Geschrieben am 1. Februar 2022 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2022

Frank Schorneck über „Love“ von Roddy Doyle

Just Talking?

Irgendwo auf der Welt gibt es den einen, der nur zur Dir passt, der einfach perfekt ist, dem Du ewige Treue schwörst und mit dem Du alt werden willst. Du findest ihn nicht durch angestrengtes Suchen, sondern eines Tages öffnet sich wie durch Zauberhand eine Tür und Du weißt, Du hast ihn gefunden: Den Pub, in dem Du nicht bloß Gast bist, sondern zuhause. 

David und Joe haben ihn gefunden, in ihren frühen Zwanzigern, auf einer ausgedehnten Zechtour durch die Nebenstraßen Dublins:

„Es war das erste Mal, dass uns ein Barmann anlächelte. 
– Gentlemen, sagte er.
Er freute sich, uns zu sehen.
Wir blieben Monate.“

Mittlerweile sind die beiden Männer um die Sechzig, David lebt seit einigen Jahren in England und man sieht sich nur noch sporadisch. Die Zeit und die räumliche Trennung haben deutliche Spuren in der Freundschaft hinterlassen, als sich die beiden an diesem Abend in Dublin wieder gegenüber sitzen. Eine spröde Mischung aus echter Wiedersehensfreude und bloßem Pflichttermin kennzeichnet das Gespräch, das immer wieder ins Stocken gerät. Dabei kann Joe durchaus mit einer ungewöhnlichen Geschichte punkten: Er hat nach Jahrzehnten – und nach Gründung einer Familie – die Liebe seines Lebens wiedergetroffen. Nachdem David zunächst den Anschein erweckt, sich nicht an die junge Musikerin von damals erinnern zu können, kristallisiert sich heraus, dass die jungen Männer sie beide angehimmelt hatten. Da flackert kurz die Möglichkeit eines Eifersuchtsdramas auf und der Rezensent ertappt sich dabei, die Dreiecksgeschichte in Gedanken so weiterzuspinnen, wie es Julian Barnes, der britische Meister der Schilderung zwischenmenschlicher Abgründe, angelegt hätte. Doch Doyle legt hier die Fäden für mögliche Handlungsstränge aus, denen er nicht weiter folgt. Nicht nur in dieser Beziehung bricht er jegliche Erwartungshaltung an eine Geschichte mit traditionellem Spannungsbogen.

„Love. Alles, was du liebst“ lebt vielmehr von der Verzahnung unterschiedlicher Lebens- und Liebesentwürfe – es ist ein Stream of Consciousness, dicht wie Guinnessschaum, der durch den Dialog der beiden Männer im Fluss gehalten wird. Während Joe erzählt, wie sich das alte Gefühl in seine bis dahin glückliche Ehe schlich, denkt David an seine eigene Ehe. Doch im Gegensatz zu Joe und seinem ungebremsten Mitteilungsbedürfnis bleibt David verschlossen. Was er von sich und seiner aktuellen Situation erzählt, erschöpft sich in Allgemeinplätzen – dabei wird im Laufe des Abends immer deutlicher, dass er nichts dringender braucht als einen Gesprächspartner, dem er sich öffnen und anvertrauen kann. Während wir den Männern von einem Pub in den nächsten folgen, werden sie nicht stetig betrunkener, sondern pendeln auf dem schmalen Grat zwischen Berauschtheit und Nüchternheit, ja Ernüchterung. Sogar eine gewisse Aggressivität schleicht sich bisweilen ein. 

Roddy Doyle ist ein ausgemachter Meister des (Kneipen-)Dialogs. Seine „Barrytown“-Trilogie hat dies in Romanform eindrücklich bewiesen und die bislang nicht auf Deutsch vorliegenden „Two Pints“-Dialoge zum Zeitgeschehen suchen ihresgleichen. Witz und Melancholie, Begehren und Verlust liegen auch hier nah beieinander. Mit der Kneipentour versucht sich David auch davon abzulenken, dass sein Vater im Hospiz im Sterben liegt und es dauert bis in den frühen Morgen, bis er sich Joe in ungelenken Worten anvertraut. Allein ist er der Situation nicht gewachsen, aber kann der Freund aus Jugendzeiten die richtige Begleitung sein?

„Ich wollte ihn dabeihaben.
Und ich wollte ihn nicht dabeihaben.“

In der nicht ganz einfachen Männerfreundschaft spiegelt sich auch eine schwierige Vater-Sohn-Beziehung, die nur zwischen den Zeilen erzählt wird. 

„Love“ erzählt von der Liebe in all ihren Ausprägungen. Die Männer schwärmen von ihrer Jugendliebe, sinnieren über ihre Ehen zwischen sentimentaler Erinnerung und Routine. Die Liebe zu den Kindern lässt sie melancholisch werden, die Liebe zu den Eltern führt die eigene Vergänglichkeit vor Augen. Und natürlich ist da auch die Liebe zwischen Freunden und die Liebe zu einem Ort: Dublin und seinen Theken. „Love“ erzählt davon, wie man mit vielen Worten um die eigentlichen Themen herumreden kann. Und wie man letztlich keine Worte braucht, wenn es drauf ankommt – wenn man einander vertraut.

Wer kann, sollte den Roman im Original lesen. Sabine Längsfeld trifft zwar in ihrer Übersetzung den Tonfall insgesamt sehr gut, doch die typisch lakonische Kürze der Dialoge lässt sich nur schwer ins Deutsche übertragen. Wenn aus einem „Just fuckin‘ listen“ ein „Hör zu, Scheiße nochmal“ wird, ist das nur ein kleines Beispiel, wie sperrig die deutsche Sprache sein kann, wenn es um saftiges, aber eher beiläufiges Fluchen geht. Roddy Doyles Original ist direkt dem irischen Pub abgelauscht, die einzelnen Sätze schmecken nach Guinness und Whiskey – die deutsche Übersetzung kann Noten von Pils und Korn nicht ganz verleugnen.

Frank Schorneck

Roddy Doyle: Love. Alles was du liebst (Love, 2021). Deutsch von Sabine Längsfeld. Jumbo Neue Medien & Verlag, Hamburg 2021. 352 Seiten, 22 Euro.

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