen kann spätestens in Krise und Gefahr tödlich sein…“ (Seite 18).

Zwischen einer informativen Einleitung und einem ausblickenden Schlusswort gewährt das Buch in 18 weitgehend chronologisch aufbauenden Kapiteln seltene Einsichten in das echte Leben eines deutschen Geheimdienstmitarbeiters. Dabei vermeidet Gerhard Conrad die sonst nicht gerade seltenen unsachgemäßen Klischeedarstellungen der üblichen Geheimdienstliteratur, präsentiert vielmehr eine sachliche Tiefe mit intellektuellem Anspruch. Auch wenn Conrad wichtige Positionen im In- und Ausland im Nachrichtendienst bekleidet hat, liegt der erzählerische Schwerpunkt des Experten für den Nahen Osten auf seinen Einsätzen in der Region.

Besonders interessant sind daher die Abschnitte über die Arbeit des Geheimdiplomaten, die ihn auch im internationalen Auftrag an zahlreiche Brennpunkte der Welt geführt haben, etwa wenn er mit Terrororganisationen und Regierungen den Austausch von Gefangenen verhandelte. Diese Innenansichten sind einmalig und wahrlich nicht typisch für einen Wald-und-Wiesen-BND-Mitarbeiter. Hautnah kann man dank des spannenden Erzählstils erlesen, wie Gerhard Conrad über die politisch sensiblen Geiselbefreiungen als geschickter Unterhändler zur Legende wurde; nicht nur in Deutschland, gerade auch in Israel und der arabischen Welt. Über seine Rückblenden schildert er gleichzeitig das nachrichtendienstliche Geschäft, sowohl das operative als auch das analytische im BND.

Als Direktor am EU Intelligence Analysis Center in Brüssel war er am Ende seiner Karriere ranghöchster ziviler Nachrichtendienstmitarbeiter auf europäischer Ebene. Nur wenige verfügen über diese nationale wie auch internationale Erfahrungsbreite und noch weniger besitzen die Fähigkeit, darüber interessant erzählen zu können. Und haben die Erlaubnis, dies auch zu dürfen. Eine Hymne ist das Buch aber nicht. Schonungslos werden Grenzen und Möglichkeiten von deutscher Nachrichtendienstarbeit benannt und Missstände aufgezeigt. So ziehen sich etwa die Unterfinanzierung des Geheimdienstes und die fehlende Rückendeckung durch die Politik wie ein roter Faden durch die Jahrzehnte.

Defizite klar angesprochen

Klar angesprochen wird ebenso das über die Jahre tradierte schlechte Image des BND, verursacht durch Fehlgriffe, Öffentlichkeitsscheu und Geheimniskrämerei des Dienstes selbst, aber eben auch gefördert durch Politik und Medien. Anders als im angloamerikanischen Raum ist man sich in Deutschland offenbar nach wie vor nicht darüber im Klaren, dass ein leistungsfähiger Geheimdienst elementar ist. Kritik ist in zahlreichen Kapiteln deutlich zu lesen, mit unterschiedlichen Vektoren. Conrad berichtet aber auch, wie man überhaupt zum Geheimdienst kommen kann und was es bedeutet, plötzlich nicht mehr zum elitären Kreis der Geheimwissenden zu gehören. Gerade diese exklusiven Einblicke, die persönlichen Reflexionen über das Erlebte, sind das große Plus des Buches.

