Geschrieben am 1. Juni 2022 von für Crimemag, CrimeMag Juni 2022

Günther Grosser: Jonathan Lee „Der große Fehler“

Ein fest Vergessener kehrt zurück

Andrew Haswell Green war eine der schillerndsten Figuren in der langen Geschichte New Yorks, seit 1626 der Holländer Peter Minuit den Lenni Lenape die Halbinsel Manna-Hatta für 60 Gulden abkaufte und das Gebiet Neu-Amsterdam nannte, welches dann vierzig Jahre später im Krieg kampflos den Engländern überlassen wurde, die es in New York umbenannten. Als Green weitere 230 Jahre später als Commissioner der Schulbehörde seine lange Karriere beginnt, ist ganz Manhattan bereits mit einem rasterförmigen Straßennetz überzogen und New York zur Großstadt geworden. Green zeichnet in der Folgezeit verantwortlich für die Konzipierung, Gründung und oft auch die politische Durchsetzung der New York Public Library, des Central Parks, des Naturhistorischen Museum, des Bronx Zoo oder des Metropolitan Museums of Art – einen Großteil dessen also, was bis heute die kulturelle Bedeutung der Stadt ausmacht. Das einzige Andenken an Green in New York ist allerdings eine Bank im Central Park.

Der englische Schriftsteller Jonathan Lee hat ihm nun mit der Romanbiographie „Der große Fehler“ immerhin ein literarisches Denkmal gesetzt, ein prachtvolles, ausschweifendes Buch, das der Londoner Guardian 2021 als besten US-amerikanischen Roman des Jahres lobte. Es beginnt mit der Ermordung des 83jährigen Green, der eine Verwechslung zu Grunde lag, und widmet sich dann in 33 Kapiteln, die alle kleinen Erzählungen gleichen, den Einflüssen, Etappen und  Stolpersteinen, den wichtigsten Entscheidungen in Greens Leben und kommt dabei immer wieder zurück zu den Ermittlungen um diesen kuriosen Mord an einem alten Mann, den sich niemand erklären kann: die große schwarze Hure Bessie Davis, die mehr Macht und Einfluss hat, als alle ahnen, genauso wenig wie der Ermittler McClusky, Greens außergewöhnlich selbstbewusste Haushälterin Mrs. Bray, oder Anwalt Kaffenburgh – alle tappen sie im Dunklen.

Und dieses Tappen, dieses behutsame Vorantasten sowohl in Greens Leben als auch in die Verwirrungen um den Mord machen den Grundton des Romans aus. Lee schreibt eine Art späten Henry James-Sound, diese langen Sätze mit weichen Eingängen, harten Wendungen, vielen Denk-Winkeln und irritierendem Nachklang. Und er umkreist mit diesen Sätzen weniger die wilde Geschichte des großen Ostküsten-Molochs als die Subtilitäten einer Persönlichkeit, die aus dem Flachwasser eines schwachen Selbstvertrauens trotz aller Widerstände, Rückschläge und Niederlagen mit naiver Neugier und hartnäckigem Dranbleiben langsam aufsteigt zu den rauschenden Wasserfällen der Selbstverwirklichung. Bis er am 13. November 1903 von Cornelius Williams mit fünf Schüssen niedergestreckt wird, weil der ihn irrtümlicherweise für den Liebhaber von Bessie Davis hält. 

Der titelgebende `große Fehler´ Greens, den ihm Kritiker lange Zeit noch vorhielten, war übrigens der Zusammenschluss von Manhattan und Brooklyn zu Greater New York im Jahr 1898. Mit Lees Roman ist dieser sanfte, ewig zweifelnde und fast vergessene Mann, der dann soviel Durchsetzungskraft bewies, wieder zurück.

Günther Grosser

Jonathan Lee: Der große Fehler (The Great Mistake, 2021). Deutsch von Werner Löcher-Lawrence; Diogenes-Verlag,Zürich 2022. 368 Seiten, 25 Euro. 

Die Gedächtnis-Bank im Central Park © Wiki-Commons

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