Posted On 15. Dezember 2016 By In Comic, Crimemag With 1222 Views

Graphic Novel: Christa Faust, Gary Phillips, Andrea Camerini: Peepland

Peepland issue one cover by Fay Dalton

Peepland issue one cover by Fay Dalton

Neo(n)-Noir Punk-Peepshow

von Alexander Roth

Rund um den Globus flüstern Krimi-Enthusiasten ehrfürchtig den Namen Hard Case Crime. 2004 von Charles Ardai gegründet, gehört der Verlag, der sich mit seiner Mischung aus aktueller Spannungsliteratur und verschollen geglaubten Klassikern, mit Autoren wie Lawrence Block, Jason Starr, Ed McBain, Ken Bruen, Donald E. Westlake, Max Allan Collins und Harlan Ellison, mit der Aufmachung, die an die pulp magazines vergangener Tage erinnert, einen Namen machte, mittlerweile zu den einflussreichsten seiner Art.

Hard Case Crime hat es sich im Herzen der weltweiten Krimigemeinde bequem gemacht. Doch wer dort wohnen bleiben will, muss auch ab und zu neue Impulse setzen: In Kooperation mit dem ebenfalls noch eher jungen Verlag Titan Comics, der sich bisher vor allem durch Adaptionen von Videospiel- und TV-Stoffen einen Namen machte, schicken Ardai und sein Team sich an, die Comicwelt zu erobern. Und wer sich ein wenig mit Peepland auseinandersetzt, der merkt, dass es ihnen damit durchaus ernst ist.

Alternate cover by Mack Chater

Alternate cover by Mack Chater

Die Idee zur Comicreihe stammt von der vereinfachend manchmal als „BDSM-Ikone“ bezeichnten, jedoch vorzüglichen Krimiautorin Christa Faust. Bevor sie sich auf das Schreiben von Genreromanen und Drehbuch-Adaptionen spezialisierte, verdiente sie ihr Geld in einer der unzähligen peep show boxes, die in den 80ern überall rund um den New Yorker Times Square aufploppten wie heute bunte Bildschirmwerbung. Die oft sehr unangenehmen Erfahrungen, die sie in dem Geschäft, dass die Amerikaner gerne euphemistisch adult entertainment nennen, machen musste, wollte sie literarisch verarbeiten – nur dass ihr diesmal das gesprochene Wort nicht ausreichte, um die Bilder von ihrem Kopf aufs Papier zu bekommen.

Deshalb bat sie ihren Schriftstellerkollegen und Freund Gary Phillips um Hilfe. Phillips hatte bereits Erfahrung im Schreiben von Comics, die er unter anderem bei großen Namen wie DC sammeln durfte, und zeigte sich begeistert von dem Projekt. Im Interview mit crimefictionlover.com nannte er es eine Hommage an Filme wie Ms. 45 (Die Frau mit der 45er Magnum) und Fear City (Manhattan, zwei Uhr nachts). Fehlte also nur noch jemand, die ganze Story ins Bildformat übersetzten konnte. Andrea Camerini, ein bis dato weitestgehend unbekannter Zeichner, hat den Job letztendlich – und völlig zurecht – bekommen.

Alternate cover by Alex Ronald

Alternate cover by Alex Ronald

Zwischen sex sells und Selbstbestimmung

Der Times Square am Weihnachtsabend 1986: Ein obdachloser Santa Claus lässt die Glocken klingeln, ein Straßenprediger verkündet den Untergang der Welt und Dick „Dirty Dick“ Durbin rauscht mit seiner Handkamera, mit der er Videos von naiven Frauen dreht, die sich für ein paar Komplimente und etwas Taschengeld vor ihm entblößen, in einen Mann, der gerade seine Trommelkünste auf einem Blecheimer demonstriert. Der ganz normale Wahnsinn eben. Währenddessen erklärt ein paar Straßen weiter Roxy einem ihrer Kunden, wie das mit den peep show boxes funktioniert: Je mehr Geld hinter der Scheibe landet, desto mehr gibt es vor der Scheibe zu sehen.

