Geschrieben am 1. November 2022 von für Crimemag, CrimeMag November 2022

Hazel Rosenstrauch zum Roman von Olga Grjasnowa

Der andere Krieg

Wer denkt noch an Syrien? Nach fünf Büchern über die Ukraine (Andreas Kappeller, Kleine Geschichte der Ukraine, Tanja Marjartschuk, Blauwal der Erinnerung, Andrej Kurkow, Graue Bienen + ders. Jimi Hendrix live in Lemberg, Juri Andrychowitsch, Karpatenkarneval) habe ich mir Olga Grjasnowas Buch von 2018 besorgt. Auch darin geht es um Krieg, um Bomben, Tod, Schwerverletzte, um mutigen Widerstand gegen das Regime, und nach dem Scheitern der Revolution um Flucht. Und weil es ein Roman ist, geht es auch um Liebe, Verzweiflung und familiäre Dramen. 

Der gänzlich assimilierte Arzt Hammoudi, der in Paris studiert hat, fährt nach Syrien, um seinen Pass verlängern zu lassen, er hat eine schöne (offenbar jüdische) Freundin und Aussicht auf eine tolle Stelle in einem französischen Krankenhaus. Er wird nicht mehr aus Syrien herausgelassen, schließt sich dem Widerstand an und operiert die schwer Verletzten wie am Fließband. 

Die zweite Hauptperson heißt Amal, die als Schauspielerin eine attraktive Karriere vor sich hat, ihr Vater ist wohlhabend und unterstützt sie auch noch, nachdem sie sich der Opposition angeschlossen hat, von der Geheimpolizei verhaftet und gefoltert wird. In seinem luxuriösen Ferienhaus samt gestohlenen Artefakten aus Palmyra kann sie sich vorübergehend erholen. Es gab in Syrien selbstbewusste Frauen und eine moderne Kunstszene, teure Lokale und lockere Sitten, bevor sich Assads Brutalität gänzlich durchsetzte. Die Revolution ist bekanntlich (dank Putins Untertützung für Assad) gescheitert, man erfährt viel von der Brutalität, der allgegenwärtigen Korruption, von der Religionspolizei, von Fanatikern und Sadisten auf der einen Seite und mutigen Widerstandskämpfern, die noch in der aussichtslosen Situation nicht aufgeben. 

Die Beschreibungen von Hinrichtungen, Explosionen, Folterung und einer Flucht in Schlauchbooten mit gefälschten Schwimmwesten und Ertrinkenden sind drastisch, dazumal nannte man so etwas “realistische Literatur”. Die Helden und Heldinnen stehen auf der richtigen Seite, die Hauptfiguren schaffen es nach fürchterlichen Erfahrungen mit Hilfe von Fluchthelfern, maroden Booten und Schleppern bis nach Berlin. Hammoudi nennt es “eine Stadt für unbesorgte Teenager aus der Provinz”, die im Vergleich zu Paris hässlich ist, die Menschen zudem “schlecht gekleidet”.

Der Katalog des Elends wird für den hoch qualifizierten Arzt durch die demütigende Anhörungsprozedur und eine Odyssee durch deutsche Heime für Asylbewerber ergänzt. Die Schauspielerin bringt sich mit einer entwürdigenden Karriere als Köchin für orientalische Gerichte durch und kämpft sich durch lächerliche Zeremonien für eine Fernsehshow. Gegen Schluss des Buchs führt die Autorin die zuvor getrennt erzählten Schicksale zusammen, nach einer zufälligen Begegnung in Berlin kommt es zu einer Liebesnacht zwischen Arzt und Schauspielerin. Es gibt kein Happy End – der sympathische Arzt Hammoudi wird in der Flüchtlingsunterkunft bei einem Anschlag von Rechtsradikalen getötet. Amina verzichtet auf eine mögliche Karriere in den USA, sie wird sich um das Baby kümmern, das sie sich angeeignet hat, als dessen Mutter im Meer versunken war. 

 Alles ist schrecklich, vieles wohl der Wirklichkeit abgeschaut aber doch erfunden, man könnte es als Faktfiction bezeichnen, mehr Reportage als Literatur, ohne Raum für Fragen, Ambivalenzen oder Hoffnungen. Weniger wäre mehr. Aber darf ich ein solches Buch kritisieren, während ich in einer (noch) ausreichend warmen Berliner Wohnung von den Gräueltaten in einem anderen Land lese? Aware und sensibel empfinde ich eine Art Flugscham, und hoffe meine politisch unkorrekte Meinung über diesen Supermarkt des Unglücks bald durch Zeugnisse guten Willens kompensieren zu können. 

Olga Grjasnowa: Gott ist nicht schüchtern, Aufbau Verlag, Berlin 2017. 309 Seiten, 22 Euro; als Taschenbuch 12 Euro.

Hazel E. Rosenstrauch, geb. in London, aufgewachsen in Wien, lebt in Berlin. Studium der Germanistik, Soziologie, Philosophie in Berlin, Promotion in Empirischer Kulturwissenschaft in Tübingen. Lehre und Forschung an verschiedenen Universitäten, Arbeit als Journalistin, Lektorin, Redakteurin, freie Autorin. Publikationen zu historischen und aktuellen Themen, über Aufklärer, frühe Romantiker, Juden, Henker, Frauen, Eitelkeit, Wiener Kongress, Liebe und Ausgrenzung um 1800 in Büchern und Blogs.  Ihre Internetseite hier: www.hazelrosenstrauch.de

Ihre Texte bei CulturMag hier. Ihr Buch „Karl Huss, der empfindsame Henker“ hier besprochen.Aus jüngerer Zeit: „Simon Veit. Der missachtete Mann einer berühmten Frau“ (persona Verlag, 112 Seiten, 10 Euro). CulturMag-Besprechung hier.

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