Zur Diskussion lädt Gerhard Conrad ein, wenn er aus seinen Erfahrungen und seinem Wissen heraus zentrale Fragen der deutschen Sicherheitsarchitektur anschneidet. Nichtwissen ist eben gefährlich. Die jüngsten Ereignisse in Afghanistan und der Ukraine haben eindringlich gezeigt, wie wichtig zeitnahe und zutreffende Informationen für Entscheidungsprozesse sind. Als Stichwort könnte man hierbei die Herausforderung der vernetzten Sicherheit nennen, zwischen Außen- Entwicklungs- und Verteidigungspolitik, weil Sicherheitspolitik heute ebenso Energie, Klima, Gesundheit, kritische Infrastruktur, Technologie und Cyber umfasst. Die Resilienz gegen Desinformationen ist mehr denn je eine Hauptaufgabe der Gesamtgesellschaft. So ist die Frage, was man im 21. Jahrhundert für einen Nachrichtendienst braucht, um für die Zukunft überhaupt ansatzweise adäquat gewappnet zu sein, eine Herzensangelegenheit von Conrad. Wenngleich seine Ausführungen ein Plädoyer für einen modernen und leistungsfähigen Geheimdienst sind, bleibt nach der Lektüre auch ein bitterer Beigeschmack, denn der internationale Vergleich und die enormen Herausforderungen angesichts globaler Abhängigkeiten machen nicht gerade Mut. 

Mission accomplished?

Speaking truth to power, so möchte ich darum zum Abschluss sagen, ist eine der wichtigsten Aufgaben des Nachrichtendienstes. Diese »Wahrheit« zu ermitteln, zu verstehen und verständlich zu machen, ist seine vornehmste Aufgabe. Nur muss power dann auch bereit und politisch in der Lage zu sein, sich mit ihr auseinanderzusetzen und sachgerechte Konsequenzen zu ziehen, wenn nachrichtendienstliche Arbeit einen Sinn haben soll.“ (Seite 314 f.).

Gerhard Conrads Buch zeigt, warum James Bond keinen Arbeitsvertrag im BND bekommen hätte. Und wahrscheinlich hätte Bond sich auch niemals beworben. Conrad gewährt seltene, weil persönliche Einblicke in echte Geheimdienstarbeit, analytisch, operativ und politisch, bietet auch allgemeine Einsichten in die sonst unter Verschluss gehaltene Welt der Geheimdienste. Aufschlussreich, lehrreich und nicht selten mit einem feinsinnigen Humor zwischen den Zeilen. Kritisch. Ein farbig geschriebenes Sachbuch über die vergangenen letzten 30 Jahre einer ausgewählten Geheimdienstgeschichte, welches aber nicht als historischer Rückblick verstanden, sondern vielmehr zur Diskussion über die Zukunft anregen sollte. Sehr lesenswert; nicht nur für BND-Mitarbeiter und Feindagenten!

Bodo V. Hechelhammer

Gerhard Conrad: Keine Lizenz zum Töten. 30 Jahre als BND-Mann und Geheimdiplomat. Econ, Berlin 2022. 320 Seiten, 24,99 Euro.

Empfohlene Zitierweise:
Bodo V. Hechelhammer: Gerhard Conrad, Keine Lizenz zum Töten. 30 Jahre als BND-Mann und Geheimdiplomat, in: 
CulturMag/CrimeMag 11 (2022), 1.11.2022.  Online-Ausgabe: http://www.culturmag.de/category/crimemag.

Gerhard Conrad © © Privat

Auf ein paar Worte mit … Gerhard Conrad

Im Oktober 2022 sprach Bodo V. Hechelhammer für CulturMag mit Gerhard Conrad über sein aktuelles Buch.

Hechelhammer: Geheimagenten zeichnen sich gewöhnlich dadurch aus, dass sie für die Öffentlichkeit geheim sind und bleiben, auch nach ihrer aktiven Zeit. Nur wenige sind öffentlich bekannt, noch weniger schreiben unter ihrem Namen ein Buch über ihre Arbeit. Das gilt besonders in Deutschland, da es hierfür keine Tradition gibt. Warum wollten Sie ein Buch schreiben?

Gerhard Conrad: Im Allgemeinen empfiehlt es sich für Angehörige eines Nachrichtendienstes nicht unbedingt, die Öffentlichkeit zu suchen, je nachdem, in welcher Weise sie operativ tätig waren. Seit dem Ende der Vermittlung und spätestens als Director INTCEN von 2016 bis 2019 war ich zwangsweise in der Öffentlichkeit exponiert, so dass ein Buch eher folgerichtig und auch zweckdienlich erschien. Aus meiner Sicht wäre es auch wünschenswert, wenn andere hochrangige Vertreter der Dienste in angemessener Weise publizieren würden. Wenn Intelligence totgeschwiegen und nicht in ihrer Bedeutung öffentlich und nachvollziehbar erklärt und diskutiert wird, bleibt das Metier unbekannt und missverstanden und damit der vielbeschworene Fremdkörper in der Gesellschaft. Das muss nicht sein, das sollte nicht sein.

