Geschrieben am 1. Dezember 2021 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2021

Günther Grosser: Tana French „Der Sucher“

Hinaus aufs Land

Bislang streiften wir in sieben Romanen mit ihr durch die Straßen Dublins, jetzt zieht die Irin Tana French uns in „Der Sucher“ hinaus auf´s Land. Bisher lavierte sie uns mit einer Art multiperspektivischer Methode durch komplexe Geschichten, bei denen jeweils ein anderes Mitglied der Dubliner Polizei an den Rand seiner Möglichkeiten geriet, jetzt blicken wir allein mit den Augen eines amerikanischen Ex-Cops auf einen scheinbar harmlosen Vermisstenfall.

Zuletzt, in „Der dunkle Garten“ hatte sie uns bereits aus der Innenstadt in ein einzelnes Haus draußen am Rand Dublins verfrachtet, jetzt verbringen wir 500 Seiten in einer heruntergekommenen Hütte und kommen nur auf ein Pint in den örtlichen Pub oder kurz hoch in die Berge. Und vielleicht finden wir uns im nächsten Roman ganz in Tana Frenchs ursprünglicher Heimat Amerika wieder, denn was wir hier bekommen, ist eine Konfrontation von blitzsauberem amerikanischem Individualismus mit verstockt-bauernschlauer irischer Dorfgemeinschaft.

Cal Hooper, 48, war 25 Jahre lang Polizist in Chicago, jetzt nach Trennung, Scheidung und Midlife-Crisis hat er sich ein Häuschen in der irischen Provinz gekauft, renoviert mühsam die verfallende  Liegenschaft und versucht, mit den skurrilen Nachbarn zurecht zu kommen. Herein stürmt Trey, 13, aus der Familie Reddy: Der älteste Bruder Brendan, 19, ist verschwunden, und Cal als Ex-Cop soll ihn gefälligst suchen. Los gehen die Befragungen, Schnüffeleien, die Warnhinweise, Rückschläge, und wir lernen sie alle kennen, die Bauern, Schafzüchter, Ladenbesitzer, Handwerker, die Faulenzer und Drogenverticker, Fergal, Lena, Donie, Mart, Caroline und Noreen, und nach einigen Umwegen, Schwindeleien und Verwundungen kommt natürlich alles ganz anders als wir dachten, oben in den Bergen, wo die Sümpfe lauern.

Hooper spürt irgendwann, dass er „den stetigen Puls seiner persönlichen moralischen Grundsätze nicht mehr hören konnte und merkte, dass er sich an die der anderen halten musste.“ Und das ist der Kern, um den es Tana French geht, dieses Konzept der ethischen Differenz – die moralische Integrität des Einzelnen gegen die dehnbare Ethik einer Gruppe. Diese Differenz illustriert sie am Fall des Verschwundenen und bettet sie ein in das, was sie am besten kann: Garnieren, Schmücken,  das Um-den-heißen-Brei-Herumreden, das Falsche-Fährten-Legen und das intensive Beschreiben der Sümpfe, des Gartens, der skurrilen Figuren. Mitten in alldem allerdings türmt sich das Gute auf, die Kunstfigur, der sie verzweifelt Leben einzuhauchen versucht und ihr daher neben all dem Tüchtigen und Aufrechten auch die üblichen Schwächen verpasst – Ehe und Kindererziehung hat Hooper vermasselt. Aber er bleibt eine hölzerne Kunstfigur, auch wenn er den Fall aufdröselt und die Lösung zur allgemeinen Zufriedenheit in den feuchten Sümpfen belässt.  

Bei einem solchen Sieg des amerikanischen Individualismus über die irischen Hinterwäldler überhäufen Washington Post und New York Times Tana Frech natürlich mit Lobeshymnen: „ihr bester Roman“. Nein, es ist ihr schwächster – damit allerdings immer noch weitaus besser als der Großteil dessen, was sonst auf den Krimistapeln der Buchhandlungen landet.

Günther Grosser
Seine Besprechungen bei uns hier – und immer mal wieder in den „Bloody Chops“

Tana French: Der Sucher (The Searcher, 2020). Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Scherz Verlag, Frankfurt am Main 2021. 496 Seiten, 22 Euro.

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