Geschrieben am 1. Mai 2021 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2021

Frédéric Chaubin „Stone Age. Ancient Castles of Europe“

Die Geister des Anderswo

Thomas Wörtche über einen aufschlussreichen Fotoband

Pracht ist ja schon was Feines, kluge Pracht ist noch besser. Fünf Jahre hat sich der französische Journalist und Autor Frédéric Chaubin in Europa herumgetrieben und über 200 Burgen fotografiert. Und eine europäische Burgenkarte gibt es auch noch dazu. Diese Fotos der steinigen Monster sind schon überwältigend gut, einfach als Bildsensationen genommen. Soviel stolz-aufragende, in die Landschaft geschmiegte, fast verborgene, ästhetisch-geometrische, formal-reine, verwinkelt-hybride, trutzig-klotzige Burgen, zierlos oder verziert, majestätisch, bedrohlich, schutzbietend oder herausfordernd – Burgen sind nicht nur Burgen. Burgen sind Kulturgeschichte, Militärarchitektur, Repräsentationsbauten, in Stein gehämmerte Politik, besetztes Territorium, Repressionsmittel, Ästhetik, mit vielen, vielen komplexen Implikationen.

Chaubins Fotos zeigen all das, sie inszenieren die Burgen so, dass ihre jeweiligen Essenzen klar zu Tage treten. Besonders bemerkenswert erscheint mir dabei die Funktion des Himmels, des Lichts, der Wolken, der Schatten und des Wetters, die Chaubin zu perfekter Synästhesie fügt. Zum Beispiel die Burg von Sádaba aus dem 13. Jahrhundert, die in Navarra steht und deutlich maurische Vorbilder hat. Der strahlend blaue Himmel über der Burg akzentuiert die Klarheit ihrer Architektur schon fast überscharf, und verweist durch das herrschende Licht auf die nordafrikanischen Wurzeln. Die selbe Burg in Wales oder am Rhein – das geht nicht. Umgekehrt ist die Arwaburg (Kulisse für Murnaus „Nosferatu“) in der waldigen Slowakei völlig unverstellbar in einem mittelmeerischen Szenario. Und das hat deutlich mit dem Bildausschnitt und der Perspektive zu tun, die Chaubin wählt. 

Extrem spannend auch der einleitende Essay von Chaubin, der schon fast anthroplogisch argumentiert und die Burg als nächsten logischen Menschheitsschritt vom häuslichen Feuer über die Urhütte beschreibt, die Grenzziehung als konfisziertes Gebiet bis hin zum Schutz vor dem Außen, dem „Undifferenzierten“. Ob man das mit Peter Sloterdijk als „uterusmimetische Selbstumhüllung“ verstehen muss, sei dahingestellt (ein schöner Begriff ist das allemal).

Zwischen dem 11. und 16. Jahrhundert, also der Zeit, in der der Burgenbau in seine Blüte stand, diente die Burg vor allem der Behauptung der territorialen Einheit, und mochte das Territorium noch so kleinteilig sein. Macht ist in dieser Zeit die „Besetzung des Raums“. Die Türme sind in diesem Spiel nicht nur von militärarchitektonischen Zwecken bestimmt, sie sind Repräsentanten der Macht, so wie die Türme der gotischen Kathedralen – bis hin zu rein repräsentativen Albernheiten wie den italienischen Geschlechtertürme, ein schlagendes Beispiel für das ewige Spiel des „wer hat den Längsten?“ Macht, so Chaubin, „äußert sich im Mittelalter vertikal“.  

Und als die territorialen Verhältnisse auf dem Kontinent und in den Gebieten der Kreuzzüge fluid werden, reagiert auch der Burgbau, wenn die Territorialherrschaft wechselt:  Burgen werden überbaut, ergänzt, an neue militärische Gegebenheiten angeglichen – bis hin zum Mauerring, der mit der Artillerie aufkommt, bis die Burg zur Festung wird und aufhört, ihrem Mix aus ziviler und militärischer Funktion zu dienen: Festungen sind rein militärische Einrichtungen, die Burgen verschwinden, werden zu Burgruinen oder zu Projektionen von fiktiven Mittelalterbildern, besonders seit dem 18. Jahrhundert und der Romantik, sie werden zu Halluzinationen wie Neuschwanstein, ideologischem Historismus wie die Hohenzollernburg in Bisingen oder zu Filmkulissen und Tourist-Spots, die ein hauptsächlich medial geprägtes Mittelalterbild transportieren. Zudem zeigt Chaubin sehr überzeugend, wie etwa die brutalistische Architektur des Paläontologische Museum Juri Orlow in Moskau an die maurische Burg Medinaceli in Soria angelehnt ist, wie überhaupt die Architektur der Macht sich immer wieder an mittelalterliche Vorbilder orientiert – wie zum Beispiel die BND-„Burg“ in Berlin, deren Innenleben dem Blick von außen streng verborgen bleibt. 

Chaubins Fazit über die (Un-)Zeitgemäßheit der Burg und deren immer noch vorhandene Faszination, die in jedem seiner Fotos deutlich zu spüren ist, lautet in etwa: Immer noch schlummern in ihrem vergangenen Zauberreich die „Geister des Anderswo“, beharrlich, insistierend, als produktive Provokation von Alterität. Ein kafkaesker fremder Traum. 

Thomas Wörtche

Frédéric Chaubin: Stone Age. Ancient Castles of Europe. Photographs and Essay. Verlag Benedikt Taschen, Köln 2021. Hardcover, Format, 26 x 34 cm, 3,52 kg, 416 Seiten, 50 Euro. – Verlagsinformationen hier und hier.