Geschrieben am 1. September 2022 von für Crimemag, CrimeMag September 2022

Hechelhammer mag „The IPCRESS-File“

Der Kalte Krieg als Serie

Bodo V. Hechelhammer über Len Deightons neu verfilmten Klassiker

„Now my name isn’t Harry, 
but in this business it’s hard to remember 
whether it ever had been.“

(The IPCRESS-File)

Wo ist Harry Palmer? Diese seit vielen Jahren offene Frage wird endlich beantwortet. Seit dem 14. August 2022 ist er beim deutschen Sky One und über Wow in The IPCRESS-File zu sehen. Jede Woche werden zwei neue Folgen einer neuen sechsteiligen britischen Spionage-Serie gezeigt. Es handelt sich um die Neuverfilmung von Len Deightons gleichnamigen Klassiker um den doch etwas anderen Agenten Harry Palmer, der 1965 mit Michael Caine in der Hauptrolle ikonisch verfilmt worden war. Die neuen Episoden liefen bereits von März bis April im britischen Fernsehen (ITV). 

Len Deightons gleichnamiger Roman erblickte 1962 das Licht der Welt und erzählt eine packende Spionagegeschichte im Kalten Krieg, in der es sich um Informationen über die sowjetische Atombombe, um Verrat und vor allem um Gehirnwäsche dreht. Sinistre Mächte, die unser Denken beeinflussen, ist eine der großen Angstszenarien der Kalten-Kriegs-Zeit. Der Roman folgt in seiner Erzählform einem persönlichen Bericht eines eigentlich namenlosen Protagonisten an den Verteidigungsminister, der Name Harry Palmer wurde erst für die Verfilmung gesetzt, was den Titel The IPCRESS-File erklärt. Er beginnt kurz nach der Versetzung Palmers vom britischen Militärgeheimdienst zu WOOC(P), einem kleinen zivilen Nachrichtendienst, der unmittelbar dem britischen Kabinett unterstellt und von einem Mann namens Dalby geführt wird. Eine atmosphärisch dichte Spionagegeschichte mit wunderbaren Charakteren, einer Portion Systemkritik, die den Zeitgeist authentisch widerspiegelte. 

Kein Wunder also, dass nur drei Jahre nach der Veröffentlichung der Spionagestoff unter der Regie von Sidney J. Furie in Szene gesetzt und vom James-Bond-Produzenten Harry Saltzman produziert worden war. Es waren die Sechzigerjahre, die Hochzeit von Spionage und Spionagefilmen, die wie Atompilze aus dem Boden schossen. Michael Caine spielte Harry Palmer prägnant als aufmüpfigen Agentenlümmel der Arbeiterklasse, der mehr mit der Bürokratie und dem Snobismus der eigenen Behörde zu kämpfen hatte als mit den Sowjets. Ein krasser Gegenentwurf zu seinem elitären Kollegen James Bond, weshalb er für nicht wenige als der bessere Agent galt. Pikanterweise wurde der Charakter von Deighton erschaffen, nachdem dieser rund 35 Seiten des James-Bond-Drehbuchs von From Russia with Love (GBR 1963) geschrieben hatte und dann aber gefeuert worden war. Zum Erstaunen vieler wurde das Buch ein Riesenerfolg; so wie der Film. Es folgten noch die Roman-Verfilmungen Finale in Berlin (GBR 1966) und Das Milliarden-Dollar-Gehirn (GBR 1967) der Harry-Palmer-Trilogie.

Jetzt wurde The IPCRESS-File durch James Watkins (McMafia 2018) vollkommen neu inszeniert, basierend auf das von John Hodge geschriebene Drehbuch, bekannt vor allem durch Trainspotting 1996 und 2017. Harry Palmer wird von dem 33-jährigen Joe Cole verkörpert, der von 2013 bis 2017 bei Peaky Blinders oder bei Gangs of London mitspielte. Daneben sind noch Lucy Boynton (Bohemian Rhapsody 2018) und Tom Hollander, 2021 in The King´s Man: The Beginning, in tragenden Rollen zu sehen. Cole spielt Palmer eigen und neu, überzeugend bleich und tiefenruhig als Anti-Held und Boynton brilliert umwerfend gutaussehend als irreführende Spezialagentin.

Der neue Harold „Harry“ Palmer taucht als Armee-Korporal (1. Battalion Gloucestershire Regiment) im frisch geteilten Berlin des Jahres 1963 auf. Er ist einer von vielen gelangweilten Soldaten. Palmer, Sohn eines Hafenarbeiters, hat sich sein Leben lang durchkämpfen müssen. Sein sozialer Hintergrund hat ihn angeblich von einem Aufstieg abgehalten, obgleich er ein Genie und Koreakriegsheld ist. Er folgt seinem eigenen moralischen Kompass, agiert aber im Sinne des Gesetzes kriminell, denn er verdient sein Geld nebenbei als Schwarzhändler und Schmuggler. Dadurch knüpft er Kontakte ins Milieu des Sowjetblocks. Doch er wird von der Militärpolizei geschnappt und in England zu acht Jahren Militärgefängnis verurteilt. Der Leiter des britischen Geheimdienstes WOCC(P), Dalby (Tom Hollander), hat von seinen besonderen Kontakten und Fähigkeiten Wind bekommen, die man zur Lösung des Falls um den entführten Atomwissenschaftler Dawson nutzen will, der gemeinsam mit amerikanischen Physikern an der Neutronenbombe forschte. Um dem Gefängnis zu entkommen, wird Palmer Spion an der Seite von Jean Courtney (Lucy Boynton), die wegen ihres Geschlechts von allen unterschätzt wird. Agent oder Knast, ist nicht der klassische Anfang einer britischen Geheimdienstkarriere. Und es gibt noch Paul Maddox (Ashley Thomas), der als isolierter schwarzer CIA-Offizier in einer durchweg weißen Agentur agiert.

