Geschrieben am 3. November 2019 von für Crimemag, CrimeMag November 2019

„Frankenstein in Bagdad“

Hand in Hand mit dem Monster

In seinem Roman „Frankenstein in Bagdad“ entwirft der irakische Schriftsteller Ahmed Saadawi die phantastische Szenerie einer Überlebenszone im Grenzbereich zwischen Barbarei und Zivilisation – Von Robert Brack.

Mord in Bagdad? Was sollte daran schockierend sein? Wo dort doch überall Tote herumliegen, die  gewaltsam ums Leben gekommen sind. In einem Krieg nach dem Krieg, einem Bürger-Krieg, der verhindern soll, dass es so etwas wie einen Bürger und das für ihn notwendige Zivilleben gibt und geben kann. Welchen Stellenwert haben Morde in einer Welt, in der die Polizei nur aus kalkuliertem Eigeninteresse ihrer Arbeit nachgeht?

Die Zivilisation ist aus den Fugen geraten in dem Roman des irakischen Schriftstellers Ahmed Saadawi. Es ist eine Welt, in der die Wirklichkeit täglich von Bombenanschlägen heimgesucht wird, wodurch ihr Realitätsgehalt erschüttert bzw. ver-rückt wird. Wer darüber erzählen will, muss das Phantastische bemühen. Aber wie kann ein irgendwie gearteter Magischer Realismus ein taugliches Stilmittel sein, wenn Magie im positiven Sinne nicht existiert, sondern nur schwärzeste Magie den Alltag prägt, ihn permanent in Unordnung bringt, als allgegenwärtige Bedrohung?

Hier hilft als Erzählstrategie nur der Irrwitz, um der kranken Situation Herr zu werden. Auf bravourös lapidare Weise führt uns der Autor vor, dass ein Frankenstein-Monster im Bagdad unserer Zeit etwas vollkommen Normales ist. Wenn überall ständig Leichenteile durch die Gegend fliegen, weil schon wieder eine Bombe explodiert ist, wenn man ständig über diese Leichenteile stolpert, dann ist es doch nur naheliegend, das jemand anfängt, sich um die nebensächlichsten aller Kollateralschäden zu kümmern.

Und das tut nun ausgerechnet ein Geschichtenerzähler namens Hadi. Der verkauft Trödel und Krempel, Bruchstücke, einer Großstadt im Auflösungsprozess. Ebenfalls aus gefundenen Realitätsbruchstücken fabriziert er Geschichten, um den Bewohnern dieser Großstadt im permanenten Zerstörungsprozess Geschichten zu servieren, die immerhin so etwas wie eine tröstliche Logik besitzen.

Die Schnurren des Trödlers Hadi sind erfunden oder zumindest manipuliert. Aber eine entspricht der Wahrheit: Die Geschichte vom „Soundso“, wie er ihn nennt, einem Homunculus, den er aus gefundenen Leichenteilen zusammengeflickt hat. Ein Frankenstein-Monster, dem nur noch eine Seele fehlt, um aufzustehen und loszugehen. Und ein paar Illusionen, um ihn als sehnsuchtsvolle Gestalt in das Leben der Menschen eintreten zu lassen. Seine belebende Seele bekommt der Zusammengeflickte vom Wachmann eines Hotels geschenkt, die Illusionen von den verzweifelten, desorientierten Menschen in der Gasse Nr. 7 – z.B. der alten Elischwa, einer Frau, die sich im Paralleluniversum ihrer Sehnsucht eingerichtet hat und glaubt, er sei ihr wieder auferstandener Sohn.

Das könnte nun tatsächlich eine eher private Geschichte werden, wenn der Soundso nicht zum Mörder würde: Vier Bettler bringt er zu Anfang um und setzt sie so hintereinander, dass jeder dem anderen mit beiden Händen an die Gurgel geht. Was für ein grausig-schönes Bild für eine Gesellschaft, die völlig aus den Fugen geraten ist!

Der Soundso ist ein wahrer Racheteufel: Als Frankenstein-Monster tötet er alle, die am Tod der Personen schuldig sind, aus deren Körperteilen er besteht. Ist das nun ein Motiv oder ein zufälliger Impuls? Wie sollen Polizisten dies ermitteln, zumal sie korrupt sind? Wie kann man als Beamter des Amts für Beobachtung und Beurteilung über etwas Phantastisches Informationen einholen? Indem man Astrologen als Informelle Mitarbeiter einsetzt, wie es Brigadier Surur Madschid tut?

