Geschrieben am 1. März 2022 von für Crimemag, CrimeMag März 2022

Hazel Rosenstrauch: Eine N-Biographie, woke & pc

Zu einer politisch korrekten Neuausgabe von Frederick Douglass „Mein Leben als amerikanischer Sklave“

Nicht nur in Talkshows und Parteien, auch in Verlagen ist man bemüht, divers zu sein oder es zu werden. Zufällig weiß ich, wer Frederick Douglass war und habe mir die neue Ausgabe des besorgt. Ich will wissen, wie der schwarze amerikanische Freiheitskämpfer nach 180 Jahren angeboten wird. Da es kein Vorwort gibt, schlage ich das Nachwort auf und lese dass es sich “um ein bewegendes Einzelschicksal mit einem repräsentativen amerikanischen Freiheits- und Erfolgsmythos” handelt. Die Herausgeberin schreibt, dass Douglass’ Werk in zahllosen Anthologien, Literaturgeschichten und Lehrveranstaltungen “einen geradzu hyperkanonischen Status” hat. Kanonisch reicht nicht, superkanonisch, hyperkanonisch, am kanonischsten? Nun ja, Sprache ist verräterisch. In den USA ist er berühmt, da weiß wahrscheinlich jedes schwarze Kind und jeder Erwachsene, der sich mit Black Lives Matter beschäftigt, wer er war. Hierzulande ist das anders. 

Douglass war Sklave in Maryland und Baltimore, er wurde als kleines Kind von seiner Mutter getrennt und wurde geprügelt, wie das damals üblich war. Es ist ihm gelungen, lesen und schreiben zu lernen, dieses Wissen sogar in einer Sonntagsschule an Leidensgenossen weiterzugeben und schließlich gelang es ihm, über jene Grenze zwischen den Nordstaaten, in denen Sklaverei abgeschafft worden war, und den Südstaaten, in denen Schwarze wie Vieh behandelt, misshandelt, gehandelt wurden, zu fliehen. 

Man kann verstehen, dass es manchem sentimentalen wohlmeinenden weißen Unterstützer nicht gefallen hat, wie gut er sich ausdrücken konnte, so gar nicht sklavenmäßig. Er schreibt anschaulich und rhetorisch klug über sein Leben als Sklave, über die Brutalität der Aufseher, Hunger und Willkür. Wie all anderen Sklaven wurde er als Hab und Gut seines Masters betrachtet, beim Tod seines Besitzers wurde er an die Erben weitergereicht und von denen vermietet. Beeindruckend modern sind seine Reflexionen darüber, dass die Sklaverei nicht nur den Opfern, sondern auch den Sklavenhaltern schadet – Themen, die erst sehr viel später in die Debatten über Rassismus aufgenommen wurden. Er erzählt nicht nur, wie aus einem Menschen ein Sklave gemacht wird, sondern auch wie aus einem Sklaven ein Mensch wurde. Interessant sind seine Betrachtungen über verschiedene Typen von Sklavenhaltern und deren Strategien, ihren “Besitz” zu brechen und zu demütigen. Neben Schlägen und Demütigungen spielen auch Religion und Whiskey eine wichtige Rolle dabei. Douglass’ Denken, seine Beobachtungen, die Beschreibungen von Resignation und dann Widerstand greifen weit über einen naiven Lebensbericht hinaus. Er schildert Verhalten und Rechtfertigungen seiner “Besitzer”, die Verstümmelung von Mitsklaven und hemmungslose Brutalität von Aufsehern und Mastern, das ist, ebenso wie die Entwicklung seiner Freiheitsliebe auch nach fast 200 Jahren ein beeindruckendes Dokument. 

