Fortsetzungsroman: Diez Negritos – Ein ekelhafter Leichnam (6)


Der Roman: Ein ekelhafter Leichnam (Un cadáver asqueroso)

- Vergangenes Jahr begannen die Diez Negritos einen Online-Krimi zu verfassen. In ironischer Anlehnung an die surrealistische Methode des cadavre exquis („köstlicher Leichnahm“) betiteln sie ihren Gemeinschaftsroman mit „Ein ekelhafter Leichnam“ („Un cadáver asqueroso“); und tatsächlich präsentiert uns im ersten Kapitel ein Gerichtsmediziner einen unerklärlich ekelhaften Leichnam in einer Stadt, die Merkmale von allen möglichen hat und keine einzige ist …

Nach der Maxime von Paco Ignacio Taibo II, derzufolge die Anarchie die einzige natürliche Ordnung ist, folgt der Roman keinem vorgefertigten Plan und daher dürfen wir sicher mit der einen oder anderen Überraschung rechnen.

Die Autoren: Diez Negritos

Zehn spanischsprachige (Krimi-)Autoren haben sich im März 2009 unter der Koordination des französischen Literaturwissenschaftlers, Kritikers und Autors Sébastien Rutés zusammengeschlossen, um ein gemeinsames Blog zu verfassen: Paco Ignacio Taibo II, Antonio Lozano, Carlos Salem, Eduardo Monteverde, Juan Hernández Luna, Lorenzo Lunar, Rebeca Mugra, Sébastien Rutés, Jorge Belarmino Fernández und Juan Ramón Biedma. Im Sommer 2009 stießen die Spanierin Cristina Fallarás, der Italiener Bruno Arpaia und der Mexikaner Jorge Moch dazu, sodass aus den zehn kleinen Negerlein dreizehn wurden. Leider schrumpfte die Zahl im Juli dieses Jahres durch den unerwarteten Tod von Juan Hernández Luna jedoch wieder auf zwölf.

Mit der Bezeichnung „Diez Negritos“ („Zehn kleine Negerlein“) spielen die Autoren nicht nur auf das Kinderlied, sondern auch auf den Roman „Ten Little Niggers“ von Agatha Christie an. Des Weiteren sind mit „Negritos“ natürlich die Verfasser von novelas negras (Kriminalromanen) gemeint. Das Gemeinschaftsblog ist in erster Linie ein Ort der Diskussion über Kriminalliteratur aber auch über viele angrenzende Themen und wird von dem französischen Verlag L’Atinoir unterstützt. Laufend publizieren die Autoren dort Essays, Erzählungen, Gedichte, Fotos, Zeichnungen, Gemälde, Kommentare, autobiografische Notizen …

Zu Teil 1, zu Teil 2, Teil 3, Teil 4 und Teil 5

VI

Der Nebel hinterließ ein Pfeifen in meiner Brust

Juan Ramón Biedma

Übersetzt von Dorothee Calvillo

Sielanka kommt eben aus dem Institut für Pathologie und Rechtsmedizin, sie bleibt kurz stehen, um ihren Mantelkragen hochzuschlagen, jedoch nicht schnell genug; ein Mundvoll nächtlichen Nebels vom Père-Lachaise, dem nur wenige Schritte entfernten städtischen Friedhof von Ninguna, verfängt sich in ihren oxydierten Bronchien und verwandelt sich dort in ein kaum merkliches Knarren, das ihr bei jedem weiteren Schritt zur Bushaltestelle ein wenig Luft rauben wird.

So nah an den Gräbern malt sie sich aus, wie der Tod sie selbst ereilt, hier an Ort und Stelle, und sogar der Schatten ihrer Seele nach wenigen Augenblicken verwest, weil sie fast ihr ganzes Leben lang tat, was sie tat.

Sie lächelt.

— o —

Schon wieder blickt Sandra auf ihre Uhr, ein Geschenk von Sonia, und stampft vor Wut auf; sie ist zwar nicht in Eile, eigentlich müsste es sogar noch eine gute Weile dauern, bis diese Frau nach der Arbeit zu Hause eintrifft, doch sie wartet schon seit beinahe fünf Minuten darauf, dass einer der neun Aufzüge sie endlich aus dem vierundachtzigsten Stockwerk der Konzernzentrale des Grupo Zócalo retten möge und wagt nicht einmal daran zu denken, dass ihre Chefin aus dem Büro treten und glauben könnte, Sandra streiche um sie herum wie eine notleidende Seele.

