Geschrieben am 1. November 2022 von für Crimemag, CrimeMag November 2022

Friedrich Ani: Der Tod ist kein MacGuffin

Anmerkungen zu einer Ästhetik des Kriminalromans

Kriminalromane, die der bloßen Unterhaltung dienen, erfüllen ihren Zweck. Der Zusatz „Roman“ erscheint dabei überflüssig, Krimi genügt vollauf als Genrebezeichnung. Entweder wir nehmen die Figuren einer Geschichte als Menschen wahr oder als herausgeputzte Puppen. Ich mag herausgeputzte Puppen (jedweden Geschlechts), besonders, wenn sie in einer spannenden, clever gebauten Geschichte agieren, die mich stunden- oder tagelang bei Laune hält und mir das Gefühl vermittelt, Teil eines funktionierenden Spiels zu sein, an dessen Ende ich mich überrumpeln lassen darf. Dann staune ich über die Tricks, die ich nicht durchschaut habe, und die falschen Fährten, denen ich blindlings gefolgt bin, ohne mich ein einziges Mal nach Logik oder innerem Zusammenhang zu fragen.

Ein derartiger Krimi – in Buchform oder als Fernsehereignis – katapultiert mich aus meiner kleinen, subjektiven, verstörenden und verletzenden Welt in einen Kosmos mit klaren Regeln, deutlich getrennten Grenzen zwischen Recht und Unrecht, gut ausgeleuchteten Räumen und Gegenden (sogar die Schraffierungen einer dunklen Nacht im Regen sind glänzend scharfgestellt) und Plotfunktionären mit genormten Gefühlen und Gedanken, die in Hauptsätze passen. Von allen Beteiligten – Autor:innen, Verleger:innen, Schauspieler:innen, Ausstatter:innen, Kameraleuten, Beleuchter:innen, Cutter:innen und vielen mehr – werde ich an der Hand genommen und sicher durch perfekt markiertes Gelände geleitet. Stolpern unmöglich, geschweige denn stürzen oder schlimmer: den Boden unter den Füßen verlieren und im Keller des eigenen Lebens aufschlagen und laut schreien.

         Sogar der Tod kommt als Puppe daher und ist auch gleich wieder weg. Er taucht bloß zur Zierde auf, aus blanker Gewohnheit seinerseits und vonseiten des Publikums. Weiter braucht man ihn nicht, einen derartigen Spielvernichter verträgt dieses Spiel nicht.

         Der Tod aber ist entweder ein Spielvernichter, oder er ist ein Witz.

         Der Tod ist entweder eine Katastrophe, oder er ist ein Witz.

         Der Tod ist entweder das schlimmstmögliche Ereignis in der Welt von Menschen, oder er ist ein Witz in der Puppenstube.

         In den Krimis, die ich meine, ist der Tod nichts weiter als ein Witz zu Beginn, dessen Funktion darin besteht, ein Spiel in Gang zu bringen, in dem es um nichts geht. Außer um bloße Unterhaltung. Und die haben wir durchaus hin und wieder bitter nötig, in diesen Zeiten, wie in allen anderen, seit jeher. Der Krimi taugt schon ewig als Schmankerl zur Milch der frommen Denkungsart. Mit dem Krimi sind wir auf der sicheren Seite, beschützt vor den Monstern unserer Gegenwart, auch wenn manche Krimis eine Gegenwart simulieren, die verteufelt echt wirkt, fast so, als wären in den Marionetten Menschen versteckt. Sind sie aber nicht, am Ende kommt die Wahrheit ans Licht, und die Wahrheit in diesen Geschichten lautet: eins und eins ist zwei, und die Sonne geht im Westen unter und im Osten auf.

         Wer den Tod bemüht, um eine Geschichte zu schreiben – einen Kriminalroman, einen Kriminalfilm, der die Bezeichnung Film verdient -, betritt keine künstlich erschaffene Welt aus Pappmaschee und Tünche – der oder die und alle, die sich trauen, öffnen Fenster und Türen den erbarmungslosen Untermietern ihres Lebenshauses. Wie das eben passiert im Angesicht eines Romans. Kein Entrinnen, keine Schminke vor dem Spiegel, nichts als die Angst vor der Enttarnung. Dass mir auf einmal ein nackter Mensch entgegenkommt, den ich wiedererkenne. Er ist sterblich wie ich und schämt sich insgeheim, wie ich, im Bewusstsein all der Kränkungen, die auf seine Kappe gehen, all der Sehnsüchte und falschen Versprechungen, der fiesen Verlogenheiten und der unbeholfenen Versuche, aufrichtig zu lieben. 

In einem Roman, der eine Kriminalgeschichte erzählt, existiert keine andere Gewissheit außer dem Tod; er breitet seinen Schatten über jede einzelne der in ihrem Schicksal zappelnden Figuren; er taucht eben nicht, wie ein MacGuffin, auf, um irgendetwas passieren zu lassen und rasch wieder zu verschwinden; wenn er sich zeigt, ist die Geschichte scheinbar zu Ende. Was aber folgt, ist das blanke Erzählen über ein versäumtes Leben oder die Trümmer einer Existenz, die so groß und wundersam begann und so alltäglich und erbärmlich enden musste. Kriminalromane dieser Art bieten keine Lösung, keinen Fluchtweg, sie spiegeln, was wir scheuen, uns anzusehen und machen uns gleichzeitig Mut, es doch zu tun – vielleicht, nachdem das Echo der letzten Sätze noch nachhallt, der Atem der Figuren noch eine Weile sich mit dem unsrigen mischt. 

Mehr Trost als durch gewisse Kriminalromane habe ich selten bei einer Lektüre erfahren; manche minderten meine Angst vor den verschlagenen Hintermännern der Realität, manche offenbarten mir ungeahnte Erkenntnisse, und der eine oder andere Kriminalroman entlarvte endlich den Hurensohn in mir, der so oft darauf lauerte, mir die Liebe zu ruinieren.

Doch ganz ehrlich: Diesen ungeschönten Wahrheiten zum Trotz hätte ich die vergangenen fünfzig Jahre auf keinen Fall ohne einige richtig gute Krimis verbringen wollen …

Friedrich Ani

Gerade von ihm erschienen und bei uns von Alf Mayer besprochen: Verschwörungsthriller geht auch ganz anders: „Bullauge“. 

Weitere Texte von Friedrich Ani bei uns:
Kriminalschriftsteller sind die letzten Romantiker, wussten Sie das nicht? – Über Cornell Woolrich.

Zur Neuauflage von Jörg Fausers „Das Schlangenmaul“: Ein enormer Glücksschub

Drei Balladen aus „Die Raben von Ninive

Textauszug aus „Ermordung des Glücks

Tags : ,