Das erste, was in der neuen Serie The Ipcress File zu sehen ist, ist eine dunkle Brille mit dickem Rahmen auf einem Nachttisch und damit ein genialer Fingerzeig der Filmemacher. Es ist eine Replik derjenigen Brille, die Michael Caine in seiner Filmversion von 1965 trug, verweist von Beginn an direkt und selbstbewusst auf die Erstverfilmung. Damit wird automatisch zu einem Vergleich der Adaption eingeladen, was nicht immer ein Vorteil ist, wird doch auch in der Neuinterpretation an zahlreichen Stellen an Len Deightons Ausgangsmaterial kreativ Verrat begannen. Die Mini-Serie kommt unterkühlt daher, ohne Hektik und es fehlt ihr leider an trockenem Humor, was größtenteils durch raffinierte Wendungen wett gemacht wird. Sie ist fesselnd. Aber wie so häufig entfernt sich das Drehbuch dadurch vom Roman und man muss sich auf eine andere Geschichte einstellen. 

Dennoch ist die Neuverfilmung von Len Deightons Klassiker äußerst gelungen, weil sie atmosphärisch so dicht, stilvoll und spannend den alten Kalten Krieg der Sechzigerjahre neu erzählt, bei dem es um Entführungen, Gehirnwäsche, rivalisierende Geheimdienste, immer um Verrat und Gegenverrat in Organisationen in einer aufgeladenen politischen Ost-West-Konfrontation geht. Ausgewählte Schauplätze tragen dazu wesentlich bei, ob es das swingende London, das geteilte Berlin, das verschneite Helsinki, das verführerische Beirut oder der heiße Sand eines Pazifik-Atolls ist, bei dem man schon einmal entspannt mit Sonnenbrille und Cocktail einem Neutronenbombentest zuschauen kann. An dem Verrat, der in zahlreichen Variationen in Erscheinung tritt, sind alle Protagonisten irgendwie beteiligt, was dadurch verstärkt wird, dass die meisten Charaktere eigentliche Außenseiter sind, die sich nicht gerade durch institutionelle Loyalität durchgehend auszeichnen. Nicht nur die Schauspieler spielen präzise, besonders Kostüm und Ausstattung sind genau und sehen einfach toll aus. The IPCRESS-File sieht daher nicht nur so aus wie die Sechzigerjahre, es fühlt sich beim Sehen auch so an. Die Serie ist eine nahezu perfekte Zeitkapsel der Zeit. Man wird nach den Sechzigern süchtig.

Auch wenn sich dank des Mini-Serienformats die einzelnen Charaktere entwickeln können, ist es wieder einmal auffallend, wenn man ehrlich sein darf, dass Farbige und Frauen mit Gewalt in verantwortlichen und gleichberechtigten Positionen gebracht werden. Damit wird zwar aktuellen Forderungen nach diverser Besetzung und Bedeutung vollkommen richtig Rechnung getragen, der authentische Zeitkontext gleichzeitig verlassen. Was aber von Len Deightons Original dennoch geblieben ist, ist seine beißende Klassen- und Institutionenkritik. So ist gerade Joe Cole ein trefflicher Harry Palmer unserer Zeit, der zwar mit alter Brille, aber neu interpretiert zurückgekehrt ist; so wie inzwischen der gesamte Kalte Krieg. Was die Macher der Adaption von The IPCRESS-File natürlich nicht wissen konnten, als sie mit ihrer Arbeit an dem Projekt begannen.

Es bleibt zu hoffen, dass Harry Palmer mit einer zweiten Staffel erneut zurückkehrt. Vielleicht erweist sich die Serie sogar als eine Art von Blaupause für eine neue Welle von Spionage-Thrillern, wie in den Sechzigerjahren, in denen die gute alte Sowjetunion als eine nützliche Metapher für das schlecht neue Russland dient.

Sehr sehenswert!

Bodo V. Hechelhammers Buch „Spion ohne Grenzen. Heinz Felfe – Agent in sieben Geheimdiensten“ von Alf Mayer hier besprochen. Aktuell von ihm erschienen: „Rolf Kauka. Fürst der Füchse“, hier bei uns besprochen.

Seine Texte bei uns hier. Unter anderem ein großes Interview mit Oliver Kalkofe: SchleFaZ bedeutet Liebe und eines mit Oliver Hilmes zu dessen Buch „Das Verschwinden des Dr. Mühe. Öfter schon war er im Agentenfilm-Genre für uns unterwegs, etwa auf den Spuren von … „Serenade für zwei Spione“ (1965) …

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