Informationen mit Realitätsgehalt sind rar gesät in diesem Bagdad, das man als Irrenhaus bezeichnen würde, wenn es eine Relation zu so etwas wie Normalität gäbe. Gibt es aber nicht. Und das macht auch das Leben der Quasi-Hauptfigur so kompliziert: Machmud Sawadi ist Journalist. Davon ist er zumindest halbwegs überzeugt. Ja, er arbeitet bei der Zeitschrift al-Hakika (was lustigerweise „Tatsache“ heißt), ja er wird sogar zum Chef-Redakteur befördert. Aber warum eigentlich? Sein Chef Ali Bahir Saidi benutzt die Zeitschrift offenbar für zwielichtige Einflussnahme. Aber mit welchem Ziel? Wirtschaftlichen Profit, politische Karriere? Um Frauen zu beeindrucken?

Letzteres erscheint seinem ergebenen Gefolgsmann Machmud Sawadi am wahrscheinlichsten. Aber das liegt sicherlich nur daran, dass er sich in Nawal Wasir, die Gespielin des Chefs, verliebt hat. Die Existenz dieser scheinbar selbstbewussten Frau, macht ihm schwer zu schaffen. Sie regt seine Fantasie über Gebühr an, aber er bekommt sie einfach nicht zu fassen.

All diese Schicksale oder Typen sind Existenzformen einer Überlebenszone im Grenzbereich zwischen Zivilisation und Barbarei, im Dschungelkampf zwischen nacktem Überleben, hilflosem Begehren und ausgeklügeltem Machtstreben. Sie kreisen um den zusammengestümperten Homunculus, der das ver-rückte Leben im Bagdad der nie enden wollenden Nachkriegszeit noch mehr aus den Fugen bringt.

Von diesem beunruhigend real wirkenden Irrsinn, berichtet Ahmed Sawadi in seinem Roman in einer konsequent klaren Sprache, die den Leser zielsicher durch das verminte Terrain einer zerstörten Gesellschaft führt. Wie beiläufig führt er uns die ideellen und ideologischen Bruchstücke vor, die Splitterbomben des demolierten menschlichen Geistes, die am Wegesrand zu finden sind. Statt einer göttlichen Ariadne liefert hier ein monströser Frankenstein den roten Faden und zeigt, wohin es führt, wenn man dem Menschen erlaubt, alles in Fetzen zu Bomben.

Ganz sachlich erklärt an einer Stelle der Chefastrologe des Amtes für Beobachtung und Beurteilung dem verunsicherten Brigadier Madschid, worauf das ordnungsstrategische Handeln im 21. Jahrhundert basiert: „Wir sind irgendwie alle mitverantwortlich für das Entstehen dieses Monsters. Ich glaube, dass einige unserer Mitarbeiter an der Schaffung dieses Wesens mitgewirkt haben. Jemand hat angeregt, ein solches Wesen zu erschaffen, um Verbrechen zu verhindern, bevor sie geschehen. Es reicht ja nicht, ein Verbrechen vorherzusagen. Man sollte viel lieber den Verbrecher umbringen, bevor er zu einem solchen wird.“

Ahmed Saadawi wurde 1973 in Bagdad geboren und lebt noch immer dort. Dass er den Blick auf sein Land nicht aus dem Exil wirft, sondern in unmittelbarer Umgebung diese Geschichte erspürt hat, merkt man jedem Satz an. So phantastisch diese Geschichte anmuten mag, so unmittelbar trifft sie den Leser, dem hier kein tröstlicher orientalischer Diwan, sondern eine gnadenlos witzige Geschichte präsentiert wird, die dazu geeignet ist, jeden zuversichtlichen Blick auf das menschliche Treiben nachhaltig zu verätzen.

Robert Brack

  • Ahmed Saadawi: Frankenstein in Bagdad. Aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich. Assoziation A, München 2019. 295 Seiten, 22 Euro.

Robert Brack bereist Welten und Epochen in Büchern, entweder auf eigenem Ticket oder als blinder Passagier. Sein letzter Kriminalroman „Der Kommissar von St. Pauli“ (Ullstein Verlag) handelt von politischen Morden im Jahr 1931, ist also leider fast gar nicht historisch. Seine Texte  bei CrimeMag hier.

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