Sonia, geschäftsführende Direktorin und Mitglied im Aufsichtsrat des Konzerns, ist für sie weit mehr als eine Chefin, sie ist der einzige Mensch auf der Welt, dem sie sich wirklich verpflichtet fühlt, mehr als dies ihre Aufgaben oder die Firma erfordern, weit mehr auch, als sie sich eingestehen will. Heute hat Sonia sie nicht einmal empfangen wollen. Mit verhohlener Missachtung hatte die Vorstandssekretärin sie stundenlang im Warteraum sitzen lassen, obwohl Sandra ihr zu verstehen gab, dass sie eine äußerst wichtige Information weitergeben musste und Sonia bisher immer bereit gewesen war, einen Augenblick, ein paar Worte, jenes gewisse Lächeln für sie zu erübrigen, doch dann gelang es ihr schließlich, sie abzufangen als sie sich eben von einem der Besucher verabschiedete.

„Ich muss mit dir reden“, sagte Sandra und trat erwartungsvoll auf sie zu.

„Was gibt’s?“, lautete die Antwort, ohne jegliche Anstalten, sie ins Büro hineinzulassen. Distanziert, aber freundlich, und gerade deshalb umso distanzierter.

„Es geht um die Sache mit dem Foto.“ Sandra hat die Stimme gesenkt. „Ich weiß jetzt, wie …“

„Nein. Um diese Angelegenheit kümmere ich mich selber. Wenn du irgendwas in die Wege geleitet hast, dann mach es rückgängig.“ Ohne sie anzusehen.

„Du meintest doch, die Sache hätte höchste Priorität …“

„Wenn sich etwas ändert, gebe ich dir Bescheid.“

Sie zuckte kaum merklich mit den Schultern, verschwand wieder in ihrem Büro  und nahm dabei all das Geheimnisvolle und Dringliche mit, das sie nur wenige Tage zuvor verbreitet hatte, als sie Sandra in ihr Büro bat und aufforderte, vor dem vollkommen leeren Schreibtisch Platz zu nehmen, auf dem nur das Foto eines Mannes lag; eines Mannes, der beseitigt werden musste; nicht verschwinden sollte er, sondern ausgelöscht werden, als hätte er niemals existiert; und zwar um jeden Preis.

Sieben Minuten später ist noch immer kein Aufzug angekommen und Sandra beginnt allmählich zu verzweifeln in ihrer Furcht, Sonia könne noch einmal aus dem Büro treten und bemerken, dass sie nach wie vor dort steht, als wolle sie nachhaken oder ihr Vorwürfe machen. Sie weiß, dass ihre Chefin solch ein Verhalten nicht duldet, alles weiß sie über Sonia, jedenfalls glaubt sie das inzwischen.

So bleibt ihr nur diese eine Möglichkeit, die ihr zunächst wie eine Selbstbelustigung, doch dann als die Lösung erscheint, die ihr sofort hätte einfallen sollen.

SALIDA DE EMERGENCIAS – NOTAUSGANG. Als sie das Sicherheitsschloss der Tür öffnet und beginnt, die Stufen hinabzusteigen, wird ihr die Doppeldeutigkeit der Aufschrift bewusst. Vierundachtzig Etagen sind überhaupt nichts. Auf diese Weise hatte Sonia sie noch nie angesehen oder den Blick von ihr abgewandt. Sie wünschte, diese Stufen könnten sie in einen weit tieferen Abgrund führen.

— o —

Sielanka umklammert im Bus die Haltestange und hustet, sie genießt die Kälte, sie trägt nur ihren Putzkittel von der Arbeit als Reinigungskraft in der Pathologie, sie legt ihn nicht einmal zum Schlafen ab, seit sie vor ein paar Tagen diese Stelle ergattert oder vielmehr erschwindelt hat, dazu den alten, abgetragenen Kamelhaarmantel, der wie jedes ihrer Kleidungsstücke von einem Toten stammt. Nie zieht sie Unterwäsche an, seit Jahren rasiert sie sich weder die Beine noch die Achseln oder Leisten, seit Wochen wäscht sie sich nicht mehr, seit vier Tagen verzichtet sie auf jegliche Nahrung außer saurer Milch. So versucht sie, ihre Kräfte zu steigern. Vergangene Nacht träumte sie davon, wie sich ihre Füße in der Leiche eines Neugeborenen verhedderten, als sie gerade einen Flur entlang lief. Sie ist auf dem richtigen Weg.

Sicher wäre sie in ihrer weißrussischen Heimat nicht unerkannt davongekommen, schon längst hätte man sie den Hunden zum Fraße vorgeworfen, aber diese Dummköpfe in Ninguna waren unfähig, sie zu sehen, für die war sie nichts weiter als noch eine Immigrantin mehr, verloren in den Gezeiten der Zu- und Abwandernden, die heranschwappten, um sich unter ihren Leuten zu verlieren; deshalb fühlt sie sich in diesem Land so wohl. Genau so ein Drecksland brauchte sie. Durch das Fenster sieht sie die Calle Corrida, gleich ist sie in ihrer Wohnung. Sie stellt sich vor, wie sie haufenweise Ameisen kaut, der Saft trieft ihr dabei vom Kinn. In dieser Nacht hat sie viel vor.