Der Buchtitel verweist auf die fehlende Lizenz zum Töten, im Gegensatz zu James Bond. War Ihre Arbeit als Geheimagent also immer ungefährlich oder welchen Gefahren ist ein BND-Mann ausgesetzt?

Ganz ungefährlich ist die operative Arbeit nicht, insbesondere wenn sie in Gefahren- und Konfliktzonen stattfindet. Man kann zwischen Fronten geraten oder bei Kampfhandlungen einfach zur falschen Zeit am falschen Ort sein. Bei exponierten Aktivitäten wie Geheimverhandlungen können Spoiler auftreten, die den Prozess kippen wollen, indem sie den Vermittler aus dem Weg räumen. Hier hilft kompetente Vorsorge der Verhandlungspartner, die es in allen Fällen auch nicht an Professionalität haben fehlen lassen.

Ihr Buch ist nicht nur eine Lebensbeschreibung über die Zeit beim BND, es ist auch ein Plädoyer für einen modernen Geheimdienst. Auf welchen Gebieten besteht Handlungsbedarf?

Wie in allen Diensten, nicht nur den deutschen, wird es darum gehen, auf Jahre hinweg eine personelle „Exzellenzinitiative“ zu organisieren. In den kommenden Jahren verlassen aus demographischen Gründen viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Dienste; der sich abzeichnende Arbeitnehmermarkt wird massive Konkurrenz der öffentlichen Arbeitgeber untereinander und insbesondere mit der Wirtschaft nach sich ziehen. Zugleich wachsen die qualitativen Anforderungen an Fach- und Sprachkenntnisse. Ein Nachrichtendienst generiert spezifisches Wissen, das nur mit entsprechender spezifischer fachlicher Qualifikation zu beschaffen und zu nutzen ist. Hier müssen erhebliche Summer aufgewandt werden, zugleich aber auch die laufbahnrechtlichen Rahmenbedingungen konsequent und insbesondere effektiv auf die Schaffung, Wahrung und Weiterentwicklung von Exzellenz im Dienst ausgerichtet werden. 

Die Dienste in Deutschland sehen sich strukturell unter dem Generalverdacht der „Übergriffigkeit“ im Bereich der Grundrechtswahrung. Präventive gesetzliche Versagungen von Befugnissen und Befähigungen sind die Folge mit dem Ergebnis, dass gerade auch im Vergleich mit anderen demokratisch verfassten Staaten die Dienste wesentlich weniger dürfen als sie könnten und im Interesse ihres Aufklärungs-, Abwehr- und Schutzauftrages auch können sollten. Hier wird ein Perspektivwandel erforderlich sein hin zu zur Schaffung von konsequent auf die Auftragserfüllung ausgerichteten Befähigungen, deren verhältnismäßiger Einsatz zeitnah zu kontrollieren und eventuelle Fehler zuverlässig und kontrolliert zu beheben sein werden. Kontrolle ist akzessorisch zur Befähigung. 

Sie zeigen immer wieder Missverhältnisse auf, etwa in der finanziellen Ausstattung des BND oder in der politischen Unterstützung des Geheimdienstes, gerade angesichts der wachsenden globalen Herausforderungen. Was ist damit im Detail gemeint?

