Geschrieben am 1. Mai 2022 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2022

Frank Rumpel: Tanguy Viel

Haarsträubende Entscheidungen

Was ihn beim Schreiben wirklich interessiere, sagte der bretonische Autor Tanguy Viel einmal in einem Interview, sei nicht der rohe Handlungsstoff, „sondern der Prozess der Verwandlung: von einer komplizierten, intellektuellen Problematik hin zur Einfachheit der Dinge“.  Das kann schiefgehen, doch ein gewiefter Erzähler, wie Tanguy Viel, schafft das in der Regel. In seinem aktuellen Roman erzählt er von Machtmissbrauch und Missverständnissen, von Naivität und radikalen Entscheidungen. 

Im Zentrum steht eine junge, dunkelhäutige Frau, Anfang 20, die ihre Geschichte zwei Polizisten erzählt. Doch die beiden Beamte sind skeptisch, können kaum glauben, was sie da hören, denn der, um den es da geht, ist der ehemalige Bürgermeister des Städtchens, der inzwischen zum Minister aufgestiegen ist. Auch deshalb wägen sie ihr Gegenüber ab, „wie eine exotische Frucht auf einer Lebensmittelwaage“. Diese abschätzenden Blicke ist Laura Le Corre, so heißt die junge Frau, gewohnt, arbeitete sie doch einige Jahre als Model. Nun will sie in ihrer Heimatstadt neu anfangen. Ihr Vater Max versucht ihr dabei zu helfen. Er war mal ein berühmter Boxer. Inzwischen ist er Fahrer für den Bürgermeister und bittet diesen, ein Wort für seine Tochter einzulegen, damit sie rasch eine Wohnung findet. Laura kommt gut allein zurecht, meldet sich aber ihrem Vater zuliebe herausgeputzt beim Bürgermeister. Und der wiederum meint, eine Gelegenheit zu erkennen. Er vermittelt ihr eine Wohnung und sogar einen Job im örtlichen Casino – und nötigt Laura dafür zum Sex. Die nimmt es als Teil eines Deals hin, der ihr auch in ihrem bisherigen Leben als Model schon begegnete und rutscht in ein so seltsames, wie kompliziertes Abhängigkeitsverhältnis. Lauras Vater Max ahnt davon nichts. Und als er es erfährt, bricht für ihn eine Welt zusammen – zeitgleich mit den letzten Ambitionen, die er als Boxer noch hatte. Das will er aber auf gar keinen Fall so stehen lassen. 

Der 1973 im bretonischen Brest geborene Tanguy Viel macht aus diesem Stoff eine pointierte, bei aller Absehbarkeit immer wieder auch überraschenden Erzählung. Dafür reichen ihm übrigens schlanke 154 Seiten, auf denen der Autor seinen Stoff weit auffächert. Während Laura bei der Polizei in furchtloser Offenheit ihre Geschichte erzählt, zeigt sie eine Persönlichkeit, in der sich eine gewisse Naivität und etliche Widersprüche finden, eine Mischung, die immer wieder zu haarsträubenden Entscheidungen führt. Mit leisem Humor fängt Tanguy Viel dabei manches Klischee auf. Daneben sind da die Perspektive ihres Vaters, des Bürgermeisters, des Casinobesitzers – und auch jene des Erzählers selbst, der hie und da anmerkt, was eine gute Geschichte an dieser und jener Stelle unbedingt braucht und damit für Distanz sorgt. 

Tanguy Viel erzählt elegant, bildreich und in diesem (dank dem Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel) unverkennbar feingliedrigen Ton von einer am Ende doch durchsetzungsstarken Frau, die aber an  selbstbewussten Männerbündnissen scheitert. Der Casinobetreiber Franck, der „am ganzen Leib diese unbehauste Brutalität ausschwitzte“, hält still, weil ihn mit dem Bürgermeister eine, langjährige Freundschaft verbindet. Der Staatsanwalt versucht den Fall juristisch klein zu kochen und einen Skandal zu verhindern. Der Bürgermeister ist ein Egomane und ein Strippenzieher, der Deals demokratischen Prozessen vorzieht – und damit prompt Karriere macht. Es sind gerade diese problematischen, festgefahrenen gesellschaftlichen Strukturen, um die es Tanguy Viel hier geht. Dafür überzeichnet er, spitzt zu, packt das alles in eine konzentrierte, schillernde Geschichte. 

Tanguy Viel: Das Mädchen, das man ruft (La fille qu’on appelle, 2021). Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Wagenbach-Verlag, Berlin 2022. 154 Seiten, 20 Euro.

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