In den kleingedruckten Anmerkungen erfährt man ein bisschen über die Situation, über einzelne Abolitionisten, über Schleuser und Netzwerke von (weißen) Gegnern der Sklaverei. In dem Nachwort von Hannah Spahn geht es primär um das Genre und Erzählstrategien “im Spannungsfeld von Leben und Schreiben”. Man erfährt, dass dieses “potenziell lukrative Genre immer wieder auch Weiße dazu verleitete, sich als entflohene Sklaven auszugeben”, dass literarische Strategien nötig waren, um authentisch zu sein und Douglass seine Redegewandtheit verstecken sollte. Schön und gut, aber ein bisschen Geschichte des Abolitionismus, der Kämpfe vor und im Bürgerkrieg zwischen dem Norden und dem Süden, die Arbeit auf den Plantagen, die Rolle religiöser Gruppen, eventuell als Einleitung, hätte dem Verständnis gut getan. Vor dem Nachwort wurde das Vorwort der Erstausgabe von 1845 abgedruckt. Es findet sich eine Anmerkung zum Wort Rasse in Anführungszeichen und das N-Wort wird mit Pünktchen als “N….” ersetzt. 

Ottilie Assing

Es gäbe für eine neue deutsche Ausgabe noch mehr zu sagen. Dass er die Frauenbewegung unterstützt und für den Dialog über rassische und ideologische Grenzen hinaus gestritten, sogar das Gespräch mit Sklavenhaltern befürwortet hat. Nicht in dem neuen Band erwähnt wird, dass der Lamuv-Verlag schon 1991 Douglass‘ Biographie auf deutsch herausgebracht hat und erst recht nicht, dass die Hamburgerin, Ottilie Assing, unter dem Titel “Sklaverei und Freiheit” seine Biographie 1860 ins Deutsche übersetzt hatte. Ottilie Assing war eine Nichte von Karl August Varnhagen, dem Ehemann und Nachlassverwalter der berühmten “Rahel”, die in der hiesigen Anti-Rassismusdiskussion einen nicht superkanonischen, aber wichtigen Platz hält. Assing war viele Jahre lang mit Frederick Douglass eng befreundet, sie hat ihn, als er gesucht wurde, versteckt und hat für das Cotta’sche “Morgenblatt für gebildete Stände” über ihn und die Anti-Sklavenbewegung berichtet, auch das könnte einen Bogen schlagen von der langen Geschichte des Rassismus in den USA zu mutigen klugen deutschen Frauen des 19. Jahrhunderts, einstigen und heutigen Kämpfen um Emanzipation, seien es PoC, Frauen, LCBTs oder schwarzhaarige Neubürger in Europa. 

Das wieder abgedruckte Vorwort von 1845, geschrieben von einem der wichtigsten Kämpfer gegen Sklaverei (W.M. Lloyd Garrison) kann diesen Mangel nicht ersetzen. Der Band hinterlässt den faulen (!) Geschmack, dass hier schnell mal, wie es die derzeitige politische Korrektheit gebiert, ein Buch mit N… -Bezug  erscheinen musste. 

Frederick Douglass: Mein Leben als amerikanischer Sklave. Aus dem amerikanischen Englisch neu übersetzt von Hans-Christian Oeser. Mit einem Nachwort von Hannah Spahn. Reclam, Ditzingen 2022. Gebunden, 154 Seiten, 20 Euro.

Hazel E. Rosenstrauch, geb. in London, aufgewachsen in Wien, lebt in Berlin. Studium der Germanistik, Soziologie, Philosophie in Berlin, Promotion in Empirischer Kulturwissenschaft in Tübingen. Lehre und Forschung an verschiedenen Universitäten, Arbeit als Journalistin, Lektorin, Redakteurin, freie Autorin. Publikationen zu historischen und aktuellen Themen, über Aufklärer, frühe Romantiker, Juden, Henker, Frauen, Eitelkeit, Wiener Kongress, Liebe und Ausgrenzung um 1800 in Büchern und Blogs.  Ihre Internetseite hier: www.hazelrosenstrauch.de

Ihre Texte bei CulturMag hier. Ihr Buch „Karl Huss, der empfindsame Henker“ hier besprochen.Aus jüngerer Zeit: „Simon Veit. Der missachtete Mann einer berühmten Frau“ (persona Verlag, 112 Seiten, 10 Euro). CulturMag-Besprechung hier.

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