Einfache Vergleiche mit europäischen Nachbarn zeigen, dass der BND über Jahre hinweg, ebenso wie die Bundeswehr, konsequent unterfinanziert worden ist. Die Ergebnisse sind bei der Bundeswehr angesichts der Zeitenwende und der schockartigen Wahrnehmung der gravierenden Defizite bereits in elementaren Dingen wie etwa Munitionsbevorratung und technischer Einsatzbereitschaft des vorhandenen quantitativ ohnehin unterdimensionierten Geräts, inzwischen auch zum öffentlichen Politikum geworden. Seit ca. 2016/17 ist bei den Diensten budgetär allmählich umgesteuert worden; gleichwohl gilt es nun, den neuen Rahmen zumindest einmal dauerhaft aufrechtzuerhalten, bei begründetem Bedarf jedoch auch entsprechend zu erweitern. Allein schon die massiv erweiterten Dokumentations- und Berichtspflichten des BND im Rahmen der strategischen Auslands-Fernmeldeaufklärung an den Unabhängigen Kontrollrat binden Personal in erheblichem Maße. Dies muss personalwirtschaftlich durch zusätzliche Dienstpostenzuweisungen abgebildet werden und darf, quasi als haushälterisch immer wieder beliebte „Mogelpackung“, keinesfalls auf Kosten des ohnehin knappen Personalbestands in den Kernbereichen Beschaffung und Auswertung gehen.

Generell wird bei den Diensten ein operativer „Kassensturz“ angesichts der gravierenden und absehbar bestehenbleibenden Gefährdungslage vorzunehmen sein. Der „Überwachungsgesamtrechnung“ wird zunächst einmal eine detaillierte „Bedrohungsgesamtrechnung“ und eine sich hieraus ergebende „Befähigungsgesamtrechnung“ voranzustellen sein. Quantität und Qualität der einzelnen Bedrohungen für die innere wie äußere Sicherheit werden konkret zu katalogisieren und ihnen die jeweils sachlogisch erforderlichen Aufklärungs- und Abwehrmaßnahmen gegenüberzustellen sein. Es wird festzustellen sein, ob derartige Befähigungen bereits in angemessener Zahl und Leistungsfähigkeit zur Verfügung stehen, und daraus ein konkreter personeller wie materiellen Bedarf zu entwickeln sein. Mit abstrakten Gemeinplätzen wird es da nicht getan sein; konkrete Kleinarbeit ist zu leisten und mit den zuständigen Gremien des Deutschen Bundestags im Hinblick auf zeitlich gestaffelte, budgetär zu hinterlegende Beschaffungs- und Entwicklungsperspektiven zu bewerten sein. 

Sie kennen die internationale Intelligence Community sehr gut, gelten als bestens vernetzt. In Ihrem Buch kritisieren Sie das das Fehlen entsprechender Strukturen in Deutschland. Warum hinkt Ihrer Meinung nach Deutschland auf diesem Gebiet hinterher und was müsste passieren, um eine entsprechende Community wie in England oder Amerika bei uns etablieren zu können? 

Die sogenannte „intelligence culture“ ist notwendig Teil und Ausfluss gesellschaftlicher und politischer Konventionen und Perzeptionen, mithin einer politischen Kultur. Staaten mit einer Geschichte erfolgreichen internationalen oder gar globalen Engagements stehen hier in einer anderen Tradition als Deutschland, dessen außenpolitische und militärische Geschichte durch zwei Weltkriege und Gewaltherrschaft zutiefst kompromittiert worden ist. Eine begrenzte Rehabilitation staatlicher militärischer und nachrichtendienstlicher Strukturen hatte sich bekanntlich nur im Rahmen des Kalten Krieges rein funktional in der Mitwirkung in und Abhängigkeit von den Siegermächten und den Bündnissen NATO und Warschauer Pakt manifestiert. Die tiefen Schatten der Vergangenheit konnten nur allmählich, letztlich durch den Wandel der Generationen, verblassen.