Es dauert natürlich nicht lange, bis die Wege der Figuren sich kreuzen. Dirty Dick hetzt in den Nachtclub, in dem Roxy arbeitet, und verstaut dort ein Videoband; bittet sie durchs Plexiglas, es für ihn aufzubewahren. Er hat Angst. Kurze Zeit später schreddert ihn die U-Bahn, und zwei mürrische Cops nehmen Roxy in die Mangel. „We ain’t looking for pussy, we’re looking for information”. Sie windet sich heraus, packt sich die Kassette, pflanzt sich bei ihrem Ex-Freund auf die Couch und muss erschrocken feststellen, dass auf dem Video mehr zu sehen ist, als sonst – und das nicht im Sinne von nackter Haut.

Alternate cover by Caitlin Yarsky

Alternate cover by Caitlin Yarsky

Peepland ist eine Ode an den Times Square Mitte der 80er, mit seinen Neonlichtern, die damals vor allem die schäbigen und weniger schäbigen Nachtclubs anpriesen, eine Ode an den Ort und die Zeit, die Christa Faust ihrer eigenen Aussage nach zu der Person formten, die sie heute ist. Es liegt ihr daher fern, romantisch zu verklären. Das sex business wird im Comic als ermüdend alltägliches Geschäft dargestellt. Wenn leicht bekleidete Frauen gelangweilt Dildo-Shows ankündigen und blöd grinsende Männer vor mit diversen Körperflüssigkeiten verklebten Plexiglasscheiben geifernd masturbieren, bleibt die Erotik zwangsläufig auf der Strecke.

Vielmehr geht es bei Peepland um die Rückeroberung der sexuellen Souveränität. Protagonistin Roxy tritt bei ihrer Arbeit als langhaarige, vollbusige Nymphe auf, während sie im realen Leben und ohne ihre Perücke optisch eher dem Klischee des tomboy entspricht. Hinter diesem abwertenden Begriff verbirgt sich eine Frau, die sich außerhalb der gängigen Geschlechterrollen in einem harten, männerdominierten Milieu zu behaupten versucht. Auch ihre Kollegin Aiesha führt nach ihren unzähligen unangenehmen Männererfahrung in- und außerhalb der Arbeit lieber eine lesbische Beziehung mit einer deutlich jüngeren Frau, statt sich den allgemein vorherrschenden heteronormativen Vorstellungen zu beugen. Whirlin’, twirlin’, close my eyes, no faces judging me.

Alternate cover by Andrea Camerini

Alternate cover by Andrea Camerini

Vielversprechender Auftakt

Die erste Ausgabe von Peepland ist ein wahres Fest für die Augen. Was Andrea Camerini da an cineastisch anmutenden Bildern aufs Hochglanzpapier pinselt, spottet jeder Beschreibung. Die Farben oszillieren zwischen Dreck und Neonlicht, Figuren und Umgebung strotzen nur so vor Details, auf engstem Raum wird die Vergangenheit zu neuem Leben erweckt. Die Story befindet sich dagegen zwar noch in der Aufbauphase – das Autorenteam ist noch mit dem Auslegen der Zündschnüre und dem Spannen des Netzes beschäftigt, das am Ende bis in die städtischen Zentren der Macht reichen soll –, aber das Publikum hängt bereits nach wenigen Szenen am Haken. Und zappelt. Denn der zweite Band, der ursprünglich für November geplant war, musste etwas nach hinten verschoben werden und dürfte erst vor Weihnachten verfügbar sein. Aber da man sich bei jeder Ausgabe erstmal für eines von fünf verschiedenen Cover-Artworks entscheiden muss, ist das gar nicht weiter schlimm.

Alexander Roth

Christa Faust, Gary Phillips, Andrea Camerini: Peepland. Issue #01. Titan Comcis, London 2016. 3,99 US-Dollar/4,40 Euro.

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