Geschrieben am 1. Mai 2022 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2022

Frank Rumpel über „Frenzel“

Aus der Balance

Erst Meier, jetzt Frenzel. Man muss sie nicht unbedingt vergleichen, aber sie haben schon einiges gemeinsam. In seinem neuen Roman erzählt der fränkische Autor Tommie Goerz, der seit Jahren an einer Reihe um seinen Nürnberger Kommissar mit dem sprechenden Namen Friedo Behütuns schreibt, noch einmal lakonisch und entspannt von einem, der seine Balance verloren hat und an den gesellschaftlichen Rand gerutscht ist. Meier hieß er im grandiosen und voriges Jahr mit dem Glauser ausgezeichneten Vorgängerroman, Frenzel nun jener, der neun Jahre wegen schwerer Körperverletzung mit Todesfolge saß. Als Türsteher hatte er etwas zu hart zugeschlagen. Er war nicht ganz nüchtern gewesen, hatte ignoriert, dass er reizbar war, wenn er trank. Keine gute Voraussetzung für den Job. Die Zeit im Knast nutzte er, um sich neu zu justieren. Wieder draußen, trinkt er nicht mehr, versucht sich an einem ruhigen Leben. Die von seinem Vater vermachten Lottomillionen erlauben ihm eine gewisse Unabhängigkeit – die ihn vielen jedoch verdächtig machen. Wo er sich auch niederlässt, graben die Ängstlichen und die Neider seine Vergangenheit aus. Aber gefallen lassen will sich dieser Frenzel nichts mehr. 

„Neun Jahre Knast. Was er dort lernte, konnten die draußen gar nicht. Sich einfach einmal hinzusetzen und nichts zu tun. Gar nichts. Den Tag zu Ende gehen lassen, der Dämmerung zusehen, dem Kommen der Nacht. Über Stunden.“ Und genau das macht Frenzel, frönt diesem vollkommen analogen Vergnügen, sitzt still da, sieht, wo etwas schief läuft und macht sich Notizen – nur für alle Fälle. Denn Frenzel will sich absichern gegen die Willkür, die Dummheit, die Gehässigkeit der Welt. Einer seiner scheinheiligen Nachbarn hat Asbestplatten im Wald entsorgt, ein Lehrer misshandelt seine Kinder, ein Anwalt macht mit einem Autoschieber gemeinsame Sache. Frenzel zwingt ihnen einen Deal auf: Wenn er sie mal braucht, haben sie da zu sein. Das ist nützlich, weil er eigene Ermittlungen zu ein paar Todesfällen in seinem Umfeld anstellt, bei denen die Polizei jeweils mit der einfachsten Erklärung zufrieden war. 

Anders als Meier, der gewieft jene in eine Falle lockt, die ihn unschuldig ins Gefängnis brachten, versucht dieser seit Jugendtagen aus dem Tritt geratene Frenzel etwas nachzuholen und für etwas Gerechtigkeit zu sorgen. Dabei ist ihm wohl bewusst, dass er sich auch eine Menge Feinde macht.

Es ist nicht zuletzt dieses sehr fragile, kaum zu justierende Gleichgewicht, von dem Tommie Goerz, der eigentlich Marius Kliesch heißt, hier in einem ruhigen und prägnanten Duktus mit viel Sinn für komische und auch fein zugespitzte alltägliche Situationen erzählt. Hie und da gerät ihm das auch mal eine Spur zu passend, was der Geschichte etwas Fahrt und Plausibilität nimmt. Und doch macht es Spaß, diesem Frenzel zu folgen, der ein Unangepasster ist, einer, der mit einem robusten Ansatz etwas Ordnung schaffen will. Einen Fuß bekommt er damit nicht auf den Boden. Meist muss er gleich wieder seine Tasche packen und froh sein, dass er wegkommt. 

Tommie Goerz: Frenzel. Ars Vivendi, Cadolzburg 2022. 184 Seiten, 20 Euro.

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