Bis heute überlagern Forschungsergebnisse zur Fortdauer nationalsozialistischer Personalien im BND der fünfziger und sechziger Jahre oder missbräuchlicher Machtausübung durch die Staatssicherheit im Osten des Landes bis 1989 das Bild der Dienste. Der Wegfall der zugespitzten Ost-West-Konfrontation, einhergehend mit einer Aufhebung der direkten territorialen militärischen Betroffenheit Deutschlands durch die Auflösung des Warschauer Pakts und den damit einhergehenden Abzug der ehemals sowjetischen Truppen aus Deutschland und seinen unmittelbaren östlichen Nachbarn, sowie die damit einhergehende sichtbare Schwäche der Sowjetunion in den neunziger Jahren führten im Verlauf der Jahre zu einem Wegfall jeglichen Bedrohungsgefühls, das zuvor die wesentliche gesellschaftliche Grundlage für die Akzeptanz von Bundeswehr und Diensten gewesen war. Außen- und sicherheitspolitische Herausforderungen für Deutschland wurden allenfalls im lockerer gewordenen NATO-Verbund gesehen und galten innenpolitisch wenig relevant. Militär- und sicherheitspolitische Verantwortungsdiffusion im Bündnis bei gleichzeitiger Reduktion der eigenen Verbindlichkeiten galt als konvenient. Deutschland bewegte sich „in der Mitte des Geleitzuges“, was bedeutete, dass die Absicherung nach Außen anderen Kräften überlassen wurde.

Wozu also Streitkräfte, wozu Nachrichtendienste, wozu gesonderte Anstrengungen, um mit als in erster Linie indirekt perzipierten Bedrohungen Schritt halten zu können? Eine Ausnahme bildete hier nur der Schock des 11. September 2001 mit dem nachfolgenden „war on terrorism“, der jedoch rasch in erster Linie unter bündnispolitischen Perspektiven und unterzunehmend strikten politischen wie wirtschaftlichen Kosten/Nutzen-Aspekten verfolgt wurde. Ein „sense of ownership“ gegenüber den Diensten konnte sich so über die Jahrzehnte nur sehr unzureichend entwickeln. Er wurde auch politisch nicht angestrebt, da er dem „Zeitgeist“ widersprochen hätte.

Ein zentrales Thema im Buch – und in Ihrem Leben – ist der Frieden bzw. Nicht-Frieden im Nahen Osten. Sie haben es geschafft sowohl von Israel als auch von palästinensischer bzw. syrischer Seite als Vertrauensperson akzeptiert zu werden. Wie erwirbt man das Vertrauen von zwei so gegensätzlichen Konfliktparteien und wie wichtig ist hierbei die eigene Persönlichkeit, losgelöst von der Behörde, die man vertritt? 

Vertrauen erwirbt man durch Handeln und damit verbundene Zuverlässigkeit als Person und in der Sache. Vertrauen hat auch etwas mit Empathie zu tun, die eine persönliche Arbeitsbeziehung ungeachtet fundamentaler Brüche und Antagonismen zwischen den Gegnern geschaffen werden muss. Umsetzung gegebener Zusagen und Transparenz in den Schwierigkeiten, die einem Verhandlungserfolg entgegenstehen, sind das Kapital, das schrittweise aufgebaut, gewahrt und gemehrt werden muss. 

Ihr Weg zum BND erscheint fast wie ein Zufall, wie auch andere Karriereschritte sich aus der Situation heraus ergeben haben. Provokant gefragt: Kann man überhaupt eine Geheimdienstkarriere – wie Ihre – planen oder muss man das Glück haben, zur richtigen Zeit der richtige Mann zu sein?

In der Tat ist mein Weg in den Dienst und im Dienst jeweils stark von äußeren Faktoren geprägt gewesen. Dies ist bekanntlich bei vielen spektakulär erscheinenden Lebenswegen so. Dennoch bleibt erst einmal viel Raum für Eigeninitiative und vorausschauendes Handeln. Allen, die sich für eine Laufbahn im Dienst interessieren, sei jedoch gesagt, dass Professionalität im eigenen gewählten Fachgebiet und ein gehöriges Maß an Forschergeist“ notwendige Voraussetzungen für eine sinnvolle ergebnisorientierte Arbeit im Dienst sind. Nachrichtendienste sollen neues Wissen generieren, das wiederum Entscheidungsträger zu verantwortungsvollem Handeln befähigt. Nachrichtendienstler müssen somit in ihrem Aufklärungsgebiet entsprechend fachlich und sprachlich befähigt und mit dem entsprechenden Wissensdrang ausgestattet sein. Etablierte Kompetenz und die Fähigkeit, diese in „Forschung“ (Beschaffung) und „Lehre“ (Berichterstattung) zur Geltung zu bringen, sind wesentliche Grundlagen für Erfolg im Metier. 