— o —

Sandra ist außer Atem, sie schält sich aus ihrem bordeauxroten, knöchellangen  Ledermantel und wirft ihn sich über die Schulter, sie entledigt sich der Zeitung, auf deren Titelseite zum ersten Mal seit Tagen die Rede von etwas anderem ist als dem Attentat auf das Institut für Pathologie und Rechtsmedizin und schiebt das Päckchen Zigaretten in ihre Tasche zurück, obwohl sie eigentlich hatte rauchen wollen. Die ersten sechs Etagen gingen mühelos, doch nun beginnen ihre Waden zu schmerzen, sie bekommt allmählich keine Luft mehr und der Drang zu urinieren ist so stark, dass sie ihm kaum noch widerstehen kann.

Seit ihre Chefin jene Machenschaften in Ciudad Juárez eingefädelt hatte, war sie einfach nicht mehr dieselbe; dieses Viertel am äußersten Stadtrand von Ninguna, noch gefährlicher als Cañada Real und Tresmilviviendas und eigentlich ein abwegiger Standort für die Montagebetriebe des Grupo Zócalo, war für Sonia zur persönlichen Herausforderung geworden.

Stets sollte Sandra von dem Projekt ferngehalten werden, doch sie weiß, dass sich in dem Viertel namens Ciudad Juárez der Schlüssel zu der undurchsichtigen Angelegenheit verbirgt, in welche die Firma seit einiger Zeit verstrickt ist und die am Ende zum  Identitätswechsel des Mannes auf dem Foto führte.

Schweigsam liegen das metallene Treppengeländer, die einfarbigen Wände und die eingebauten Deckenleuchten im Halbdunkel und gaukeln ihr vor, im Inneren eines verlassenen Raumschiffs umherzulaufen, in dessen Tiefen ein Monster lauert. Sie versucht, sich zu beruhigen. Wieder und wieder schaut sie auf die Uhr und redet sich ein, dass diese Frau eben erst zu Hause angekommen sein und sie noch nicht dort anrufen kann, um ihren Auftrag zurückzunehmen. Rätselhafterweise scheint jede Stufe sie weiter hinauf- statt hinabzuführen, einem Schicksal entgegen, dem sie um alles in der Welt entrinnen will.

— o —

Sielanka vollendet den ypsilonförmigen Einschnitt in den toten Katzenkörper, der auf ein- und demselben Regal im Kühlschrank lagerte wie der zwei Monate alte, grünlich überzogene Kartoffelsalat. Als sie das in der Pathologie gestohlene Skalpell auf die Arbeitsfläche in der Küche fallen lässt, prallt das Werkzeug an der Schere ab und macht einen Satz, als wolle es sie attackieren; obwohl sie rasch ausweicht, ritzt ihr die Klinge in den Knöchel, bevor sie am Boden aufkommt.

Sein Foto, das sie von ihrer Auftraggeberin bekam, dieser eleganten und so konfusen jungen Frau, hat sie mit einem Klebestreifen über der Spüle befestigt.

Sie ahnt, dass etwas misslingen wird. Auf ihrem Knöchel zeichnet sich ein S ab, aus dem das Blut zu quellen beginnt. Sie blickt das Telefon an und wartet. Dann wieder das Foto. Oft genug hat sie darauf hingewiesen, dass es keinen Weg zurück geben würde, wenn die Transformation erst einmal begonnen hätte.

— o —

Schwitzend zieht Sandra sogar in Erwägung umzukehren, die dreiundzwanzig Stockwerke wieder hinaufzusteigen und die Toilette neben ihrem Büro anzusteuern; doch am einfachsten und besten wäre es, eine Toilette auf dieser Etage zu suchen. Sie kann keinen Schritt mehr tun. Sie sollte endlich diese Frau anrufen. Nicht einmal mehr denken kann sie. Nein, am einfachsten und besten ist etwas anderes. Den Mantel hängt sie über das Treppengeländer, sucht sich eine Ecke, lässt die Hose und die Unterhose hinunter und pinkelt wie nie zuvor in ihrem Leben, ohne auch nur daran zu denken, dass sie entdeckt werden oder ihre schwarzen Wildlederschuhe beschmutzen könnte, für die sie den doppelten Monatslohn eines beliebigen Verwaltungsangestellten bezahlt hat. Sehr selten in ihrem Leben hat sie etwas Derartiges getan, immer hat sie versucht sich anzupassen, es sei denn, Sonia bat sie um das Gegenteil. Sie erinnert sich daran, wie sie alles stehen und liegen gelassen hatte, um ihrer Chefin in diese neue Firma zu folgen, wo sie ihre persönliche Assistentin, ihre Vertrauensperson sein würde…

Schwerelos hüpft sie die nächsten fünf Stockwerke hinab, beim sechsten geht es nur noch sehr langsam, im nächsten schließlich setzt sie sich auf eine Stufe und möchte nichts als weinen, sich die Augen aus dem Kopf weinen, es dauert nur einen Moment.

