Geschrieben am 3. Oktober 2022 von für Crimemag, CrimeMag Oktober 2022

Frank Schorneck über „Ruhm für eine Nacht“

Blood-Sex-Death-Berlin

Geboren wurde Calla Henkel 1988 in Minneapolis und schon seit vielen Jahren ist sie in Berlin verwurzelt – ihr Romandebüt hat sie allerdings in ihrer Muttersprache verfasst. Die Welt, in der sie die Story angesiedelt hat, die vibrierende Kunst- und Partyszene Berlins um die 2010er Jahre, ist ihr gut bekannt: Als Autorin, Regisseurin, bildende Künstlerin und Dramatikerin war und ist sie in Berlin aktiv, hat unter anderem an der Volksbühne inszeniert und stand als bildende Künstlerin gemeinsam mit Max Pitegoff im vergangenen Jahr auf der Shortlist für den Preis der Nationalgalerie. Das Künstlerpaar lässt in seinen installatorischen und fotografischen Arbeiten die Grenzen zwischen Privatleben und Inszenierung verschwimmen und bricht Grenzen zwischen Genres auf: „We’re doing theater which isn’t art and we’re doing art that’s not theatre“. Und sie haben 2011 in Neukölln eine Bar für die Berliner Expat-Kunstszene betrieben – seit 2019 bereichern sie mit der Künstlerbar TV das Nachtleben Schönebergs.

Viele dieser Elemente tauchen auch in „Ruhm für eine Nacht“ auf und so wirkt der Roman wie eine Erweiterung der inszenatorisch-künstlerischen Arbeiten Henkels auf literarischer Ebene. Ich-Erzählerin Zoe, Kunststudentin in New York, will der dortigen Szene entkommen: einer nervig-testosterongesteuerten Bildhauergang – aber vor allem den Erinnerungen an ihre Freundin Ivy entfliehen, die einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen ist. In Berlin trifft sie auf Hailey, die ebenfalls ein Auslandssemester einlegt. Die beiden Studentinnen werden übers Netz auf eine Wohnung in Schöneberg aufmerksam, die von der Krimi-Autorin Beatrice Beck zur Untermiete angeboten wird (wer der Wegbeschreibung im Roman auf google-Maps folgt, stößt auf die Galerie Eden Eden, in der Henkel & Pitegoff schon einmal ausgestellt haben). Die Uni fordert die beiden Studentinnen kaum und sie genießen lieber das Nachtleben nach dem Motto „eine verlorene Nacht in Berlin ist eine verlorene Nacht in Berlin“. An der Tür des Berghain scheitern die beiden kläglich – und als sich Indizien dafür häufen, dass Schrifstellerin Beatrice, die offiziell ein Stipendium im Ausland angetreten hat, die beiden heimlich beobachtet und möglicherweise als Inspiration für ihren nächsten Roman nutzen will, reift ein folgenschwerer Plan: Hailey, die sich der Konzeptkunst verpflichtet fühlt, will Beatrice eine ausschweifende, dramatische Inszenierung bieten. Die Wohnung in dem ansonsten unbewohnten Gebäude wird kurzerhand zweckentfremdet zu einem illegalen Club und in kürzester Zeit zu einem absoluten In-Spot. Alkohol, Glückspiel, Drogen, Sex bilden die Achse, um die herum sich das Geschehen immer ekstatischer dreht. Bis eines Tages Hailey in Lachen von Kunstblut gefunden wird, aber wirklich tot ist. Es ist nicht gerade hilfreich, dass die beiden Frauen sich vorher zerstritten haben und Zoes Alibi dürftig ist.

Henkel versteht sich darauf, die Story in sich zirkulierend aufzubauen. Nach und nach erfährt man Details über Zoes frühere Freundin Ivy und eine gewisse Besessenheit, die Zoe für sie entwickelt hat. Der Originaltitel des Romans, „Other People’s Clothes“ weist auf diese Obsession bereits hin. Zoe orientiert sich in Kleidungsstil und Frisur an Ivy, und nachdem diese erstochen wurde, trägt Zoe nicht nur Ivys Kleider auf, sondern schläft direkt nach dem Trauergottesdienst mit Ivys Ex-Freund. Und auch in der Freundschaft zu Hailey agiert sie ähnlich. Das Überstülpen anderer Charaktere mittels Perücken oder Kleidung ist ein wiederkehrendes Motiv des Romans, das sich nicht nur auf Zoe beschränkt. Ob man Eintritt in einen angesagten Club begehrt, oder ob man selbst als Gastgeberin Eindruck schinden will – stets steht die Frage nach der Garderobe im Fokus, das Spiel mit Identitäten, das bis zur Selbstaufgabe durchexerziert werden kann.

Immer wieder werden die Klatschspalten der Nachrichten zitiert, die beherrscht werden vom Fall Amanda Knox, der Zoe rätselhaft anzuziehen scheint. Ist Zoe eine Psychopatin? Niemand glaubt ihr, dass die Krimi-Autorin Beatrix etwas mit Haileys Tod zu tun haben könnte. Und die Einstiche in Haileys Körper entsprechen demselben Muster wie denen in Ivys Leiche…

In einem Zitat auf dem Schutzumschlag wird der Roman als „Thriller“ bezeichnet, was definitiv in die falsche Richtung weist. Die Story zehrt weniger an den Nerven, sondern bietet ein solides Krimi-Puzzle, das zugleich bissig die Kunst- und Partyszene, (Selbst-)Inszenierungen auf Social Media und Publicitysucht aufs Korn nimmt und noch im allerletzten Wort eine Überraschung bietet.

Calla Henkel: Ruhm für eine Nacht. Deutsch von Verena Kilchling. Kein & Aber, Zürich 2022. 448 Seiten, 25 Euro.

Tags : ,