In Ihre Zeit Leiter des präsidialen Leitungsstabes fiel auch der Beginn der Aufarbeitung der Geschichte des BND. Kann eine Institution wie der BND, der getrieben ist durch jeweils aktuelle Krisen und politische Rahmenbedingungen überhaupt aus der eigenen Geschichte lernen? 

Er kann, wenn aus den umfänglichen Forschungsergebnissen „lessons learned“ abgeleitet werden. Hierzu bedarf es geeigneter Mittler, die sich der Frage widmen, was bestimmte historische Gegebenheiten und Verhältnisse für den Dienst der Gegenwart bedeuten, Es gibt zahlreiche, mehr sozial- und politikwissenschaftlich definierte Fragestellungen, die man an historische Evidenz mit Gewinn für die Gegenwart richten kann, wenn es eben gelingt, von den Ereignissen in geeigneter Weise zu abstrahieren. Dieses Verfahren ist in den Politik- und Sozialwissenschaften durchaus etabliert. Die reine Beschreibung, wie sich die Dinge in den 50er, 60er oder 70er Jahren denn so verhielten, ist hierbei eine notwendige, jedoch nicht hinreichende Grundlage für die Ableitung von Lehren für das heutige oder gar künftige Verhalten. 

In Ihrem beruflichen Leben haben Sie viele Funktionen bekleidet, viele Länder gesehen und auch mit zahlreichen wichtigen Persönlichkeiten gesprochen. Welcher Lebensabschnitt hat Sie persönlich am meisten geprägt, welche Region schätzen sie besonders und welcher Mensch hat Sie nachhaltig beeindruckt?  

Die Jahre, in denen ich an den verschiedenen Schnittstellen zwischen Nachrichtendienst und Politik, sei es auf nationaler, sei es auf internationaler Ebene, verbrachte, waren die herausforderndste und damit auch prägendste Zeit. Hier kamen die unterschiedlichsten Lebenswelten zusammen: schwierige operative Fragen, Verhandlungstaktiken, die Konfrontation mit tragischen Schicksalen, die ihrerseits zu Teilen des Machtspiels wurden, die Mentalität unterschiedlichster Entscheidungsträger auf verschiedenen Ebene und in verschiedenen Ländern und Kulturen, die vielfältigen Bedingtheiten von Handeln und Unterlassen, all dies erforderte ein ganzheitliches Vorgehen und damit einen Großteil psychischer wie physischer Energie, Flexibilität, Lern- und Einsatzbereitschaft. 

Hat der Geheimagent und Geheimdiplomat Gerhard Conrad überhaupt Zeit (gehabt), Krimis, Spionagethriller zu lesen oder gar einen James-Bond sich anzuschauen, oder ist der literarische und cineastische Zugang zum Thema aufgrund der eigenen Professionalität und den eigenen Erfahrungen gar nicht mehr möglich? 

In der Tat gestaltete sich mein professionelles Leben über weite Strecken ausreichend dynamisch, ja theatralisch, so dass der Bedarf an weiterer Anregung eher gering war. Dessen ungeachtet habe ich in ruhigeren Phasen die frühen Romane von John Le Carré mit Gewinn und Spannung gelesen, da sie sehr viele Spezifika der nachrichten- und geheimdienstlichen Milieus in ebenso anschaulicher wie eindringlicher Weise schildern. Natürlich habe ich auch James Bond-Movies gesehen, allerdings eher als freiwillig-unfreiwillige Persiflage nachrichtendienstlicher Arbeit. 

Vielen Dank.

Empfohlene Zitierweise:
Bodo V. Hechelhammer: Auf ein paar Worte mit … Gerhard Conrad, in: CulturMag/CrimeMag 11 (2022), 1.11.2022. 

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