— o —

Sielanka schlägt drei umgekehrte Kreuzzeichen über dem Foto und beginnt mit dem alten Ritual, das sie drei Wochen lang drei Mal täglich wiederholen muss, damit seine Wirkung nicht nachlässt. Vorher hat sie eine Weile vor dem Telefon gestanden und abgewartet ob es läutet, nun ist die Frist abgelaufen.

Sie raunt die griechischen und hebräischen Worte, ganz allein für sich und das Geschöpf, dessen Wandlung herbeigeführt werden soll:

Azote.

Boros.

Etosa.

Debac.

Cased.

Soeben hat sie das Wort Cased ausgesprochen, das auf Hebräisch Übermaß an hemmungsloser Wollust bedeutet, da klingelt das Telefon.

— o —

Sandra spricht in ihr Mobiltelefon während sie weiter die Treppen hinabsteigt, die Tasche hängt über ihrer Schulter und der lange Mantel über dem freien Arm.

„Ja, ich weiß, dass Sie es mir gesagt haben, es tut mir sehr leid, verstehen Sie jedoch bitte, dass auch meine Entscheidungen von anderen abhängen. Sie müssen unverzüglich alles abbrechen, was Sie in dieser Sache unternommen haben.“ Sie schlägt denselben Ton an wie gegenüber einem Gewerkschaftsvertreter, eben jemandem von derselben niederen Sorte.

„…“

„Señora, ich weise Sie ausdrücklich … Hallo, hören Sie?“

— o —

Sie lässt den Hörer auf die Gabel fallen, nimmt ihn wieder auf und legt ihn auf den Tisch. Starr blickt Sielanka ihn an und nickt, die Entscheidung ist getroffen, als sie aus ihrer Kitteltasche einen alten Lederbeutel mit einem männlichen Hoden zieht, dessen wahrer Eigentümer nach seinem Sturz vom Balkon nun im Leichenschauhaus liegt. Während sie darauf wartet, dass die Folgen eintreten, möchte sie tief durchatmen, doch ihre Lungen wollen sich nicht mit Luft füllen. In ihrem Inneren hat sich viel Nebel angesammelt.

— o —

Stetig drückt sie die Wahlwiederholung, während sie immer wütender die Stufen hinabrennt. Sandra kann nicht glauben, dass diese vermaledeite Alte aufgelegt hat; am Ende wird sie noch zu ihr nach Hause gehen müssen. Sie wird stoppen, was sich dort abspielt, ganz gleich wie, Sonia hat sich ihr gegenüber klar genug ausgedrückt. Sie stürmt so schnell hinab ohne den Blick von ihrem Handy abzuwenden, dass sie schließlich auf den langen Mantel tritt, der über ihrem Arm hängt. Nach dem ersten Überschlag landet sie auf dem Hals, fällt und rutscht noch meterweit, doch die restlichen Schläge spürt sie nicht mehr.

Scheinbar ist noch ein Hauch von Leben in ihr, als sie auf einem Treppenabsatz wach wird. Bereits ohne Atmung versucht sie vergebens, einen letzten Blick auf die Uhr zu werfen, die ihr Sonia geschenkt hat; ohne Pulsschlag versucht sie ein letztes Mal, sich Sonia vorzustellen. So wenig Kraft.

So wenig Zeit.

So viel Sehnsucht.

Juan Ramón Biedma wurde in Sevilla (Spanien) geboren. Er studierte Jura und arbeitete lange Zeit als Radiosprecher, Drehbuchautor, Musik- und Filmkritiker. Seine Karriere als Romanautor begann er mit El manuscrito de Dios (2004) und führte sie mit El espejo del monstruo (2007), El imán y la brújula (2008, Premio Novelpol und Premio Hammett), El efecto Transilvania (2008) und El humo en la botella (2010) fort. 2008 veröffentlichte er zusammen mit Pablo Muñoz und Sergio Ibáñez die Graphic Novel Riven. La ciudad observatorio.
Dorothee Calvillo verbrachte ihre Kindheit zwischen Spanien und Deutschland, studierte Romanistik und arbeitet seither als Fachübersetzerin. Seit 2005 studiert sie Literaturübersetzen in Düsseldorf und bereitet sich gerade auf ihr Diplom vor.

Diese Seite ausdrucken