Geschrieben am 1. Oktober 2021 von für Crimemag, CrimeMag Oktober 2021

Frank Schorneck über das Debüt von Stefanie vor Schulte

Erzählte Gemälde

Erst kürzlich wurde im Feuilleton einer großen deutschen Sonntagszeitung die Verdorfung der deutschsprachigen Literatur diagnostiziert – und wie um das zu bestätigen, beginnt auch der Debütroman der 1974 geborenen Stefanie vor Schulte auf einem Dorfplatz. Aber die Geschichte, die sie erzählt, setzt sich in Stil und Sujet gewaltig von aktuellen literarischen Trends ab. 

Ein Maler trifft im Dorf ein, er hat den Auftrag, ein Altarbild in der Kirche zu fertigen. Doch das Kirchtor ist verschlossen und der Schlüssel verschwunden. Darf man die Tür eintreten, ein Fenster einwerfen? Die ebenso gottesfürchtigen wie tumben Dörfler sind ratlos. Der Pfarrer ist verstorben und wer will schon bei aufziehendem Gewitter über die Felder zum Leihpfarrer im Nachbarort laufen? Nur einer traut sich: Der 11-jährige Martin, ein Außenseiter, der stets einen schwarzen Hahn bei sich trägt. Mal auf der Schulter, mal unter dem Hemd: Das Tier ist sein steter Gefährte und Freund. Mehr ist ihm nicht geblieben, seit der Vater damals zum Beil griff und bis auf den Dreijährigen die ganze Familie auslöschte.

Zeit und Ort des Romans werden nie genannt. Die Sprache mutet altertümlich an, ohne jedoch ein konkretes Zeitalters zu evozieren. Die Welt Martins ist eindeutig vorindustriell: Reiter, Fürsten, vor Unrat stinkende Straßen, Gaukler und Aberglaube erwecken eine Atmosphäre, die irgendwo zwischen Mittelalter und früher Neuzeit angesiedelt zu sein scheint und nicht zuletzt durch sprechende Tiere und Wunder märchenhafte Züge trägt. Dabei zeugt Schultes Prosa von weniger Kunstwillen als Schneiders „Schlafes Bruder“ oder Kehlmanns „Tyll“, entwickelt aber gerade durch die nur leichte Verschiebung ins Altertümliche einen ganz eigenen Sog.

Martin weiß, dass die Antwort des Pfarrers („Gott ist egal, ob die Tür aufgeschlossen oder eingetreten wird“) die Dörfler nicht zufriedenstellen wird. Daher erzählt er ihnen stattdessen, dass in das große Tor eine zweite, gottgefällig bescheidene Tür einzubauen sei. Diese anfängliche Episode mäandert zwischen Eulenspiegelei und Schildbürgertum. Sie setzt den Tonfall für den Roman, der ironisch-humorvoll zu sein scheint, obwohl doch die Handlung immer düsterer wird. Den bigotten Dörflern wird der Spiegel vorgehalten, ohne dass ihnen dies bewusst wird. Die Dörfler halten den Jungen für zurückgeblieben, verrückt geworden zwischen den Leichen der Geschwister. Doch tatsächlich ist er ein Kind von besonderer Schläue und ausgeprägtem Wissensdurst. Der vermeintliche Einfallspinsel, der sich als schlauer als die anderen erweist – auch dies ist ein bekannter Topos der Literatur. Einem durch Zufall gefundenen Totenkopf rückt er mit dem genauen Blick eines sehr frühen Forensikers auf die ungewöhnlich geborstene Schädeldecke. Er stellt unangenehme Fragen und macht sich damit keine Freunde. Nur der Maler erkennt Martins Potential und nimmt ihn bei der Abreise unter seine Fittiche. 

Die Reise durch ein von Krieg und Armut verwüstetes Land hält arge Prüfungen für das vorgebliche Vater-Sohn-Gespann bereit: Das forensische Gespür Martins bewahrt den Maler vor einem wütenden Lynchmob. Er betätigt sich gar als Heiler, während sie sich auf der Spur unheimlicher Reiter befinden, die Kinder aus den Dörfern rauben. Und schließlich wird sich sogar der Kreis zum irren Amoklauf des Vaters schließen, wenn Martin sein reines Herz einsetzt, um einen grausamen Spuk zu beenden.

In düsteren Farben malt Stefanie vor Schulte morbide allegorische Gemälde zwischen Brueghel und Bosch. Der Armut und Hunger leidenden einfachen Bevölkerung steht ein Adel gegenüber, der mit aller Gewalt an seiner Macht festhalten will – bis hin zu einer Fürstin, für die Lewis Carrolls Herzkönigin aus dem Wunderland Patin gestanden haben dürfte. Dass die Autorin gelernte Bühnen- und Kostümbildnerin ist, klingt in den Arrangements, in denen sie ihre Figuren aufstellt, an. Eine solche Bildgewalt, die sich im Hinterkopf festkrallt, sucht in den Neuerscheinungen der letzten Jahre ihresgleichen.

Frank Schorneck

Stefanie vor Schulte: Junge mit schwarzem Hahn. Diogenes Verlag, Zürich 2021. 224 Seiten, 22 Euro.

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